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KASSEL: DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold

02.06.2016 | Oper

Großer Opernabend in Kassel: „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold (Vorstellung: 1. Juni 2016)

Seit einigen Jahren kann man Korngolds Oper „Die tote Stadt“ nicht mehr als Opernrarität einstufen, wurde sie doch inzwischen von zahlreichen Bühnen Europas in ihren Spielplänen aufgenommen. So war sie zuletzt unter anderem in Innsbruck, Graz, Frankfurt / Main, Chemnitz und Magdeburg zu sehen. Und Ende April hatte die Oper „Die tote Stadt“ des österreichischen Komponisten Erich Wolfgang Korngold, der als Wunderkind galt, am Staatstheater Kassel Premiere und feierte im Opernhaus der Stadt einen spektakulären Erfolg.

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Mit seiner Liebe für Marietta (Celine Byrne) versucht Paul (Charles Workman) seine verstorbene Gattin Marie zu vergessen (Foto: Nils Klinger)

„Die tote Stadt“, deren Libretto Korngolds Vater unter dem Pseudonym Paul Schott nach dem  Roman Bruges-la-morte von Georges Rodenbach verfasste, wurde am 4. Dezember 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführt. Das Werk, das zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt ist, geriet nach dem Sensationserfolg allerdings längere Zeit in Vergessenheit, aus der sie glücklicherweise inzwischen wieder entrissen wurde.

Regisseur Markus Dietz, seit der Saison 2014 / 15 Oberspielleiter am Staatstheater Kassel, gelang eine eindrucksvolle Inszenierung, bei der er auch mit Videobildern im Hintergrund für eine dichte Atmosphäre in den Traumsequenzen sorgte. Die Idee, die verstorbene Marie mit einer Schauspielerin in stummer Rolle während der gesamten Handlung auf der Bühne zu präsentieren, verstärkte die Traumszenen von Paul beträchtlich (Anm.d.Red.: Kaspar Holten hatte diese Idee in seine Helsinki-Inszenierung, 2010 auch auf DVD erhältlich, einfließen lassen). Auffallend auch seine exzellente Personenführung, die sich besonders in den sinnlich-erotischen Szenen offenbarte.

Das einfach gehaltene Bühnenbild mit einem riesigen Regal im Hintergrund, auf dem sich des Öfteren die Darstellerin der toten Marie tänzerisch bewegt, schuf Mayke Hegger, die Kostüme – mit erotischem Touch für die Damen – entwarf Henrike Bromber. Für die Videosequenzen zeichnete Michael Lindner verantwortlich.  

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Szenenbild mit Marietta (Celine Byrne) und mit Marie, auf dem Regal liegend (Eva-Maria Sommersberg) Foto: Nils Klinger

Mit herausragenden Leistungen wartete das internationale Sängerensemble auf. Allen voran der amerikanische Tenor Charles Workman in der schwierigen Rolle des Paul, die er sowohl stimmlich wie schauspielerisch blendend bewältigte. Ihm ebenbürtig die irische Sopranistin Celine Byrne als Marietta, die mit gleichfalls kräftiger Stimme und dazu noch mit verführerischer weiblicher Erotik aufwartete. Es knisterte des Öfteren nicht nur musikalisch bei den Liebesszenen zwischen Marietta und Paul. 

Eindrucksvoll auch die Leistung der deutschen Schauspielerin Eva-Maria Sommersberg, die in Wien am Reinhardt-Seminar studierte. Sie agierte als „tote Marie“ zwar stumm, aber mit erotisch-tänzerischer Grandezza (choreografische Mitarbeit: Lilian Stillwell), die immer wieder faszinierte. Ein absoluter Höhepunkt des Abends war Pierrots Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“, das der koreanische Bariton Hansung Yoo mit selten gehörter Innigkeit und Wärme zum Besten gab.  

Weiters eindrucksvoll agierten auch die kanadische Mezzosopranistin Marta Herman als Pauls Haushälterin Brigitta und der rumänische Bariton Marian Pop als Pauls Freund Frank sowie der brasilianische Tenor Paulo Paolillo in der Rolle des Victorin, des Regisseurs in Mariettas Truppe, aus der auch noch die beiden Tänzerinnen Juliette und Lucienne zu nennen sind. Juliette wurde von der chinesischen Sopranistin Lin Lin Fan gesungen, Lucienne von der österreichischen Mezzosopranistin Maren Engelhardt. Die Partie des Grafen Albert sang der koreanische Tenor Johannes An.

Stimmkräftig agierten der Opernchor (Einstudierung: Marco Zeiser-Celesti) und der  CANTAMUS-Chor des Staatstheaters Kassel (Einstudierung: Maria Radzikhovkiy).

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Symbolträchtig: Paul (Charles Workman) blickt auf das Kreuz, an das seine verstorbene Gattin Marie (Eva-Maria Sommersberg) gebunden ist (Foto: Nils Klinger)

Dass dieser eindrucksvolle Opernabend auch musikalisch ein Ereignis wurde, war dem Staatsorchester Kassel unter der umsichtigen Leitung des schwedischen Dirigenten Patrik Ringborg zu danken, das die klangvolle und „traumhafte“ Partitur auf packende Art und Weise in allen Facetten zum Besten gab.

Der Vorhang im Opernhaus war kaum gefallen, brandete bereits der Jubel des begeisterten Publikums auf.  Der minutenlange stürmische Applaus für das Sängerensemble sowie für das Orchester und seinen Dirigenten mündete schließlich in Standing Ovations des fast gesamten Hauses. Ein verdienter Dank des Publikums für eine großartige Vorstellung!

Udo Pacolt

 PS: Weitere Vorstellungen von Korngolds „Toter Stadt“ finden noch am 3., 12. und am 22. Juni 2016 in Kassel statt.

 

 

 

 

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