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Katharina Prager: BERTHOLD VIERTEL

21.05.2018 | buch

 

Katharina Prager:
BERTHOLD VIERTEL
Eine Biographie der Wiener Moderne
364 Seiten, Böhlau Verlag, 2018

Wahrscheinlich ist es Studenten der Theaterwissenschaft und interessierten Theaterleuten vorbehalten (nicht jeder wird –  wie ein einstiger Burgtheaterdirektor –  etwa den Namen „Thimig“ noch nie gehört haben…), noch zu wissen, wer Berthold Viertel war. Interessanterweise hat seine Gattin Salka Viertel es noch eher in das Bewusstsein der Nachwelt geschafft, und das nur, weil ihr Drehbuch des „Königin Christine“-Films mit dem Namen Greta Garbo verbunden ist. Aber über Gerechtigkeit der Mit- und auch Nachwelt muss man nicht rechten, es gibt sie kaum.

Die Historikerin Katharina Prager, die Salka Viertel bereits eine Biographie gewidmet hat, hat sich nun auch Berthold Viertels angenommen – im erweiterten Sinn: Sie nennt das Buch über ihn „eine Biographie der Wiener Moderne“ und stellt ihn stets in Kontext zu seiner Zeit, speziell auf die Wiener Jahre bezogen…

Zuerst: Wer war Berthold Viertel wirklich, der von 1949 bis zu seinem Tod 1953 noch einige Stücke am Wiener Burgtheater inszenierte (Arbeiten, für die sich die Autorin dieses Buches gar nicht interessiert)? Es war dies die späte Heimkehr eines Wieners, der hier 1885 in der Mariahilfer Straße geboren worden war und den das 20. Jahrhundert mit der vollen Wucht traf, die vor allem den europäischen Juden mit entweder Vernichtung oder Vertreibung als Schicksal blühte.

Die Autorin positioniert den jungen Viertel grundsätzlich „links“, in der „Gegenpartei“ zu den wohlhabenden, im Cottage angesiedelten „Jung Wienern“ (Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann), auf die sich Interesse und Ruhm konzentrierte und denen er allerlei Böses nachsagte (schrieb). Viertel konnte man bei den „Kulturanarchisten“ finden, im „Lager“ von Karl Kraus, ohne in dessen „Gruppe“ wirklich fixierbar zu sein. Erste Arbeiten lieferte er an der Wiener Freien Volksbühne ab (am entgegen gesetzten Ende vom Burgtheater angesiedelt…).

Der Erste Weltkrieg blieb ihm nicht erspart, dann machte er als Theatermann – Kritiker, Dramaturg, Autor, Regisseur – seinen Weg von Prag über Dresden nach Berlin, auch als Regisseur im Stummfilm, nebenbei war er Lyriker, Essayist, Sachbuchautor (u.a. über den verehrten Karl Kraus).

Nach einem kurzen, missglückten Zwischenspiel in Düsseldorf hat er sich mit Gattin Salka (gebürtige Salomea Steuermann aus der Ukraine) und den Kindern in die USA begeben. So wie in Deutschland konnte Viertel zwar immer mehr oder minder für seinen Unterhalt sorgen. Er inszenierte in Hollywood zahlreiche Filme, pendelte vor dem Krieg noch zwischen Wien, Deutschland und London, wo er sich dann niederließ, wurde nirgends (auch in den USA nicht, wo Salka geblieben war) sesshaft (es war ein „transnationales Leben“, wie die Autorin es nennt) – und vor allem nirgends wirklich „berühmt“.

1948 kehrte er nach Wien zurück, wo er ehrenvoll (aber nicht enthusiastisch) aufgenommen wurde, lag auf ihm doch der Verdacht, ein Kommunist zu sein… Die Autorin macht sich keine Illusionen – Viertel mag in seinen Schriften und Arbeiten ein Mann von höchster Qualität gewesen sein, zu wahrer Popularität brachte er es nie. Keine seiner Leistungen gelangte ins Zentrum der medialen Betrachtung.

Darum ist die Sekundärliteratur über ihn auch bescheiden, er läuft in vielen Büchern „unter ferner“ mit, stand kaum je im Fokus einer so gewichtigen Untersuchung wie dieser. Wobei sich die Autorin auf zahlreiche in den Nachlässen vorhandene autobiographische Aufzeichnungen Viertels stützen kann, die sie in vielen Zitaten einbringt (sie hat diesen Nachlaß „Kasten für Kasten“ durchgesehen).

Sie folgt zwar dem Lebenslauf des Künstlers chronologisch, setzt aber dennoch thematische Schwerpunkte, die Viertel auch ideologisch fixieren – etwa an den „dunklen Seiten“ der Wiener Moderne (wo auch seine späteren Konflikte mit Ernst Lothar liegen, der seiner Meinung nach das Schicksal Österreichs über Gebühr beschönigt hat). Viertel wird auch als Stachel im Fleisch geortet, wenn andere Kollegen – Stefan Zweig etwa – der Habsburger-Epoche wehmütig nachblickten. (Einen Film über Kaiserin Elisabeth, für die Garbo gedacht, hat er allerdings skizziert…)

Die Autorin setzt Viertel auch in Bezug zu dem Judentum Galiziens, aus dem seine Familie stammte (als „echter Wiener“ teilte der Jude Viertel manche Vorurteile gegen das Ostjudentum), in Bezug zu dem Wiener Judentum, das vielfach (wie in seiner Familie) ohne sonderliche religiöse Bindung auskam, zu dem Faktum, dass ein wohlhabendes Judentum mit „katholischen Dienstmädchen“ lebte (die auch eine Art von Einfluß hatten) und natürlich der deutschen Sprache und Kultur ideologisch nahestand. Auch seine Beziehung zur Familie von Friedrich Adler wird ausführlich behandelt.

Es war aber auch das Wien Luegers und Hitlers, in dem man damals lebte, und so positioniert die Autorin Berthold Viertel inmitten aller Spannungen der damaligen Zeit und Welt. Letztlich lebte man in einer Welt „freier“ Sexualität, eine Gewohnheit, die ihn sein Leben lang begleitete und seine letzte Gattin, Elisabeth Neumann, vor die Tatsache stellte, dass er unverhohlen neben ihr mehrere Freundinnen gleichzeitig hatte. Aber das ist nur eine Marginalie.

Alles in allem liefert die Autorin ein „rundes“ Lebensbild eines rührigen, vielseitig begabten, wohl oft unter seinem Wert gehandelten Künstlers, den sie als echtes Kind jener Wiener Jahrhundertwende um 1900 darstellt, die in einem bunt-ideologischen Spektrum so viele bedeutende Exponenten hervorgebracht hat. Auch Berthold Viertel.

Renate Wagner

 

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