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KAISERSLAUTERN/ Pfalztheater: SALOME

06.07.2022 | Oper international

Kaiserslautern / Pfalztheater: „SALOME“

Besuchte Vorstellung am 05.07.2022

thomas hall (jochanaan) dara hobbs (salome) daniel kim (narraboth) copyright jörg heieck

 
Thomas Hall (Jochanaan),  Dara Hobbs (Salome), Daniel Kim (Narraboth). Copyright: Joerg Heieck.

Quasi als Abschiedsgeschenk bescherte der scheidende Intendant des Pfalztheaters Urs Häberli seinem Publikum ein wahres Schmankerl nämlich „Salome“ von Richard Strauss.

Es war mir persönlich ein besonderer Genuss das Werk ohne nennenswerte regieliche Absurditäten zu erleben und der rege Intendant inszenierte gar selbst, erzählte die Textur von Oscar Wilde geradezu herzerfrischend identisch.

Inmitten eines vortrefflich situationsbedingten illuminierten antiken Burghofes mit Wehr, Brücke, Zisterne, Treppe schuf Thomas Dörfler die optisch ideale authentische Atmosphäre in welche die Kostüme (Monika Gora) der dekadenten Hofgesellschaft nicht so recht passend erschienen. Das Tetrarchen-Paar im Partylook in leuchtenden Rot-Tönen, die etwas füllige Salome dezent in grauen Seidenanzug mit Mantel gehüllt, Jochanaan desgleichen als Lichtgestalt erschien konträr in strahlendem Weiss. Eine optisch perfekte Ästhetik welche man andernorts vergeblich sucht und das Auge regelrecht erfreute. Je nach Sichtweise des Betrachters erschienen die Handlungsabläufe modern personifiziert in antikem Ambiente, einfach ausgezeichnet.

Zu den vortrefflichen optischen Aspekten gesellten sich zudem ausgezeichnet musikalische Komponente. Am Pult des Pfalztheater Orchesters wartete Daniele Squeo mit beeindruckend homogener Orchesterkultur auf, ließ die Strauss´sche Partitur zuweilen in völlig neuem Licht erstrahlen. In ausgewogenen Tempi flossen die überwältigenden Passsagen ineinander, kammermusikalische Lyrismen, emotionale Momente, konträre eruptive Konstruktionen verband der umsichtige Dirigent in prächtiger Klangbalance. Dank des in allen Instrumental-Gruppen bestens disponierte und ausgezeichnet aufspielende pfälzische Orchester umwob Squeo die Solisten mit einem spannenden symphonischen Klangteppich, beleuchtete minutiös den farbschillernden Kosmos der Komposition, schenkte dem kontrapunktischen Tanz der sieben Schleier (optisch ein unfreiwilliger Fauxpas) den lasziv-sinnlichen Sound.

Dara Hobbs mir noch als jugendlich-dramatische Isolde in bester Erinnerung überraschte nun erneut mit einer exemplarisch dargebotenen Prinzessin von Judäa. Die Liste meiner bisher live erlebten Salome-Interpretinnen ist sehr lang und nun durfte ich Dara Hobbs auf der Soll-Seite nachhaltig positiver Erlebnisse in meinem umfangreichen Registers „verbuchen“. Diese Salome sehnte sich nach Liebe, Geborgenheit, Zuneigung brachte Regungen des Abscheus gegenüber dem Stiefvater in Verhöhnung oder Belustigung gleichwohl zum Ausdruck, entwickelte allmählich ihre gefährliche Obsession zum kühlen Propheten und philosophierte in beklemmend-berührender Weise vor dessen abgeschlagenem Haupt. Zu Herodes finalen Worten hatte sie lediglich ein kurzes hysterisches Lachen übrig und entschwand in einer Mauernische. Zu so viel ungemein differenzierter darstellerischer Qualitäten in völliger Rollen-Identifikation gesellte sich zudem die vokale Spitzenleistung. Fein kultiviert erklang der schön timbrierte Sopran, selbst in extremsten Höhenlagen vernahm man keinen grellen Ton, fanden sich lediglich stets im Wohlklang der exzellent geführten Stimme Töne von trotziger Wut, kindlicher Neugier, ekstatischer Begierde, sehnsüchtige Kantilenen. Selbst im finalen Monolog vermittelte die famose Sopranistin im Piano manifestierte Vokalcouleurs, faszinierte mit warmer Mittellage, vehementen Höhenflügen ohne jeglichem Substanzverlust und beeindruckte mit perfekter Artikulation. Bravo!

Das Objekt ihrer ungezügelten Begierden erschien in optisch attraktiver Erscheinung, einem Jochanaan von ungemein starker Ausstrahlung. Prägnant, blendend metallisch erklang der Bassbariton von Thomas Hall im schier grenzenlosen Höhenrausch. In bester Phrasierung der Mittellage nuancierte Hall den aggressiven, religiösen Fanatiker, dennoch hätte ich mir wärmere Zwischentöne gewünscht doch tat diese Anmerkung seinem imposanten Rollenportrait keinen Abbruch. Zur vortrefflichen Intonation, bester Textverständlichkeit gesellten darstellerische Glanzpunkte des im Widerstreit der Gefühle des pflichtbewussten Täufers.

Daniel Kim schenkte dem verliebten Syrier Narraboth (aus Fernost) strahlend helle Tenortöne. Den darstellerisch geforderten Herodes verkörperte Scott MacAllister mit gut fokussiertem Charaktertenor und klarer Aussage, ließ deklamatorisch jedoch Wünsche offen.

Ihm zur Seite eine darstellerisch wie vokal unspektakuläre Renée Morloc als Herodias.

Aufhorchen ließ dagegen Rosario Chávez (Page), die Juden Shin Nishino, Alexandru Popescu, Luigi Song, Kwanghee Choi zeterten nur im Quartett, der Erste fiel wegen Corona ersatzlos aus. Die übrigen Sänger der kurzen Stichwortgeber möchte ich verschweigen.

Das Publikum des maximal zu einem Viertel gefüllten Hauses feierte Dobbs, Hall, Squeo und das Orchester mit Bravos und großer Begeisterung. Weitere Auff. am 17. + 23.07.

Gerhard Hoffmann

 

 

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