Die vierte Rameau-Aufnahme des L´Orfeo Barockorchesters

Gerade das richtige Geschenk des L´Orfeo Barockorchesters zum 30jährigen Jubiläum, das Michi Gaiggs Spezialensemble derzeit an vielen Orten feiert. Eine wundervolle cpo Aufnahme von zwei Suiten des bedeutenden Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau (1683-1764), dem französischen Star der Barockmusik, immer schon eine heimliche Liebe von Michi Gaigg, durch die ihr, wie sie sagt, die Türen zu Mozart, Haydn und Schubert geöffnet wurden. Historisch gesehen eigentlich treffend, baut doch jede Musik ihrer Zeit auf das Material vergangener Epochen und wird zum Wegweiser für schöpferisch Neues. Rameau erwies sich als aufnahmefähig, erlebte die globalen Stilmerkmale des Früh- und Hochbarock und führte diese nach 1670 zu einer typisch national französischen Ausdrucksweise. Man könnte sich die geistvolle Existenz dieser faszinierenden Persönlichkeit wie Rameau gar nicht anders vorstellen. Schade, dass man hier die beiden Werke Suite from „Zoroastre“ (1749 version) und die frühere Suite from „Les Indes galantes“ (1736 version) nur audio genießen kann. Dr. Jonathan Williams hat im booklet eine derart umfassende Erzählung der Bühnenversionen verfasst, dass schon beim Lesen die Musik mit aller Vorstellungskraft wie in einem Film vorüberzieht. Es geht ja auch um Ballette, deren Form bei Rameau die Höchstblüte erlebte. Da tut sich eine Welt des barocken Theaters, der Operndramatik und erregenden Leidenschaft auf, in jeder Notenzeile affektgebunden mit einer Klangsprache visionärer Musik verziert. Die Szenen bestehen aus abwechslungsreichen Miniaturen zwischen zarter Lyrik und ernsthafter Skizzierung der Figuren. Man hört aber noch mehr geistige Einfälle Rameaus in den von der Handlung her eingängigen Stücken. Der persische Religionsgründer Zarathustra gelangt erst auf den Königsthron, wenn er nach Prüfungen die Hand der Liebsten erhält. Das zweite Stück „Die verliebten Indianer“ geht mit seinem exotischen Sujet und der farbigen Musik nicht weniger unter die Haut und war zu Lebzeiten des Komponisten – wie verraten wird – die beliebteste Oper Rameaus. Von der Qualität und Einfühlung der Orfeos in die Alte Musik und ihr längst entdeckter unvergleichlicher Stimmcharakter für die historische Aufführungspraxis kann auch diesmal nur geschwärmt werden. Ein nie verhallendes Loblied im Fortissimo für dieses Ausnahmeensemble!
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

