Wiederaufnahme „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss am 3. Mai im Badischen Staatstheater/KARLSRUHE
Eine spannende Zeitreise
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Ann-Beth Solvang, Florence Losseau. Foto: Felix Grünschloss
Dieser „Rosenkavalier“ in der Inszenierung von Andreas Homoki öffnet den Blick auf eine ungewöhnliche Perspektive. Die Konzeption als Dialogstück im Stil von Tschechow möchte er nicht übertreiben. Die Theaterfiguren treten miteinander in eine höchst lebendige dynamische Aktion. Die Fixiertheit erhält hier automatisch mehr Freiheit – und so entsteht eine spannungsvolle Zeitreise.
Alles beginnt in einem artifiziellen Rokoko – man schaut also zurück auf eine imaginäre Vergangenheit. Stilbrüche werden dabei ganz bewusst in Kauf genommen. Das Jahr 1910 rückt als Entstehungszeit in den Mittelpunkt. Die Figuren des frühen 20. Jahrhunderts sind verkleidet wie Rokokofiguren und thematisieren das Lebensgefühl des Fin de Siecle am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Baron Ochs von Lerchenau ist dabei ein passendes Beispiel dafür, wie der Adel im Niedergang begriffen ist. Er ist ein Landadeliger, der pleite ist und unbedingt die Heirat mit einer reichen bürgerlichen Frau braucht. Die Marschallin dagegen steht für eine konstante Größe in der Gesellschaft. Das Leben verschiedener Zeiten lässt Homoki dabei bewusst Revue passieren. Im ersten Akt ist es das idealisierte Rokoko, im zweiten begegnet dem Zuschauer mit Faninal das Fin de Siecle. Im dritten Akt blickt man dann von 1910 aus in die Zukunft. Das geht bis in die Zeit um 1940, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
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Foto: Felix Grünschloss
Das ist eine originelle Lösung. Die Welt gerät wirklich total aus den Fugen, Granaten schlagen ein, es blitzt und kracht. Octavian geht mit der jungen Sophie seinen eigenen Weg konsequent weiter, er lässt die Marschallin als Liebhaber allein zurück. Andreas Homoki stellt im Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann und den Kostümen von Gideon Davey den Charakter der Komödie deutlich und zuweilen grell heraus. Ochs wird von Homoki ganz bewusst als Karikatur gezeichnet, während Faninal als opportunistischer Aufsteiger erscheint. Zuletzt hängt im wahrsten Sinne des Wortes der Haussegen schief. Die Marschallin verzichtet unter Tränen zugunsten der jungen Sophie auf ihren Octavian, reisst sich die Perücke vom Kopf und entledigt sich ihrer Rokoko-Robe. Aller Prunk verschwindet.
Vor allem musikalisch kann diese Produktion sehr überzeugen. Der umsichtige Dirigent Georg Fritzsch hat eindeutig eine starke Affinität zu Richard Strauss. Mit verschwenderischer Leuchtkraft sprudeln die Melodien hervor – und die Sänger werden hier von der vielschichtigen Harmonik gleichsam getragen. Neben strahlendem Glanz und zarten Tönungen besticht vor allem die strukturelle Präzision, mit der die Badische Staatskapelle hier aufwartet. So begreift man als Hörer, wie stark die Figuren zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Überreichung der silbernen Rose, der Monolog der Marschallin und das Gesrpäch mit Octavian werden bewegend gestaltet. Und auch das Nachspiel des ersten Aktes besitzt großen Klangzauber. Ein weiterer Höhepunkt ist das dynamisch großartig gestaltete Terzett der drei Frauenstimmen im letzten Akt. Da finden Ann-Beth Solvang als Marschallin, Florence Losseau als Octavian sowie Anastasiya Taratorkina als Sophie ganz überwältigend zusammen! Und auch Timo Riihonen als Baron Ochs verleiht dieser Rolle mit sonorer Bassgestaltung eine reiche Charakterisierungskunst. Herrlich ironisch wird auch der berühmte „Lied“-Walzer akzentuiert. Sein erster Vortrag schockiert Sophie dermaßen, dass ihr Entschluss feststeht, den Baron auf keinen Fall zu heiraten. Nach dem Abgang des tölpelhaften Freiers hört man in den Fagotten eine verzerrte, wunderbar persiflierende Version. Diese Passage ist ein Beweis für die Genauigkeit, mit der hier musiziert wird. Die deutliche Parallele zum „Lied“-Walzer zeigt sich bei dieser gelungenen Aufführung auch beim „Beisl“-Walzer, zu dessen Klängen Mariandel ihr „Nein, nein!“ singt. Die satirischen Komponenten werden dabei sarkastisch-grell überzeichnet. Beissender Spott beherrscht zudem das große Walzerensemble auf dem Höhepunkt des dritten Aktes, wo Georg Fritzsch federnde Schwungkraft triumphieren lässt. Auch der „Brief“-Walzer reiht sich in diesen beglückenden Reigen ein. Das „Lerchenauisch‘ Glück“ behauptet sich mit rustikalem Gefoppe. Alle Walzer erfüllen dabei ihre Funktion als stilbildendes Element. In weiteren Rollen überzeugen Thomas de Vries als echauffierter Faninal, Christina Niessen als Annina, Matthias Wohlbrecht als Valzacchi sowie Beomjin Angelo Kim als leidenschaftlicher italienischer Sänger, dessen Kantilenen mit voluminöser Leuchtkraft aufblühen. Sehr unterwürfig und verwirrt zeichnen Wei Liu, Andre Post, Dylan Glenn und Luiz Molz die Lakaien. Clare Michelle Tunney als Leitmetzerin, Liangliang Zhao als Kommissar /Notar, Cesar del Rio Fuentes als Wirt, Haushofmeister Marschallin und Haushofmeister Faninal, Sara De Franco als Modistin, Shichao Cheng als Tierhändler sowie Jiaqi Wang als Hausknecht bieten allesamt ansprechende Leistungen. Arno Deparade, Harrie van der Plas, Edgars Skarbulis und Alexander Huck als gewandte Kellner, Ulrike Gruber, Camelia Tarlea und Evelyn Hauck als herzergreifende adelige Waisen sowie Daniel Dogjun Choi, Sean Webster, Jounggil Kim und Andrey Netzner als famose Lerchenauer vervollständigen ein Ensemble, das minuziös auf alle subtilen Bühnenbewegungen reagiert.
Der Badische Staatsopernchor und Cantus Juvenum leisten an diesem Abend Hervorragendes. So gab es zuletzt großen Jubel.
Alexander Walther

