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KARLSRUHE/ Badisches Staatstheater: ELEKTRA. Premiere

Im Museum der Psychosen

27.01.2019 | Oper


Rachel Nicholls (Elektra). Copyright: Falk von Traubenberg/Staatstheater Karlsruhe

Karlsruhe: „ELEKTRA“ – 26.01.2019 – Premiere

  Im Museum der Psychosen

Im Laufe der letzten Jahrzehnte durfte ich am Badischen Staatstheater bereits zwei Inszenierungen von „Elektra“ (Richard Strauss) erleben und nun hatte die  Produktion von Keith Warner ihre dritte Premiere und bescherte mir recht zwiespältige Eindrücke, doch davon später.

Die Krone des Abends gebührt ohne Zweifel Justin Brown am Pult der überwältigend aufspielenden Badischen Staatskapelle. Einfühlsam schien der GMD die überlieferten Worte des Komponisten während einer Probe: Meine Herren, spielen Sie recht leise – es ist ohnehin recht laut komponiert. Doch Spaß beiseite, innigen Dank an Justin Brown, dass er der sonst oft üblichen Klang-Hysterie widerstand,  der Partitur herrliche Details  mystischer Tonintervalle angedeihen ließ. Schier verhalten steigerte der einfühlsame Dirigent den berauschend musizierenden Klangkörper psychogenetisch in die unsagbaren Leidenschaften, trumpfte zwar zuweilen in expressionistischen Orchesterfluten pompös auf, hielt trotz grandioser Dynamik umsichtige Distanz zum Nuancenreichtum der feinnervigen Töne und machte feinste musikalische Seelenschwingungen hörbar. Mit stets wachem Blick zur Bühne erwies sich Brown zudem als hervorragender Sängerbegleiter. Oft dachte ich so bei mir: das Ganze als instrumentale Elektra-Symphonie ohne Gesang, wäre die absolute Wonne!

Darstellerisch konnte Rachel Nicholls als rachsüchtige Elektra durchaus punkten und folgte dank ihrer legéren Kleidung Sakko, Jeans, Turnschuhe umproblematisch den sportlichen Regie-Inspirationen. Nun muss ich allerdings gestehen, mit welchem Vokalgewitter die Dame  meine Ohren malträtierte übertraf alle bisherigen (43) Rollenvertreterinnen. Wenige angenehme Momente in Bereichen der Mittellage (während der Duette mit Mutter und Bruder) klangen versöhnlich im Gegensatz der unbarmherzigen, stahlharten Obertöne ihres wenig klangvollen Soprans. So manches Mal kamen mir die Worte Telramunds in den Sinn: Du fürchterliches Weib, was bannt mich noch in deiner Nähe?

Jugendlich frisch, in zunächst lyrisch anmutender Stimmführung gesellte sich  die kräftige Schwester Chrysothemis (Sarah Cambrigde) hinzu und lehrte allerdings während ihrer Höhenattacken den Rezensenten erneut das Fürchten. Dem Publikum schien´s zu gefallen und es bedachte die beiden gewöhnungsbedürftigen Sängerinnen mit ebenso lautstarken Bravos.


Anna Danik (Klytämnestra). Foto: Falk von Traubenberg/Staatstheater

Einem vokalen Ruhepol, Labsal für die Ohren gleich erschien dagegen der in allen Bereichen wohlklingende Mezzosopran der dritten Gastsängerin. Selten darf man eine Klytämnestra im Vollbesitz einer bestens fokussierten, intakten, farbenreichen Stimme erleben. Anna Danik beeindruckte zu hervorragendem Spiel mit vortrefflich-kultivierter Gesangslinie, bester Deklamation und angenehm raumfüllender Intonation.

Schönstimmig in beruhigend dunklen Bariton-Couleurs entfaltete Renatus Meszar sein schön timbriertes Material, schenkte dem rächenden Orest markante Züge und verlieh der Begegnung mit der Schwester eine besonders berührende Vokal-Intensität.

Zur sanglichen Ergänzung reihten sich nahtlos die Stimmen von Matthias Wohlbrecht (Aegisth), Yang Xu (Pfleger), James Edgar Knight, Luiz Molz (junger + alter Diener), Ursula Hamm-Keller (Vertraute), Maike Etzold (Schleppträgerin), Christina Niessen (Aufseherin), Ariana Lucas, Luise von Garnier, Jennifer Feinstein, Ks. Barbara Dobrzanska, Ulina Alexyuk als Mägde unvorteilhaft und ungünstig ausgesteuert teils per Lautsprecher intoniert, ins Geschehen.  Die kurzen Finalmomente oblagen dem Badischen Staatsopernchor. Doubles und jede Menge Statisten bevölkerten die Bühne.

Wie bereits erwähnt inszenierte Keith Warner, verlegte die Handlung in ein Museum, dessen Konstruktion räumlich von Boris Kudlicka bestens konzipiert, mit Videowänden und Monitoren bestückt (Bartek Macias) und trefflich illuminiert (John Bishop) eine gewisse Parallele zur Mykene-Ausstellung im Karlsruher Schloss bildete. Als Besucherin ließ sich Elektra nach Dienstschluss einschließen und allmählich formierten sich die Konstellationen der  Handlungs-Identifikationen.

Das Jugendzimmer der heilen (?) Welt von Chrysothemis befand sich in der oberen Etage. Eine völlig deplatzierte Bistroküche wurde eingeschoben, in deren Spülstein Elektra den einzigen „Halt“ Klytämnestras während der Auseinandersetzung, nämlich den Inhalt der Whisky-Flasche entsorgt. Beim Wiedersehen mit Orest legte ihn Elektra flach (Ich will es tun – ich will es eilig tun), angestaute Psychosen brachen sich die Bahn. Der Pfleger des Orest, dieser Spielverderber bietet dem Einhalt (Seid ihr von Sinnen, dass ihr euren …), in der Küche meuchelt Orest die Mutter zu Hackepeter – entschwindet nach oben und vollendet die Wiedersehensfreude mit Chysothemis – den heimkehrenden Aegisth gelüstets ebenso nach der Stieftochter und findet Orest unter der Decke  – au wei,  sodann nahm das Verhängnis seinen unheilvollen Verlauf. Elektra schiebt zum Tanz Kulissen, die hintere Wand öffnete sich, Agamemnon liegt in der Wanne – vor Schreck fällt die Arme entseelt zu Boden.

Erlebte ich bisher von Warner durchaus positive Produktionen, sei ihm dieser Ausrutscher zum Slogan Alter schützt vor Torheit nicht, verziehen. Frohlockte ich zuvor, meine Strauss-Favoritin hier am Hause mehrmals in Folge zu besuchen, werde ich´s wohl beim einen Mal belassen. Ohne Contra wurde das Team in den finalen Jubel eingeschlossen.

Gerhard Hoffmann

 

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