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KLAGENFURT/ Stadttheater: „ANNIE, GET YOUR GUN“ – Musikalische Revue von Irving Berlin

26.05.2022 | Operette/Musical

25.5.2022: Stadttheater Klagenfurt – „ANNIE, GET YOUR GUN“

Als Irving Berlins (ja, der mit „White Christmas“) musikalische Revue über die Liebesgeschichte zwischen der legendären (historischen) Kunstschützin Annie Oakley und ihrem Konkurrenten bzw. späteren Ehemann Frank Butler in den 1940er Jahren das (Scheinwerfer-) Licht der Welt erblickte, brachen die Aufführungszahlen im englischsprachigen Raum sofort alle Rekorde. Und auch die deutschsprachige Erstaufführung 1957 an der Wiener Volksoper, eingerichtet vom visionären Marcel Prawy, mit dem blutjungen Eberhardt Wächter in der männlichen Hauptrolle, löste beim Publikum große Begeisterung aus.

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Anastasia Troska als schießwütige Annie © Helge Bauer

Heute ist es um das fröhlich-ausgelassene Werk, das im Grunde die Anfänge des US-amerikanischen Show Business rund um die gigantomanischen folkloristischen Revuen eines Buffalo Bill beleuchtet, anscheinend still geworden. Einem Publikum, das gegenüber gesellschaftlichen Werten wie Gleichberechtigung, Toleranz und Diversität sensibler geworden ist, kann man nicht mehr kommentarlos einen Plot vorsetzen, dessen Auflösung darin besteht, dass die – noch dazu wesentlicher begabtere – Frau „natürlich“ zurücksteckt, um die Liebe ihres Mannes nicht zu verlieren (was in der tatsächlichen Liebesgeschichte, die das Musical wiedergibt, übrigens so gar nicht der Fall war). Vor allem aber kann man das Milieu, in dem die Handlung spielt – nämlich die Massenspektakel, in deren Zusammenhang die Kunststücke der Scharfschützin (die angeblich u.a. dem späteren deutschen Kaiser Wilhelm die Zigarette aus dem Mund geschossen haben soll) als Attraktion gezeigt wurden – heute nicht anders denn als Schandfleck der jungen amerikanischen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts verurteilen: wurden doch dort nach der erfolgten systematischen Ermordung der indigenen Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents und ihrer politisch-gesellschaftlichen Ausschaltung für ein selbstgefälliges Publikum aus Siegern wie weiland im Kolosseum die eben erst geschlagenen Schlachten originalgetreu als inszeniert – mit haufenweise  echten Pferden, echten Soldaten, und vor allem, echten „Indianern“, die zusammen mit ihrem Oberhaupt Sitting Bull unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in ihrer Erniedrigung vorgeführt und zum chauvinistischen Gaudium der Zuschauer öffentlich als unzivilisierte Wilde verhöhnt wurden.

Berlins Werk spart diese Aspekte nicht aus, lässt sie aber, wie es in seiner Entstehungszeit noch möglich war, unkommentiert, ja sieht kein Hindernis, vor ihrem Hintergrund eine prachtvolle musikalische Komödie auf die Bühne zu bringen. Das geht heute – zu Recht – nicht mehr, und das Klagenfurter Stadttheater ist sich dessen nicht nur bewusst, sondern stellt sich dieser Herausforderung sehenden Auges, um eines Stückes willen, dass es trotz allem verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten.

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„Anything you can do, I can do better“ – Anastasia Troska (Annie), Erwin Belakowitsch (Frank) © Helge Bauer

Was sich umso eindrücklicher unter Beweis stellen lässt, wenn man über eine so hervorragende Interpretin der Titelfigur verfügt wie über die junge, temperamentvolle, aus Bonn gebürtige Anastasia Troska, die in Klagenfurt bereits als Sally Bowles, freilich im Schatten des ersten „Corona-Jahres“, auf sich aufmerksam gemacht hat. Dass sie eine Angehörige der „Generation Mikrophon“ ist, ist angesichts der aktuellen Entwicklung auf dem Sektor kommentarlos zur Kenntnis zu nehmen; sie beherrscht das Medium mit dem sprichwörtlichen kleinen Finger und gestaltet die anspruchsvolle Partie nach einer kleinen Aufwärmphase souverän mit in allen Lagen gut geführter Stimme sowie in allen stilistischen Schattierungen, die das Werk ihr abverlangt: vom geschmeidig bluesigen Jazz (z.B. Moonlight Lullaby) bis zur knalligen Show-Nummer (z.B. You can’t get a Man with a Gun).

Da sie dabei auch darstellerisch sowohl das quirlige Temperamentsbündel als auch die zart anschmiegsame junge Verliebte glaubhaft zu machen versteht, ist es nur zu verständlich, dass der von ihr Ausersehene, den Erwin Belakowitsch verkörperte, ihrem Reiz schlussendlich erliegen muss. Der Steirer legt den bereits als Star etablierten Schützen weniger als Macho denn eher als blasierten Beau an, den man durchaus auch verunsichern kann, und setzt dabei gesanglich auf die große Geste, wozu er durchaus die Mittel zur Verfügung hat – wobei angesichts der ohnehin vorhandenen elektronischen Unterstützung da und dort vielleicht etwas weniger sogar mehr gewesen wäre. Vor allem, weil sich in der unteren Lage bei ihm gelegentlich sogar ein erhebliches Vibrato einschleicht.

Angesichts der Größe des übrigen Ensembles, in dem jede und jeder in gut eingespielter Formation ihren bzw. seinen Beitrag zu einem erstklassigen Abend leistete (und da im Programmheft leider keine Angaben zum konkreten „Dienstplan“ der Doppelbesetzungen zu eruieren waren) – seien von den weiteren Darstellern nur einige herausgepickt: wie Hans Neblung als schönstimmiger und menschlich umsichtiger Charlie Davenport, Daniel Doujens als auch optisch recht überzeugender Buffalo Bill sowie – für den gesanglich und darstellerisch überaus geforderten, von Günter Wallner einstudierten Chor des Stadttheaters Klagenfurt – die beiden Chorsolisten: die höhensichere Sun Mi Kim und der beeindruckend sonore Gregor Einspieler-Springer. Und natürlich: die Kinder und Jugendlichen aus der Singakademie Carinthia! – die in lässiger Professionalität ihre Aufgaben erfüllen und sich in die Herzen des Publikums spielen.

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Ensemble © Helge Bauer

Die musikalische Leitung des Abends oblag dem Kanadier Michael Spassow, der mit dem im Schlagwerk ein wenig verstärkten Kärntner Symphonieorchester den süffigen Sound der Songs mitreißend zum Klingen brachte, in den Bläsern vielleicht ein wenig resch, dafür mit dem für Klagenfurt typischen samtweich geschmeidigen Streicher-Ton.

Für das szenische Konzept (inkl. Choreographie) zeichnete in der von Alexandra Burgstaller einfach, doch wirkungsvoll eingerichteten Bühnenarchitektur die Französin Pascale-Sabine Chevroton verantwortlich und bewältigte die eingangs geschilderte Herausforderung einer Einrichtung dieses Stücks für ein in seinen Haltungen gänzlich verändertes Publikum mit Anstand. In kluger Einschätzung der sprachlichen Wirkung ließ sie wohl auf Deutsch spielen, die Gesangsnummern aber in ihrem englischen Original vortragen (in Zeiten von Übertitel-Anlagen kann man dem Publikum das Switchen problemlos zumuten). Mit zirkusreif choreographierten akrobatischen Einlagen vermittelte sie das nötige „Feeling“ von Show und Entertainment, in stimmungsvollen Arrangements – etwa im nächtlichen Zugsabteil oder auf dem Deck während der transkontinentalen Überfahrt – kamen zwischenmenschlich feinere Töne zur Geltung. Den finalen „Rückzieher“, bei dem Annie bekanntlich absichtlich danebenschießt und damit ihren Frank davor bewahrt, sein Gesicht zu verlieren, deutet sie mit dem nötigen Augenzwinkern und somit in Wirklichkeit als Sieg der (weiblichen) Vernunft und Intuition. Vor allem aber setzt sie die Figur des Häuptlings Sitting Bull in sein Recht, indem er einerseits vor allem im Zusammenspiel mit Annie Gelegenheit erhält, sich in der Würde seiner Kultur zu zeigen. Andererseits zeigt sie die Vermarktung seiner Person als das, was sie ist, und greift die wie gesagt historisch belegte schamlose Vorführung des Siegers vom Little Big Horn explizit auf, indem sie ihn sozusagen nach dem „offiziellen“ Ende des Stücks in einem neu hinzugefügten Schluss auf die Showbühne holt und ihn (wie er es in ähnlicher Form in der Realität auch getan hat) seine berühmte Rede halten lässt, in der er vor der rücksichtslosen Ausbeutung der Erde und deren vernichtenden Folgen für den Menschen warnt – mit der er unter den grell gewandeten Mitwirkenden aber nicht Betroffenheit, sondern Gelächter auslöst, bis dahin, dass sie ihn schließlich mit dem Schlager vom „Show Business“, der wie „no business“ ist, ignorant übertönen.

Ein Moment, der angesichts der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, die Gänsehaut aufziehen lässt. Respekt!

Valentino Hribernig-Körber

 

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