
Tao Fan und die Capella Mahleriana. Alle Fotos (Handy): Manfred A. Schmid
KLAGENFURT / Konzerthaus: WoertherseeClassics mit BRAHMS & Co
17. Juni 2023 – Zweiter Tag des Festivals
Von Manfred A. Schmid
Mit Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 on d-Moll, ausgeführt von Mikhail Pletnev und der Capella Mahleriana unter der Leitung von Alexei Kornienko, sowie mit der Dritten Sinfonie von Mendelssohn-Bartholdy, wurde das Festival, das den „Wörthersee-Komponisten“ Berg, Mahler, Brahms, Wolf und Webern gewidmet ist, eröffnet. Am zweiten Tag steht einer der Leitsterne von WoertherseeClassics im Mittelpunkt: Johannes Brahms. Die Aufführung seiner Symphonie Nr. 3 in F-Dur, auch die „Rheinische“ genannt, wird von Tao Fan geleitet. Fan, derzeitiger, auch international gefragter „Chinesische Nationaldirigent“, lässt mit der fein aufgestellten Capella Mahleriana nachempfinden, warum Antonin Dvorak über dieses großartige, sehr kammermusikalisch konzipierte Werk geschwärmt hat: „Das Herz geht einem dabei auf.“
So ergeht es dem Publikum auch diesmal. Es wird mitgenommen auf eine Reise, die im ersten Satz von Gegensätzlichkeiten geprägt wird, da sich Dur und Moll, Hell und Dunkel, Licht und Schatten abwechseln und bis zum Schluss mit immer neuen Stimmungen überraschen. Erwähnenswert der fanfarenähnliche Einsatz der Blechbläser. Alles ist stets in Bewegung. Im folgenden, um einiges kantabler angelegten Adagio-Satz, tritt mehr Ruhe ein – erwähnenswert die nachdenkliche Melodie der Soloklarinette, während es im dritten mit der Angabe „Poco allegretto“ geradezu tänzerisch zugeht. Pizzicato- und Arco-Streicher verstärken die rhythmische Gestaltung. Kein Wunder, dass im Film Lieben Sie Brahms? sich dieser eindringliche dritte Satz wie roter Faden durch den Film zieht und ihm eine ganz besondere Dramatik verleiht. Der vierte Satz mündet dann in einen romantischen Ausklang. Ganz untypisch für einen “ Allegro“-Schlusssatz ist der Umstand, dass er, wie auch die vorhergehenden Sätze, piano endet: Kein triumphales, sondern ein friedvolles Ende. Die Zuhörerschaft verfolgt gebannt das musikalische Geschehen und bedankt sich mit begeistertem Applaus.
Musikalisch eingeleitet wurde der Konzertabend, der traditionsgemäß vom Musikkritiker Wilhelm Sinkovicz kenntnisreich und apetittanregend einmoderiert wird, mit der Uraufführung einer zeitgenössischen Komposition. Regelmäßig Auftragswerke zu vergeben, gehört nämlich zu den wichtigen Anliegen des WoertherSee Classics Festivals. Diesmal ist es das dreiteiligen Stück Frühling von Maximilian Kreuz. Die (frei-)tonale, harte Dissonanzen vermeidende und daher das Publikum nie überfordernde Komposition für Streichorchester ist eine Art Programmmusik und passt gut zur 3. Symphonie von Brahms, die oft mit den Naturschilderungen in Beethovens Pastorale verglichen wird. Der 1953 geborene Maximilian Kreuz unternimmt hier, wie er erklärt, „eine Wanderung durch den Frühling mit allen seinen Facetten“. Bei dieser Wanderung durch eine Berglandschaft werden „duftende Impressionen“ ebenso beschworen wie das Betreten „unwegsamerer Regionen“, und ber eine „Rast“ hat hier genauso ihr Recht wie das Heraufziehen der „abendlichen Dämmerung“. Der zweite Teil steht unter dem aussagekräftigen Motto „heiter bis wolkig“ und bedarf keiner weiteren Erläuterung, während der Schlussteil mit „Dunkel und hell Zurückgehalten“ ziemlich klar auf den ersten Satz von Brahms „Dritter“ verweisen könnte, wo ebenfalls die Folge von Dunkel auf Hell und umgekehrt toangebend ist. Etwas mehr klangliche Zuspitzungen – Dissonanzen – wären aber zuträglich möglich gewesen. So ist der Gesamteindruck vielleicht doch etwas zu brav.

Die Osmium-Geige von Edgar Russ wird von Elena Denisova erstmals öffentlich gespielt,
Eingerahmt vom Frühling von Maximilian Kreuz und der Dritten Symphonie von Johannes Brahms erklingt – als mitreißender Höhepunkt des Abends – das virtuose 1. Violinkonzert von Niccolo Paganini. Elena Denisova, Präsidentin des Festivals, tritt als Solistin in Aktion und liefert ein atemberaubendes, bravourös funkelndes Feuerwerk auf der Geige ab: Technisch ausgefeilt, mit abenteuerlichen Doppelgriffen, fulminanten Läufen, und rasant federnden und über die Saiten tanzenden Spicatto-Einlagen. Dabei ist Denisova aber immer darauf bedacht, die gesanglichen Linien des Geigenparts nicht aus den Augen zu verlieren und der reiche melodiöse Erfindungsgabe Paganinis gerecht zu werden. Eine „Teufelsgeigerin“, wie man sie in Anlehnung an die Zuschreibung des legendären Paganini nennen könnte, halte ich nicht für zutreffend. Aber dass Denisova spielt wie ein Engel, könnte schon passen. Große Musik ist eben nicht nur glänzende Technik, sondern braucht unbedingt immer auch eine gehörige Portion an Gestaltungswillen und Empathie. Und das gilt selbstverständlich auch für die hellhörig begleitende Capella Mahleriana und den einfühlsamen Dirigenten Tao Fan.
Der Jubel des Publikums ist riesengroß. Als Zugabe lädt Elena Denisova in einen Saal nebenan ein, wo die einzigartige Osmium-Violine von Medienboss Kurt Assam präsentiert wird und auf der Elena Denisova als Überraschung zum ersten Mal öffentlich in Österreich spielt: zwei Stücke von Fritz Kreisler. Ein Erlebnis der besonderen Art. Schöpfer der Osmium-Violine ist der Geigenbauer Edgar Russ, der mit 548 angebrachten kristallinen Osmiumteilchen und 282 Edelsteinen die wertvollste neue Violine der Welt geschaffen hat. Ein Unikat gewiss. Vielleicht auch ein Unikum. Sinn und Zweck dieser Kreation werden sich wohl noch erweisen müssen.

