Badisches Staatstheater Karlsruhe
„LA STRANIERA“ von Vincenzo Bellini 19.4.2026 (Premiere 29.3.) – in halbszenischem Gewand

Florence Losseau (Isoletta) und Armin Kolarczyk (Valdeburgo) im 1.Akt. Foto: Felix Grünschloss
Eine ehrenvolle Tat gelang der Karlsruher Oper mit der halbszenischen Einrichtung einer Rarität des Belcanto. Ihr Schatten-Dasein dürfte sowohl in dem etwas holprigen Sujet als auch in der etwas unausgewogenen musikalischen Dramaturgie des Stückes liegen. Dabei war Bellinis vierte, im Auftrag der Mailänder Scala dort 1829 uraufgeführter Oper ein großer Uraufführungs-Erfolg beschieden, der sich in einer baldigen Verbreitung auf zahlreichen internationalen Bühnen fortsetzte, wozu 1837 immerhin auch Karlsruhe gehörte. Doch mit der zunehmenden Vergessenheit der ur-romantischen Vorlage schwand wohl auch das Verständnis für die nicht in allen Details ganz nachvollziehbare Handlung und damit auch ihre Vertonung. Ein Freund Bellinis hatte ihn auf den Roman „L’Etrangère“ des damals sehr verbreiteten Literaten Victor D’Arlincourt aufmerksam gemacht, worauf der populäre Librettist Felice Romani daraus eine Dramatisierung für die Bühne geschaffen hatte. Die Grundlage des Stoffes bildet eine historische Begebenheit vom Ende des 12.Jahrhunderts, als der französische König Philipp II seine frisch angetraute dänische Prinzessin Ingeborg gleich verstieß und trotz ihrer Proteste die Annullierung durchsetzen konnte. Später heiratete er Agnes-Maria von Andechs-Meranien, verbannte sie jedoch unter dem weiteren Druck Ingeborgs um ihre Anerkennung. Diese Agnes wurde zu Alaide, diente sodann D’Arlincourt als Protagonistin, in dem sie sich in ihrem Schicksal zurück zog und zur geheimnisvollen, in einer Hütte im Wald hausenden Fremden, und damit zur Titelheldin mutierte. Die Geschichte wurde an den ländlichen Hof von Montolino in der Bretagne verlegt und beleuchtet mit fiktiv hinzu gesponnenen Personen eine ähnliche bigamistische Situation mit ihren Folgen. So ist der Herzog Arturo von Avenstel im Begriff Montolinos Tochter Isoletta zu ehelichen, jedoch der rätselhaften Agnes verfallen, die von ihrem ins Exil nachgesandten Bruder Leopoldo unter dem Namen Valdeburgo unter Beobachtung gehalten wird. Alles Drängen, auch durch den intriganten Osburgo, kann ihn nicht von Agnes abhalten, die zwar nicht ganz unberührt von ihm ist, ihn aber dennoch abweist.
Als Arturo in Unkenntnis ihrer Geschwisterschaft die beiden liebevoll in den Armen liegend erspäht, hält er Valdeburgo für einen Nebenbuhler und stößt ihn nach einem Duell verletzt in den See. Als Agnes ihn über ihre Beziehung aufklärt, stürzt er sich hinterdrein um ihn zu retten. Alaide wird mit blutiger Kleidung gefunden und trotz des Wiederauftauchens von Valdeburgo des Mordes bezichtigt. Erst als sie ihre Identität lüftet, wird sie freigelassen. Arturo unternimmt einen weiteren nun erzwungenen Versuch Isoletta zu heiraten, wird darin sogar von Alaide bestärkt, hält der Situation aber nicht stand und tötet sich, nachdem die Nachricht vom Tode Ingeborgs und damit Agnes rechtmäßiger und für ihn unerreichbarer Instanz als Königin verbreitet wird. Diese verfällt indes dem Wahnsinn.
Um diesen verworrenen Handlungssträngen nicht nur mit Bellinis musikalischen Einfällen auf die Sprünge zu helfen, entstand die Idee einer halbszenischen Wiedergabe, die die Interaktionen aufs Wesentliche konzentriert in wechselnden entsprechenden Bühnenstimmungen verdeutlichte. Ein verkleinertes prunkvolles Portal mit einem gerafften alten Theatervorhang dient als Bühnenrahmen, auf der sich nur ein Stufenpodest für den Chor befindet, das z.B. vor filmisch eingefangener See-Kulisse nach hinten den Sturz der beiden Kontrahenten ins Wasser suggeriert. Regisseur, Ausstatter und Lichtgestalter Tobias Ribitzki hat mit wenigen Mitteln und einer sparsamen, aber verdichteten Interaktion das Stück verständlich gemacht. Die aus anderen Bühnenproduktionen des Hauses wiederverwendeten Kostüme von Maike Pauline Venzlaff-Ruiz und Claire-Sophie Welte verorten die Charaktere passend zum romantischen Umfeld. Nur der Badische Staatsopernchor tritt in kleineren oder kompletten Formationen in Konzertkleidung auf, erfüllt seinen recht vielseitigen Part zwischen Feststimmung und kommentierender Kundgabe jedoch mit mehr als rein statischer Präsenz, geschmeidigem Wohlklang und wo erforderlich fülligem Klangreichtum (Einstudierung: Ulrich Wagner).

Ina Schlingensiepen (Alaide), Jenish Ysmanov (Arturo), Florence Losseau (Isoletta) und Staatsopernchor in der Schluss-Szene. Foto: Felix Grünschloss
Das außer seinen immerwährenden Hauptwerken oftmals in Vergessenheit geratene Belcanto-Repertoire wurde nur phasenweise zum Leben erweckt, wenn entsprechende Sänger, besonders für die im Zentrum stehenden Protagonistinnen zur Verfügung stehen. So wohl jetzt auch in Karlsruhe, wo sich das langjährige Ensemble-Mitglied Kammersängerin Ina Schlingensiepen nach den drei Donizetti-Königinnen nun auch Bellinis geheimnisumwitterte Fremde erarbeitet und in diesem Zuge sowohl eine erweiterte Farbpalette als auch eine ausgebaute Durchsetzungskraft erzielt hat. Als ausgewiesene Koloratur-Sopranistin blieb ihr die enorme vokale Beweglichkeit gewahrt, dazu verfeinerte sie ihre lyrischen und wie jetzt hier in besonderem Maße auch ihre, mit korrespondierend gewachsener Mittellage ausgebauten dramatischen Fähigkeiten. In den melancholisch verhangenen Melodie-Gebilden schwebt die Stimme in Leichtigkeit, um dann in einigen Ausbrüchen, und vor allem ihrer finalen Arie alle Register zu mobilisieren und in ihrem Verfall zu elektrisieren. Ihre Bühnenerscheinung wie auch ihr Zusammenspiel mit den Partnern ergänzen ihrer Auftritt zu einem lückenlosen Ereignis. Eine Künstlerin, für die zurecht solch ein Stück gespielt wird.
Das hohe sängerische Niveau erstreckt sich auf das ganze Ensemble. So lässt als Arturo der Kirgise Jenish Ysmanov mit gehaltvollem, jugendlich dramatischem Tenor aufhorchen, mit forsch-frischem Vortrag, der ideal zum hitzig ruhelosen und deshalb wohl auch einer nachsinnenden Arie entbehrenden Charakter des Herzogs passt. Die eine spezielle Färbung aufweisende Stimme strömt mit leidenschaftlicher Attacke und wird sicher in der Kunst der Phrasierung noch verfeinern lernen. Letzteres hat Armin Kolarczyk als langjährig dem Haus verbundener Bariton längst vervollkommnet. Seine hervorragende Technik ermöglicht es ihm auch im schon späteren Stadium seiner Laufbahn diesbezüglich allen diesbezüglichen Schwierigkeiten gerecht zu werden, mit Legato und ausgeglichener runder Tongebung bis in die Höhe im Belcanto-Fach zu reussieren. Allenfalls eine etwas wärmere Timbre-Note täte Bellinis seelenvollen Harmonien noch besser anstehen.
Nach etwas leicht verhärtetem Beginn öffnete sich der schon recht opulente Mezzosopran von Florence Losseau zu einem flexiblen Wechselspiel aus lyrisch apartem und virtuos glanzreichem Gesang, gipfelnd in ihrer im Glückstaumel endenden Arie im zweiten Akt. Hinzu kommt eine körperliche Attraktivität, mit der sie als Isoletta umsomehr bei Arturo punkten müsste.
Mit üppig resonanzstarkem und im Vortrag Kultiviertheit und Ausdruckskraft verbindenden Bass lässt Liangliang Zhao als Recht sprechender Priore aufhorchen. Bleibt noch der dem Haus seit langer Zeit verbundene Kammersänger und Charaktertenor Matthias Wohlbrecht, der mit passend fiesem Akzent Osburgo seine Stimme lieh, und darüber hinaus als „Moderator“ durch die Aufführung führt, in dem er immer wieder kurz Vorgänge erklärt oder – im Sinne einer für das Werk Überzeugungsarbeit leistenden Aufgabe eher kontraproduktiv persiflierend kommentiert. Zum Lachen gibt es in diesem Stück gewiss nichts. Wären die phasenweisen Unterbrechungen in anderen Werken eher störend gewesen, so passen sie hier gut zu Bellinis damals ungewöhnlich moderner Struktur mit abrupten Pausen und sich änderndem rhythmischem Gepräge. Wie Bellini das Orchester zugunsten der Stimmen mehr und mehr reduzierte, verfeinerte, sich aber teilweise noch an traditionelleren Formen wie dem A cappella beginnenden Quartett oder den in immer gleicher Steigerungs-Manier endenden Musiknummern orientierte – das machte Attilio Cremonesi mit der aus dem Graben höher positionierten Badischen Staatskapelle akribisch genau, aber immer liebevoll und mit spürbarer Lust am Austarieren eines federnden Klangkörpers hörbar. Ein Sonderlob den Solisten von Naturhörnern und Flöte, die mit ihren Beiträgen wie instrumentale kleine Arien in den Gesamtablauf gebettet wurden. Da blieb wirklich kein Wunsch offen, so dass die Vorstellung im gut verkauften Opernhaus als Ganzes mit verdienten Ovationen endete.
Udo Klebes

