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KARLSRUHE/Badisches Staatstheater: RIGOLETTO – Der Fluch der Bedeutungslosigkeit

05.07.2026 | Oper international

Karlsruhe: „RIGOLETTO“ – 3.7.2026

Der Fluch der Bedeutungslosigkeit

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Leonardo Lee als Rigoletto,  Anastasiya Taratorkina. Foto: Felix Grünschloss

Ein düsteres Bühnenbild zeigt sich am Badischen Staatstheater Karlsruhe, während die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis Oper Rigoletto erklingt. Man sieht ein halbrundes dunkles Gebäude, vor dem die Höflinge des Herzogs sehnsüchtig auf Zeichen der dahinter wohnenden Frauen warten, in der Hoffnung, dass sich ein Date ergibt. Man kann in das Innere schauen, Arme winken durch die eingelassenen Schlitze und strecken sich den Männern entgegen. Zweifelsfrei ist hier eine Art PeepShow zu sehen, und soll auf die überzogene verdorbene Welt des Adels hinweisen, in der Orgien und Partys an der Tagesordnung waren.

Das ist auch der Grundgedanke, den Anna Drescher in ihrer Inszenierung  verarbeiten will: eine Gesellschaft, in der alles aufgesetzt ist und bestimmte Spielregeln gelten, die keine Individualität zulässt. Diese Idee übernimmt Bühnen- und Kostümbildnerin Tatjana Ivschina und kreiert einen „Seelenraum“, in dem sich Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit widerspiegeln.

Einziger „Lichtblick“ ist ein Glaskasten, in dem Gilda, Rigolettos Tochter, lebt, besser gesagt, leben muss, da ihr Vater sie aus übertriebener Fürsorge vor der verruchten Gesellschaft, in der Frauen nichts gelten, dort gefangen hält. Spätestens da kann man erahnen, dass das nicht gut gehen kann und das Drama seinen Lauf nimmt.

Anastasiya Taratorkina war die perfekte Gilda, die für das kindliche Gemüt nicht das rüschenbesetzte rosafarbene Kleid, was Frau Ivschina ihr verpasst hat, gebraucht hätte, denn sie überzeugte durch großartiges Spiel, was durch die Enge des Raumes, der dazu noch vollgestopft ist mit Plüschtieren und wenig Platz lässt, umso beeindruckender war. Dazu ihre Stimme! Silbrig, hell, best sitzende Spitzentöne – alles vorhanden und mühelos umgesetzt. Der Mann, in den sie sich bedingungslos verliebt hat, wurde mit Jenish Ysmanov besetzt. Er verkörperte die Partie des Herzogs von Mantua mit schönen ariosen Passagen, die seine italienisch geprägte Stimme hervorhoben und von vokaler Autorität zeugten. Er verlieh der Figur Leidenschaft und Emphase. Besser gehts fast nicht.

Rigoletto alias Leonardo Lee hat seine Rolle als Außenseiter mit jeder Nuance durchdrungen. Dazu bedurfte es keinen Buckel, wie es im Libretto von Francesco Maria Piave vorgegeben ist. Lee ist mit seiner eher kleinen Körpergröße und kompakten, groben Statur ein glaubwürdiger Narr, er ist gleichzeitig besorgter Vater sowie rachsüchtiger Sonderling, der nur aus der Angst um seine Tochter heraus den oberflächlichen Frauen erobernden Herzog töten lassen will. Dazu braucht er Sparafucile, gesungen von Ks. Konstantin Gorny, der mit seinem tiefen seriösen Bass immer wieder beeindruckt. Das Zusammenspiel der beiden zeigt auch in dieser Verbindung, wie schwierig es ist, sich in der Gesellschaft zu behaupten, da ist zum einen der hilflose, nicht handlungsfähige Rigoletto und zum anderen der Handlanger Sparafucile, eine Art Projektion Rigoletto, wie Frau Drescher es sieht. Und sie sieht auch nicht den behinderten Rigoletto, sondern den Außenseiter, der von der Gesellschaft behindert wird. 

Diese vier Protagonisten prägen das Geschehen, und dabei bleiben prägnante Nebenrollen etwas im Hintergrund, die aber wichtig genug sind, erwähnt zu werden: Florence Losseau mit schöner Mezzosopranstimme als Maddalena, Christina Niessen mit klarem Alt als Giovanna, Ogulcan Yilmaz als Graf von Monterone, guter Charakterbariton und Ks. Matthias Wohlbrecht  als Borsa, wie immer zuverlässig in Stimme und Spiel.  Der Herrenchor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe unter der Leitung von Ulrich Wagner tat sein Übriges, um mit großen Stimmen und präzisem Spiel zum Erfolg der Aufführung beizutragen.

Auch „Die musikalische Grundfarbe“ ist relativ dunkel, sagt Johannes Willig, der an diesem Abend die Stabführung hatte. Verdi hat die tiefen Register-Instrumente eingesetzt und dem Werk somit die Düsternis aufgesetzt, die es ausstrahlt. Aber mit einem hellen Flötenklang, der hauptsächlich Gilda begleitet, lockert der Komponist das Ganze auf und erzielt damit eine ungeheure Wirkung. Dieses Wechselspiel der verschiedenen Stimmungen hat Johannes Willig zusammen mit der Badischen Staatskapelle musikalisch hochkonzentriert und mit federnder Behutsamkeit wieder gegeben sowie einen weiten Spannbogen gezogen, der Sänger und Orchester gleichermaßen trug.

So sollte Oper sein, packend, prägnant, trotz fehlendem üppigen Bühnenbild spannend und unter die Haut gehend. Das ist dem Badischen Staatstheater gelungen. Großartig!                                                                                                                               

Inge Lore Tautz

 

 

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