4.7.2026: BURGHOF KLAGENFURT – REZITAL ELENA STIKHINA

Elena Stikhina. © Anastasia Cherkaschina
Es ist für das musikbegeisterte Publikum in der sogenannten „Provinz“ immer eine besondere Freude, wenn sich veritable Stars der großen internationalen Bühnen live präsentieren, wie in der zurückliegenden Saison des Klagenfurter Stadttheaters zuerst Juan Diego Florez und zuletzt Elina Garanca – und nun im Rahmen der Reihe „Klassik in Klagenfurt“ (samstags um 11.00 Uhr) die russische Sopranistin Elena Stikhina, eine der am meisten beschäftigten Künstlerinnen ihres Fachs, wie etwa ein Blick in die kommende Saison der Wiener Staatsoper zeigt, wo sie als Elisabetta (Don Carlo), als Lisa (Neuproduktion Pique Dame) und als Puccinis Manon angekündigt ist.
In Klagenfurt hatte sie sich freilich keine Arien, sondern ein anspruchsvolles Programm aus Liedern von Richard Strauss (op. 10 und op. 27) und – nach der Pause – von Pjotr Iljotsch Tschaikowski sowie von Sergej Rachmaninow vorgenommen. Wobei sich natürlich immer die schwierige Frage stellt, ob dezidierte Opernsänger im Liedfach reüssieren können (der positiven Beispiele gibt es nicht allzu viele): am ehesten wohl ohnehin bei Strauss, dessen Lieder auch in der schlankeren Klavierfassung besser in einer an Opern gewöhnten Kehle liegen als etwa Schubert, Brahms oder Wolf.
Dass der sprichwörtliche Funke dennoch nicht so recht überspringen mochte, mag unter anderem daran gelegen haben, dass die Acht Lieder op. 10 für einen sonnigen Samstag-Vormittag doch recht melancholische, ja „herbstliche“ Töne anschlagen (man denke nur z.B. an „Geduld“, „Die Zeitlose“ oder überhaupt „Allerseelen“). Zudem war die Sängerin vor der Pause hörbar damit beschäftigt und darauf bedacht, dass ihr die vokalen „Pferde“ nicht durchgehen, blieb im musikalischen Ausdruck sowie in der Mimik verhalten, war textlich kaum verständlich und insgesamt über weite Strecken auf das Tablet vor sich angewiesen. Die für die Ehefrau des Komponisten zur Hochzeit geschaffenen Vier Lieder op. 4 mit ihrer tendenziell dramatischeren Anlage fielen ihr leichter, wenngleich man sich gerade deshalb von der Operndiva durchaus mehr Fülle im Vortrag erwartet hätte und auch hier den Stücken inhaltlich nur folgen konnte, wenn man die Kenntnis der Texte bereits mitbrachte. Überhaupt wollte die Tatsache, dass nur eine – im Detail nicht einmal vollständige – Aufstellung des Programmablaufs auflag, aber keine Texte zu den Liedern erhältlich waren (noch dazu, wo die zweite Hälfte des Konzerts aus russischen Stücken bestand), nicht recht einleuchten, war damit ein inhaltliches Miterleben der Stücke für den Großteil des Publikums de facto unmöglich.
Als es im zweiten Teil an Werke des russischen Repertoires ging, mit Tschaikowskis „Weshalb?“, „So schnell vergessen“, „O Kind“, „Es war im frühen Frühling“, „Sag mir, wovon im Schatten der Zweige“, „Ob der Tag herrscht“, war es freilich unüberhörbar, dass die aus Lesnoi stammende Sängerin nun sozusagen heimatliches Terrain betrat. Mit stimmiger Körpersprache – teilweise in leidenschaftlichem Gestus, teilweise locker ans Klavier gelehnt, mit anscheinend (der Rezensent beherrscht die russische Sprache nicht, nahm aber deutlicher artikulierte Konsonanten wahr) wesentlich besserer Artikulation und vor allem mit farbenreich strömendem Gesang trug sie die Lieder ihres Landsmannes nicht einfach vor, sondern (er-) lebte sie. In der Arie der Francesca aus Rachmaninows „Francesca da Rimini“ – und ein Stück weit auch in den hoch emotionalen „Frühlingsfluten“ desselben Komponisten – konnte Stikhina schließlich noch ihre opernhafte Seite zeigen und nutzte diese Gelegenheit auch, eine gewisse Tendenz zu einer metallischen Grundierung ihrer Höhe inklusive.
Am Ende standen viele Blumen und eine (sehr) kurze Zugabe, die der nicht vor der bereits herrschenden Mittagshitze flüchtende Teil des Publikums sich noch erklatschte. Wie überhaupt bei dieser Veranstaltungsreihe im 17. Jahr ihres Bestehens die Hitze zu einem zunehmenden Thema wird (das erste Konzert musste kurzfristig gar in die nahe Domkirche verlegt werden). Denn wenn auch große Schirme flächendeckend für Abschattung (nicht unbedingt für Abkühlung) sorgen, so verdecken diese den Blick auf den eleganten Arkadenhof aus dem späten 16. Jahrhundert, dessentwegen vermutlich seinerzeit die sogenannte Klagenfurter Burg, das ehemalige protestantische Collegium Sapientiae et Pietatis, als Austragungsort gewählt wurde – vor allem scheinen sie akustisch nicht unproblematisch.
Damit musste sich auch Alexandra Goloubitskaia, die engagierte und durch zahlreiche überaus anspruchsvolle Vor-, Zwischen- und Nachspiele reichlich geforderte Begleiterin des Recitals am Klavier, auseinandersetzen, zumal gerade die feineren Nuancen ihres Spiels sich im Raum nur bedingt entfalten konnten. Ihr Intermezzo während der beiden Strauss-Blöcke im ersten Teil, die Klavier-Transkription des finalen Trios aus der Oper „Rosenkavalier“, wurde als technisches Bravourstück kräftig akklamiert, wenn es auch als „Werk“ eher in die Abteilung „Kuriositäten“ einzureihen ist (vor allem im Hinblick auf den mit den zwei Händen eines Menschen quasi uneinlösbaren Anspruch der halbwegs adäquaten Wiedergabe einer der musikalisch reichhaltigsten Szenen der Opernliteratur). Im Übrigen zeigte die Pianistin gemeinsam mit ihrer „Umblätterin“ sehr gute Nerven angesichts einiger übermütiger Windböen, die ihnen zur Unzeit in die Noten fuhren, und angesichts des anscheinend unausrottbaren Handy-Geklingels, unter anderem während des Klavier-Solos zu „Morgen“ (!).
Valentino Hribernig-Körber

