Karlsruhe: Händel-Festspiele, Ottone, Re di Germania 17.2. Premiere

Raffaele Pe, Lucia Martin-Carton, (c) Felix Grünschloss
Die 45. Internationalen Händel-Festspiele bringen als Neuinszenierung die frühe Händel-Oper OTTONE, RE DI GERMANIA von 1723 auf ein Libretto von Nicola F.Haym, die für den Komponisten ein großer Erfolg war, heute aber kaum noch gespielt wird. In ihrer frischen Tonsprache kann sie aber, wie die Aufführung zeigt, durchaus bestehen. Die Deutschen Händel- Solisten kommen gleich gut ins Spiel mit einer längeren Ouverture, die in ihrer Dreiteiligkeit auch an Händels Feuerwerksmusik denken läßt. Der in der Barockopern-Szene vielfach tätige Dirigent Carlo Ipata leitet das Ensemble der Händel-Solisten mit großem Animo. Auch wenn eher klein besetzt, erreicht es einen angemessenen Kompakt-Klang, und Händel setzt auf viele abwechslungsreiche Arien, die meist auch durch Ariosi und Accompagnati verbunden erscheinen, Rezitative sind eher dünn gesät.
Es geht im 10.Jahrhundert um Ottone II., schon Mitkaiser seines Vaters, der auf dem Weg nach Rom ist, um Teofane, eine Kaisertochter des oströmischen Reichs, in Rom zu heiraten, und damit die Gegensätze der beiden Reiche auszugleichen. In Italien regieren aber eben noch die italianisierten Langobarden, deren Königin Gismonda, Witwe des letzten Königs Berengar, ihren Sohn Adelberto an die Macht bringen will. Er soll sich Teofane gegenüber als Ottone ausgeben und mit ihr den Thron besteigen. Teofane durchschaut aber die Intrige, da sie sich in ein Bildnis des deutschen Königs verliebt hat. Inzwischen stellt sich dieser mit dem gefangenen Seeräubers Emireno ein. Für die Liebenden gibt es aber noch einige Hindernisse zu überwinden, da sich Matilda, die mit Adelberto verlobt war, sich jetzt in die Arme Ottones wirft, und die von Ottone besiegten Adelberto und Emireno fliehen können und die am Tiber verlassene Teofane in einem Boot gleich mitnehmen. Die Flucht mißlingt aber wegen eines Sturms, und bei der Rückkehr bringt Emireno, der sich als exilierter Thronfolger in Byzanz und Bruder Teofanes zu erkennen gibt, Adelberto überwältigt mit. Gismonda erreicht aber die Freilassung ihres Sohnes, und den beiden werden ihre Untaten von dem neuen Herrscherpaar vergeben.
In der Inszenierung von Carlos Wagner erweisen sich nahezu alle Figuren, von denen meist die Frauen oft die 3 Treppenabsätze bis nach ganz oben, mit ihren Roben zu bewältigen haben, als hinfällig (sie fallen tatsächliche alle immer wieder um, besonders gegen Ende), als degenerierte Herrscherfiguren, denen ihr Intrigantentum zu Kopf gestiegen ist. Die Inszenierung beherrscht aber auch die Idee eines sich immer aus Versatzstücken komponierenden Bühnenbildes (Christophe Ouvrard, auch Kostüme). Eigentlich ein Außengemäuer eines bühnenfüllendes Palastes, ergibt sich in der Mitte auch ein Innenraum, und über die Treppen links und rechts weitere Räume, wo sich oben zentral ein Kanapee befindet, auf dem Teofane hingegossen im goldenen Gewande liegt. In den Stockwerken darüber sind an den Seiten zwei Thronsessel postiert. Zum 2.Akt teilt sich die hintere Wand, und große dunkle Meereswellen werden sichtbar, und die Szene mutiert zu einer Art Schiffsdeck, wo Ottone der Gefangene Emireno vorgeführt wird. Im Unterdeck läßt er ihn einsperren und beträufelt ihn dann selber mit Wasser aus einem Eimer. Im 3.Akt hat sich die Szene zu einer dunklen Gegend am Tiber mutiert, wo lange Planken nach unten weisen, und sich einige Verstecke ergeben. Am Ende wieder der Königspalast mit Verließen und Falltüren, wo Personen lautlos verschwinden können, und auch Wände plötzlich hereinfahren, die Räume abteilend. Insgesamt eine ziemlich spannende kurzweilige Regie im fahlen Licht von Rico Gerstner. Die Kostüme und Roben erscheinen geschmacklich sehr erlesen.
Ottone ist der jugendlich frische Yuriy Mynenko mit einem gut aufgelegten Countertenor, der sich in den hohen und mittleren Lagen sehr klangprächtig und tragfähig erweist. Die Teofane stellt Lucia Martin-Carton, die aber regielich die Gewohnheit hat, sich immer gleich flach aufs Bett zu legen, auch bei Adelberto. Stimmlich steht ihr ein angenehmer gut geführter Sopran zur Verfügung, der aber an Größe noch wachsen könnte. Am Ende trägt sie zur goldenen Tunica noch einen Strahlenkranz.
Ihr Bruder Emireno ist Nathaniel Tavernier mit sympathisch zupackendem Baß, der in seinen Arien auch Sprünge und Fiorituren ins Visier nimmt.
Die Rolle des Adelberto wird von dem Countertenor Raffaele Pe gestaltet. Im faltenreichen Gewande singt er einen nicht hohen Counter, den er in allen Lagen bei einnehmendem Timbre voluminös und klug abgestuft führt. Nur das Führen des Schwertes ist nicht seine Sache. Seine Mutter Gismonda ist der Mezzosopran Lena Belkina.In einem weißen anschmiegsamen Kleid entwickelt sie sich zur fast dramatischen Sängerin mit guten Farbvaleurs.
Die Altistin Sonia Prina gibt die Matilda offensichtlich zwischen allen Stühlen, und so klingt ihre Stimme auch: frustriert. Es drückt sich auch in ihrer ganz schwarzen Robe aus. Bei ihrer gesanglichen Gestaltung läßt sie wichtige Belcanto-Kriterien eher vermissen.
Friedeon Rosén
Foto: Raffaele Pe, Lucia Martin-Carton, (c) Felix Grünschloss

