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Katrin Unterreiner: KEIN KAISER SOLL UNS STÖREN – Katharina Schratt

01.09.2014 | buch

BuchCover Unterreiner, Schratt

Katrin Unterreiner:
KEIN KAISER SOLL UNS STÖREN –
Katharina Schratt und ihre Männer
192 Seiten, Verlag Styria, 2014 

Die Dame hat in Kreisen, die Habsburg gewogen sind, einen recht guten Ruf. War es doch diese Katharina Schratt, bildhübsche Schauspielerin des Burgtheaters, die dem armen Kaiser Franz Josef in aller Frühe Kaffee und Gugelhupf servierte, ihn plaudernd mit dem Klatsch der Kaiserstadt vertraut machte und ihm jene menschliche Wärme vermittelte, die die meist abwesende Kaiserin Elisabeth so vermissen ließ. So lautet der gute Leumund der mildtätigen Dame.

Aber wenn man mehr von Katharina Schratt wüsste, wäre man vielleicht nicht mehr so angetan von ihrem Charakter. Autorin Katrin Unterreiner, die sich zwischen Buchdeckeln schon ausführlich mit Habsburg beschäftigte und mit Elisabeth, Franz Josef und Rudolf schon einige Hauptfiguren abgehakt hat, ist nun bei der Schratt gelandet. Und siehe da, die Dame hatte es faustdick hinter den Ohren.

In den Kapiteln, die die Autorin auflistet und die alle Männernamen tragen, steht der Kaiser immerhin an der Spitze – Kunststück, Franz Joseph war sicher der reichste, großzügigste und unschuldsvollste von allen Herren. Was nicht hieß, dass die Schratt meinte, ihm Treue schuldig zu sein. Der Graf Wilczek, der König von Bulgarien, der Freiherr von Braun, ein ganz schlichter „Karl“ und der Schauspieler Viktor Kutschera standen, wie man nachlesen kann, auch in ihrer Gunst. Kurz, sie war, wie die Autorin formuliert, eine wahr femme fatale, die es verstand, immer mehrere Männer gleichzeitig um sich zu scharen. Wie das ging? Vermutlich durch jene fabelhafte Diskretion, die sie dann auch in Bezug auf den Kaiser wahrte – nie ließ sie sich von irgendwelchen Journalisten „Intimitäten“ über ihre Beziehung abkaufen.

Geboren am 11. September 1853 als Tochter eines Papierwarenhändlers in Baden bei Wien, wäre die Schratt heute trotz ihrer Stellung als Burgschauspielerin (wo sie allerdings nie in die ganz vorderste Reihe vorrückte) mit Sicherheit vergessen, obwohl sie, was nicht jeder Dame ihres Berufs gelang, adelig heiraten konnte, als aus ihrer ersten großen Liebe zu Kollegen Alexander Girardi nichts wurde. Nikolaus Kiss de Ittebe, ein Jahr älter als sie, schien ihr ein elegantes Leben zu bieten, der Sohn Anton wurde geboren, man residierte hochherrschaftlich in der Gumpendorfer Straße. Allerdings stellte sich bald heraus, dass der Gatte im Grunde verarmt war, und das gefiel ihr gar nicht. Die Schratt gab ihm den Laufpass, wenngleich sie bis zum Tod von Kiss 1909 offiziell verheiratet blieb.

Die Schratt fand immer Gönner, so auch einen, der ihre Schulden zahlte, und sie kam 1883 ans Burgtheater. Bei der damit verbundenen Antrittsaudienz beim Kaiser ist sie diesem noch nicht aufgefallen, wie es heißt… Mit 30 galt sie damals schon als „gar nicht mehr jung“. Aber sie machte ihren Weg – wenn sie dem Kaiser bei Bällen über den Weg lief, gefiel sie ihm nun schon besser, und wie man weiß (offenbar entspricht es den Tatsachen), griff Kaiserin Elisabeth ein. Um ihre Abwesenheiten von Wien guten Gewissens zu rechtfertigen, „verkuppelte“ sie die Schratt mit ihrem Gatten. Es funktionierte – und Elisabeth bezog die Schratt so sehr in die Familie ein, dass der Schein voll gewahrt blieb.

Für die Schratt brachen goldene Zeiten an, weil Franz Joseph ungemein großzügig schenkte. Man traf sich zuerst im Salzkammergut, wo der Kaiser jeden Sommer in Ischl war, dann in Wien, und da der Briefwechsel des Paares erhalten ist, kann die Autorin die Beziehung in aller detaillierter Ausführlichkeit schildern. Dabei ist bekannt, dass es vor allem die „Plauderkünste“ der Schratt waren, die Franz Joseph entzückten (und ihn wohl am besten aus seinem trockenen Akten-Arbeitsalltag herausholten). Im übrigen war das Verhältnis stadtbekannt, die Schratt galt als „mächtige“ Person, die Einfluß beim Kaiser hatte, und in den Geheimdienstberichten der Zeit (etwa jenen an den deutschen Kaiser) kam sie prominent vor.

Die Beziehung dauerte mit ein paar kleineren Unterbrechungen bis zum Tod des Kaisers, also an die drei Jahrzehnte, Fotos zeigen sie als altes Paar, wobei die Schratt ihn umschmeichelte, er ihr mit nie endender Galanterie und Sorge um ihr Wohlbefinden begegnete. Die Schratt half ihm durch die Tragödien seines späten Lebens, den Tod von Kronprinz Rudolf, den Tod von Kaiserin Elisabeth. Die „Gewissensehe“, die am Totenbett des Kaisers angeblich geschlossen wurde, bezweifelt die Autorin allerdings sehr.

Und doch hatte Franz Joseph nebenbei noch bis 1889 ein Verhältnis mit Anna Nahowski, und für die Schratt war der Kaiser auch nicht der Einzige, wie man in den weiteren Kapiteln des Buches lesen kann. Wobei man gewusst hat, dass Graf Wilczek ein „Rivale“ des Kaisers war, tatsächlich hatte die Schratt – Franz Joseph lief immer nebenher – eine leidenschaftliche Beziehung mit dem originellen, gebildeten, außerordentlich reichen Aristokraten. Er war allerdings verheiratet, also blieb das Verhältnis diskret, obwohl er ihr extrem leidenschaftliche Briefe schrieb und äußerst eifersüchtig auf den Kaiser war. Und dieser witterte auch etwas.

Wilczek wurde von der Schratt jedenfalls in die Wüste geschickt, vielleicht wegen Schauspielerkollegen Viktor Kutschera, vielleicht wegen dem „Bulgaren“, der eigentlich ein deutscher Prinz aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha und sechs Jahre jünger als die Schratt war. Damals besetzte man Königswürden willkürlich, viele deutsche Prinzen gingen auf den Balkan, Ferdinand hielt sich aber auch als König von Bulgarien viel in Wien auf und beglückte Burgschauspielerinnen, nicht nur die Schratt, auch Kollegin Lili Marberg… Aber manchmal scheinen der Schratt ihre vielen Männer auf einmal über den Kopf gewachsen zu sein, denn die Herren beschwerten sich über zu geringe Beachtung.

Groteskerweise hatte die Schratt trotz ihrer reichen Liebhaber immer wieder Schulden, und da konnte Adolf von Braun, der des Kaisers Kabinettskanzlei leitete und für finanzielle Zuwendungen zuständig war, helfen. Wie die Schratt „bezahlte“, wer weiß das schon – jedenfalls besuchte sie seine Exzellenz häufig. Schließlich geistert noch ein Verehrer namens „Karl“ durch das Buch, bevor man bei Viktor Kutschera landet, auch er ein einst erfolgreicher, aber mittlerweile vergessener Schauspieler in Wien, der angeblich ihre wirkliche „große Liebe“ war.

Kutschera war am Deutschen Volkstheater engagiert, die Schratt gastierte dort in der Rolle der Maria Theresia, und obwohl sie damals an die 50 war, muss ihr erotischer Zauber funktioniert haben – und es hat sie „erwischt“, wie hektisch-hymnische Liebesbriefe bezeugen. Am liebsten hätte sie den Kollegen von seiner Frau „losgekauft“. Doch Kutschera zerstörte seine Familie nicht – und die Schratt hatte ja immer den Kaiser, der rührend dankbar für ihre Existenz war…

Es ist viel Klatsch und Tratsch in diesem Buch, aber es marschieren hier auch außerordentlich interessante Zeitgenossen durch. Die erotische Geschichte eines Zeitalters gehört zur Kulturgeschichte, daran besteht kein Zweifel. Und Katharina Schratt hat da in ihrer Welt eine überproportional große Rolle gespielt – über den Kaiser hinaus…

Renate Wagner

 

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