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KARLSRUHE/ Badisches Staatsballett: „SEID UMSCHLUNGEN“ – Weltumspannender Willkommensgruß

01.03.2020 | Ballett/Tanz

Karlsruhe: Badisches Staatsballett

„SEID UMSCHLUNGEN“ 29.2. 2020 (Premiere 3.11.2019) – Weltumspannender Willkommensgruß


Ensemble unter der Möbiusschleife in „Seid umschlungen“. Foto: Jochen Klenk

Die Ballettwelt ist doch eng miteinander verknüpft. Bis zum Sommer 2019 hatte die ehemalige Stuttgarter Primaballerina Birgit Keil die Geschicke der von ihr in den Stand eines Staatsballetts geführten Companie in Karlsruhe geleitet; ihre Nachfolgerin wurde zu Saisonbeginn mit Bridget Breiner ebenfalls eine einstige Erste Solistin des Stuttgarter Balletts. Bereits in dieser Funktion hatte die Amerikanerin mit ersten Choreographien auf sich aufmerksam gemacht, ehe sie 2012 Ballettdirektorin des Theaters im Revier in Gelsenkirchen wurde. In dieser Funktion hatte sie auch selbst weiter choreographiert und stellte sich als solche nun auch in Karlsruhe beim vielsagenden Eröffnungsprogramm vor. Das Zitat aus Schillers „Ode an die Freude“ ist nicht nur Hinweis auf die Umrahmung des Abends durch eine Beethoven-Hommage, sie ist gleichzeitig eine Willkommens-Geste an das Publikum, sich in aller Offenheit und Toleranz für die Präsentation ihrer TänzerInnen angesprochen und darin einbezogen zu fühlen. Universell und weltumspannend demonstriert durch das aus 19 Nationen in aller Welt stammende 32köpfige Tanz-Ensemble.

Der Jahresjubilar Beethoven umrahmt und umschlingt im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Vertonung von Schillers Text in Gestalt der 9.Symphonie Breiners erstes Programm, das einen Überblick über die Bandbreite und aus persönlichen Bezügen zusammengestellte Ausrichtung ihrer Amtszeit geben soll. Bei dieser Gelegenheit greift die Direktorin auf die selten zu hörende Fassung für zwei Klaviere von Franz Liszt zurück. Elena Kuschnerova und Angela Yoffe geben bei ihrer anfangs auf der Bühne, im Finale im Orchestergraben absolvierten Präsentation des Werkes einen immer wieder aufhorchen lassenden Eindruck von der bravourösen komplexen Komprimierung von Beethovens vielschichtiger Partitur auf vier Hände. Diese Form ermöglicht eine starke Konzentration auf das Tanzgeschehen, das Breiner zunächst rund um die beiden Klaviere anordnet, ehe am Ende die komplette Weite und Tiefe der Bühne von den TänzerInnen vereinnahmt wird, der Freude schöner Götterfunken raumgreifende Gestalt gibt. In Anlehnung an das Unendlichkeit symbolisierende  Möbiusband bzw. –schleife schlingt sich ein solches in Jürgen Kirners Bühnenraum von der Rampe bis nach oben bzw. schwebt später im Hintergrund über den TänzerInnen. Die von Breiners ehemaligem Stuttgarter Kollegen Thomas Lempertz in phantasievolle Trikots mit rot-blauen Applikationen gekleideten TänzerInnen beschriften den vorne am Boden liegenden Teil des Bandes immer wieder mit Wort-Zitaten und geben zwischen den einzelnen Programm-Beiträgen parallel zu ihrer aufgezeichneten Stimme solo ihren Gedanken zu den schönen Götterfunken individuellen Ausdruck, durchaus auch mit Nachdenklichkeit und einem gewissen Fragezeichen.

Als klassisch geprägte Tänzerin möchte Breiner auch dieser Basis Raum in ihrer Repertoire-Gestaltung geben, nicht zuletzt um das diesbezüglich von ihrer Vorgängerin aufgebaute Niveau zu erhalten und ihrem größtenteils aus Gelsenkirchen mitgebrachten Ensemble eine vielseitige Plattform zu geben. Der erste der beiden klassischen Beiträge bildete indes leider das Schlusslicht in Ertrag und Echo. Der Pas de dix aus Marius Petipas „RAYMONDA“ lebt wie ein großer Teil dieses Werkes mehr in einer diffizil und fein geformten Melodik und Instrumentation von Alexander Glasunow als in seiner doch eher akademisch trocken daher kommenden Haltung. Daran kann auch die Fassung von Lynne Charles nicht rütteln. Die fünf Paare machen ihre Sache durchaus, mehr oder weniger auf einem Level, gut. Um damit wirklich zu glänzen, bedarf es wohl indes noch besserer Interpreten.

Da ist der ebenfalls divertissement-artige „PAS DE 5“ nach musikalischen Motiven aus Adolphe Adams „Giselle“ doch von ganz anderem Kaliber, zumal in der schnittig betonten Choreographie des Dresdner Ballettchefs David Dawson, wo Breiner selbst für kurze Zeit engagiert war. Hier werden klassische Formen mit viel Körperausdruck aufgeladen, die den Freiraum für jeweils bestmögliche Präsentation unterschiedlichster Tänzer bietet. Mit Lucia Solari und Daniel Rittoles als technisch heraus ragenden Akteuren (in Tutus und modischen beigen Hosen und schwarzen Oberteilen) entfaltete sich hier die ganze Würze, die im anderen Stück fehlte.

Neben Breiners eigenem Beitrag lagen in der Publikumsgunst zwei Beiträge deutlich vorne. Zunächst einmal Kevin O’ Days „ALWAYS / ONLY“ , speziell für dieses Programm geschaffen und allein schon durch Bryce Dessners Auftragskomposition „Aheym“ (= heimwärts) für das Kronos-Quartett in mitreißendem Sog zwischen jagenden sich in minimalistischer Manier wiederholenden Streicher-Staccati und sphärisch entspannten Phrasen gehalten. Dieser Klangwelt folgt O’Days Schrittekanon mit einer unablässigen Stringenz, lässt die beiden Paare in wechselnden Kombinationen einen Kreislauf beständiger Anziehung, Reibung und Abstoßung begehen. Alba Nadal,  Lisa Pavlov, Joao Miranda und Joshua Swain verdienen in ihrem engen und gleichermaßen wie unter Strom stehenden Zusammenwirken alle einzeln erwähnt zu werden.

Letzterer wird genauso wie der bereits unter Birgit Keil heraus gestochen charmante Pablo Octavio im Finale aus Richard Siegals „THE NEW 45“ hörbar zum Publikumsfavoriten, so sehr zünden beide mit ihrer lässigen Broadway-Performance als wohltuend fern jeglichem Intellekt ironisch witzig zu Kurt Weill- und Benny Goodman-Klängen groovende Boys. Der Gegensatz der von alten knisternden Single-Platten mit 45 Umdrehungen kommenden Musik und der Frische dieses Duos entwickelt dabei einen besonderen Reiz.

Selbst eine häufige Interpretin von „TUÉ“, lag es nahe, dass Breiner dieses Solo ihres Kollegen Marco Goecke, zu dem sie seit ihrer gemeinsamen Ausbildung in München eine besondere Beziehung verbindet, in diesem Programm präsentiert. Der von einem besonderen Alleinstellungs-Merkmal geprägte Flatterstil dieses Choreographen setzt in diesem hier von Rita Duclos feinnervig transparent umgesetzten Solo die Tänzerin in Bezug zur ebenfalls unruhig nervösen Stimme der Chansoniere Barbara und Prinzessin Caroline von Monaco als Widmungsträgerin. In solch auf wenige Minuten komprimierter Form kommt Goeckes unkonventioneller Körpereinsatz (hier fällt der immer wieder zur Seite geneigte Kopf mit zuckend daran gehaltenen Händen auf) am besten zum Tragen.

Einen keinesfalls stehenden Ruhepunkt schafft „DAYBREAK“ (=Tagesanbruch), ein 2017 für Gelsenkirchen geschaffener Pas de deux des auch als Filmemacher aktiven Schweden Pontus Lindberg vor im Hintergrund in Dia-Form klein erleuchteter Baum-Kulisse mit dazwischen glitzernder Sonne zum wunderschön elegischen Streicher Adagio von Samuel Barber. Bühne und Musik bilden hier eine ideale Grundlage für eine wehmütig getränkte Schönheit klassisch geformten Tanzes von seiner zerbrechlichen und flüchtig momentartigen Seite betrachtet. Lisa Pavlov und José Urrutia tragen dem von sanften Hebungen und zwischenmenschlicher körperlicher Nähe geprägten Stück auf harmonischste Weise Rechnung.

Bleibt noch als etwas zwiespältiger Programmteil Marguerite Donlons „RUFF CELTS“, das eine zehnköpfige Gruppe etwas beliebig nacheinander durch elektronische Rhythmen und Irish Folk zu unterschiedlichsten Formsprachen aus der Klassik heraus bis zum Break Dance führt. Die Hommage an ihre Heimat Irland vereint mit schon sehr speziellem Humor die Gegensätze zwischen keltisch wildem Ursprung (begleitet von kehligen Schreien der Akteure) und Zivilisation, zwischen verstaubter Historie und abstrakter Gegenwart in eigenwilligen Kostümen mit Kilts, Strumpfhosen und weißen Halskrausen.

Hatte Breiner Beethovens Neunte noch im Dämmern mit schwarzen Umhängen beginnen lassen, so schälen sich im Schlusssatz immer mehr Individuen aus der Masse lichtartig heraus. Das sowohl von Scheitern als auch von Erfolg wechselnd geprägte Dasein gehört auch zu diesem Glaubensbekenntnis an den Menschen, weshalb sich die TänzerInnnen zu den aufeinander stürzenden Motiven der Musik immer wieder aufbäumen, wieder zusammen fallen und sich erneut von der Hoffnung tragen lassen. In ihrer von vielen Sprung-Kombinationen und vielfältig ineinander laufenden Windungen durchzogenen Kreation lässt Breiner, auch in nachdenklich verharrenden Momenten ohne Spannungslöcher unablässig die humane Botschaft des Stückes mitschwingen. Und so streben zu den letzten Takten der sich im Freudentaumel überstürzenden Coda alle TänzerInnen nacheinander wie eine Kette vorne direkt vor das Publikum. Solcherart kann das Publikum das größtenteils neue Ensemble und seine Leiterin nicht anders als wie mit offenen Armen, in diesem Fall rauschenden Ovationen aufnehmen und feiern.

 Udo Klebes

 

 

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