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KARLSRUHE/Badisches Staatstheater: „CINDERELLA“ 31.10. (Premiere) – märchenhaft und zeitlos bezaubernd

01.11.2026 | Ballett/Performance

Badisches Staatsballett Karlsruhe

„CINDERELLA“ 31.10. (Premiere) – märchenhaft und zeitlos bezaubernd

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Vorsichtige Annäherung: Carolin Steitz (Cinderella) und Christopher Evans (Prinz) Copyright: Admill Kuyler

Der allseits bekannte Märchenstoff in den namhaftesten Auslegungen von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm hat bereits 1823 in London erstmals auf die Ballettbühne gefunden, doch dauerhaft im Repertoire verankert wurde er erst durch Sergej Prokofjews 1945 geschaffene musikalische Partitur mit ersten Aufführungen in Moskau und St.Petersburg. Außerhalb Russlands setzte vor allem Sir Frederick Ashtons 1948 geschaffene Choreographie Maßstäbe, in jüngerer Zeit gelangte Christopher Wheeldons 2012 in Amsterdam uraufgeführte Version zu internationaler Verbreitung durch große Compagnien.

Jetzt hat Kristina Paulin, die 11 Jahre lang bis 2021 zu John Neumeiers Hamburg Ballett gehörte und seit Herbst 2024 als stellvertretende Ballett-Direktorin an der Seite von Raimondo Rebeck beim Badischen Staatsballett Karlsruhe fungiert, dort ihrer Vorliebe für Handlungsballette gefrönt und sich der berühmten Geschichte von Aschenputtel angenommen. Ihr Anliegen ist, dem märchenhaften Gepräge der Geschichte einen möglichst menschlichen Anstrich zu geben, die Personen trotz des um sie waltenden Zaubers nahbar und berührend wirken zu lassen. Das ist ihr mit weitgehendem Verzicht auf übertriebene Komik und überhöhtes Pathos überaus treffsicher gelungen. Hinsichtlich der schon bei den beiden anfangs genannten Verfassern unterschiedlichen Ausprägung und Verwendung symbolischer Requisiten hat sie sich mehr an den Gebrüdern Grimm orientiert, z.B. auf des Prinzen Diener und ihren Kleidertausch verzichtet, und dazu in eigener Interpretation Details abgewandelt. In der zugrunde liegenden Geschichte Cinderellas, die sie als Prolog voran stellt, wurde sie als Slowakin von dem bekannten Film Vaclav Vorliceks „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ dazu inspiriert, das Kind am Grab seiner verstorbenen Mutter ein Haselnuss-Bäumchen zu pflanzen, dessen Zweige ebenso wie die goldenen Schuhe sie und den Prinzen später zusammen finden lassen. Eine starke menschliche Nähe der beiden erreicht sie durch beider Hingezogenheit zur und Wertschätzung der Natur, wie auch in ihrem Gefühl der Gefangenschaft in von der Stief-Familie dominierten bzw. von höfischen Regeln eingeengten Lebens-Verhältnissen. Cinderellas verstorbene Mutter wacht und verhilft durch übernatürliche Gaben in Gestalt einer Bettlerin und einer Waldfee, unterstützt von drei Geistern, zum Lebensglück der Tochter.

In Sebastian Hannak (Bühne) und Bregje van Balen (Kostüme) hatte die Choreographin zwei Mitstreiter, die märchenhaft menschelnde Handlung in einem klare Räume und Charaktere definierenden Rahmen zu entfalten. Zunächst dreigeteilt, in eine hinten platzierte Küche und ein Wohnzimmer, dazwischen das von einem kahlen Baum gesäumte Grab der Mutter an einer Stufen-Öffnung für Auftritte, markieren später herab gelassene braun gemusterte Wände, gitterartige Fenster und Leuchter den Hof des Prinzen. Die Anleihen aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts aufweisenden Kostüme sind ebenso phantasievoll in ihren farblichen Komponenten wie ihren gut tanzbaren Schnitten, wobei die Gestalten des Zaubers, unterstützt von der Lichtregie Stefan Woinkes von glänzend schillernder Wirksamkeit sind.

Die Geschichte klar und bis ins Detail verständlich zu inszenieren ist das eine, die größte Herausforderung der Choreographie besteht jedoch es mit Prokofjews Musik aufzunehmen, die nicht im Stile einer Gebrauchsmusik rhythmische Klarheit und harmonische Einfachheit und Unterhaltsamkeit bedient, vielmehr in ihren kleinteiligen und unterschwellig einfließenden  Gegensätzen zwischen Schwermut und lebhaft spielerisch pointiertem Gesten-Reichtum, immenses Einfühlungsvermögen verlangt.  Stoffgemäß vom dramatischen „Romeo und Julia“ reduziert auf das leichtere Wesen eines Märchens, aber in nicht geringerer Kunstfertigkeit. Daniel Carlberg vermag das mit der Badischen Staatskapelle in aller Sorgfalt und Nuancierung zu entfalten und gleichzeitig tänzerischen Tempi-Erfordernissen gerecht zu werden.

Paulin jedenfalls setzt mit einer reibungslos ineinander fließenden Kombination von klassisch grundierten und modernen Formen viele überraschende Akzente, gibt dem Nachsinnen in großzügigen Linien ebenso Raum wie der schauspielerischen Aktion in teils kantig abrupten Bewegungsmustern. Und wenn das Glück Cinderella und den Prinzen endlich zusammenführt, dürfen sie darin auch gestreckt und gedehnt abheben. Ihr finaler Abgang ist der Musik entsprechend ein leiser, stiller und gerade dadurch tief bewegender.

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Lucia Solari (Stiefmutter) hinten mit Sophie Burke und Ella Matthews (Töchter). Copyright: Admill Kuyler

Die heutige Compagnie schöpft auch mehrere Jahre nach dem Abgang Birgit Keils noch aus ihrem Erbe, die sie mit ihrer weitreichenden klassischen Grundierung zu Staatsballett-Ehren geführt hat. Bei dieser Premiere war ein einheitliches Niveau von Haupt- und Nebenrollenträgern bis hin zum Ensemble zu beobachten, dafür spricht auch der im Laufe weiterer Aufführungen vorgesehene dreifache Rollentausch. Carolin Steitz hatte als 11jährige unter der von Keil damals parallel geleiteten Akademie des Tanzes Mannheim begonnen, kam 2014 ins Ensemble und stand jetzt im Mittelpunkt als Cinderella – eine Tänzerin mit natürlicher Darstellungsgabe in der Entwicklung vom trauernden, aber auch Stärke beweisenden, gütigen Mädchen zur ihr wahres Glück findenden jungen Frau, wie es so anschaulich in den mehrfach auftauchenden Motiven Prokofjews angelegt ist. Im Tanz erwacht sie, egal ob auf Spitze oder in bodennaher Position, von zögerlichem Impetus zu beflügelter Raum-Ergreifung, Der Prinz von Christopher Evans wächst von anfänglicher Zurückhaltung und noch etwas verschlossener Ausstrahlung zu sympathischem Liebhaber-Format und beweist in Soli und Pas de deux technische Ausgeglichenheit und Sinn für eine geschmackvolle Präsentation.

Die ohnehin stark ausgeprägte Stiefmutter, die Cinderellas Teilnahme am Ball mit Hausarbeiten wie ausgestreutem Herbstlaub und einem Stapel Geschirr zu unterbinden versucht, profitiert zusätzlich durch die enorme Präsenz und auf Spitze exaltierte Akzente setzende Lucia Solari, eine Charaktertänzerin ersten Ranges. Die männliche Alternative dazu ist Ledian Soto, der die Kunst beherrscht, die choreographisch rudimentäre Figur des hier auf Cinderellas Seite stehenden Vaters mit Würde und den sogenannten kleinen Gesten zur Geltung zu bringen.

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Gütiger Schutz: Veronika Jungbkut (Waldfee) und Carolin Steitz (Cinderella). Copyright: Admill Kuyler

Die beiden Stiefschwestern in Gestalt von Sophie Burke und Ella Matthews, in farblich kräftigen Kleidern mit Maschen und Hütchen herausgeputzt, wissen sich herrlich gegeneinander zu überbieten, ohne in Klamauk auszuarten. Davor wissen zum Glück Lasse Caballero den etwas trotteligen, aber virtuos damit umgehenden König (warum im Bademantel und Pantoffeln?) sowie Vitor Oliveira, Rafael Vedra und Geivison Moreira ihre Rollen als Regelhaftigkeiten karikierender Kanzler, Kaplan und Rittermarschall in kniefreien Hosen, mit Strumpf-Haltern und roten Perücken  zu bewahren. Den etwas mysteriösen Kammerdiener mit Sonnenbrille stattet Philip Sergeychuk mit gekonnt abgehacktem Bewegungs-Vokabular aus.

Die übernatürliche Welt ist durch Veronika Jungblut als Cinderellas Mutter, nach deren Tod wie schon gesagt in Gestalt einer Bettlerin und schützenden Waldfee, ausdrucksstark vertreten. Begleitet von drei Geistern in schwarz glitzernden Oberteilen mit fransenartig auslaufenden Shorts, in denen Luca D’Amato, Aaron Kok und Filippo Valmorbida in kraftvollen und doch schwebend anmutenden Sprung-Formationen den Raum wie von Zauberhand durchmessen.

Bleibt noch Charlotte Rohr von der Kinder-Statisterie, die Cinderella als Mädchen engagiert und locker in den Bewegungen zu Herzen gehend ins Publikum transportiert.

Bis hinein ins Ensemble, das in zauberischer Funktion oder auf dem Ball als Gäste eingesetzt ist, wie schon erwähnt einheitlich gute Qualität.

Nach Bridget Breiners „Nussknacker“ könnte diese Neukreation ein weiterer Repertoire-Renner werden, ausgehend von der Begeisterung am Premierenabend, wobei sich den stärksten Jubel zu Recht die Choreographin verdient hat.

  Udo Klebes

 

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