Joseph Brodsky Dichter und Revolutionär
zum 30.Todestag
(*24.Mai 1940 in Leningrad + 28. Januar 1996)
Ilma Rakusas Begegnung mit Joseph Brodsky
Ilma Rakusa ist eine bekannte Publizistin, Übersetzerin und Autorin, die sich mit der Literaturgeschichte Russlands, und anderen Ländern aus dem Osten, intensiv auseinandergesetzt hat. Sie ist zugleich eine der intimsten Kennerinnen der Avantgarde und eine fabelhafte Interpretin der Klassiker. Sie wurde am 2.Januar 1946 in Rimavská Sobota, Tschechoslowakei, geboren und lebt seit ihrer Kindheit in der Schweiz, wo sie unter anderem das Gymnasium in Zürich besuchte, und danach von 1965-1971 Slawistik und Romantik zunächst in Zürich, Paris und Russland studierte. Wo sie während ihres Aufenthalts in Leningrad im März 1971 auch Joseph Brodsky persönlich kennenlernte. Ihre Erinnerungen an Brodsky geben uns einen kurzen Einblick in das Leben des russischen Dichters und Schriftstellers.
Besuch bei Brodsky im März 1971 in einem Leningrader Zehnquadratmeter Zimmer. Als befände man sich in einer exterritorialen Zone: Bücher in allen Sprachen vom Fußboden bis zur Decke. Dylan Thomas, W.H. Auden, T. S. Eliot, John Donne (der englische „metaphysical poet“ des 17.Jahrhunderts, den Brodsky kongenial übersetzt hat), Konstantin Kavafis, polnische und russische Autoren; Fotos, über der Schreibmaschine die Losung: „Ich bin Dichter“, auf dem antiken Nussbaumschrank ein alter Überseekoffer. Eine Welt der Kunst, eine Kunstwelt. Wir sprechen über Puschkins Freund Jewgenij Baratynskij, einen Gedankenlyriker von grandiosem Pessimismus. Brodsky rezitiert – selbstverständlich auswendig und mit dem eigenen Litaneien Pathos – Achmatowa und Mandelstam, Dylan Thomas und eigene Verse, als wollte er widerlegen, dass „in unserer Zeit die Starken zugrunde gehen und das Geschlecht der Schwachen sich vermehrt en gros und en détail“. Gelegentlich wird er apodiktisch „Djuna Barnes“ (sie zählt zu den wichtigsten amerika-nischen Autorinnen der literarischen Moderne), ist großartig. Bulgakow taugt wenig, oder bezüglich der Zensur: „Die Zensur ist positiv, sie verfeinert die Lesegewohnheiten.“ Doch keine Widerrede, bitte. Denn Brodsky, der gelehrte Autodidakt, kann nicht nur schnippisch, sondern auch zornig werden. Gereizt wirkt er immer, als störe ihn alles in seiner inneren Arbeit, dem Dichten.
Amüsant hingegen ist ein Auszug aus seinen „Prozess“ zu lesen, der von seiner poetischen Veranlagung während seines gesamten Lebens erzählt, und das für Ironie und Offenheit steht:
Richter: Was ist ihr Beruf?
Brodsky: Ich bin Dichter und Literaturübersetzer.
Richter: Wer erkennt Sie als Dichter? Wer hat Sie in der Riege der Dichter aufgenommen?
Brodsky: Niemand. Wer hat mich in die Reihen der Menschheit aufgenommen?
Richter: Haben Sie das studiert?
Brodsky: Das?
Richter: Wie man Dichter wird. Sie haben nicht einmal versucht die High School zu beenden, wo sie sich vorbereiten, wo sie unterrichten?
Brodsky: Ich hätte nicht gedacht, dass man das von der Schule bekommen kann.
Richter: Wie dann?
Brodsky: Ich denke, dass es…von Gott kommt.
Zynismus und Selbstironie, das ständige sich auflehnen gegen alles Konventionelle verdeutlichen seinen Charakter. Im November 1963 erschien in einer Leningrader Zeitung ein Artikel, in dem Brodsky nicht nur „Parasitentum“ vorgeworfen wurde, sondern auch behauptet wurde, er hätte die Entführung eines Flugzeugs geplant, um damit ins Ausland zu gelangen. In der Folge wurde er 1964 wegen „Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber nach achtzehn Monaten, die er in der Gegend von Archangelsk, einer Hafenstadt in Nordrussland, verbringen musste, wieder entlassen.
Ilma Rakusa weiß weiters zu berichten von einer zweiten Begegnung 1972, in der Leningrader Wohnung des Literaturwissenschaftlers Efim Etkind. Weder Brodsky noch Etkind ahnen, dass sie schon bald die Heimat verlassen würden.
Brodsky tippt sein soeben entstandenes Gedicht „Lichtmess“ ab. Das Abendessen mit mehreren geladenen Gästen wird zum literarischen Ereignis: kaum hat Brodsky seine Verse vorgetragen, die sich in Windeseile in Abschriften verbreiten sollten, schwenkt Etkind das neueste Heft der Zeitschrift „Fragen der Literatur“ (Voprosy literatury) und verkündet die Sensationsmeldung von der Rehabilitierung, Ossip Mandelstams.
Der entsprechende Aufsatz, von Alexander Dymschitz, enthält eine gravierende biographische Auslassung, doch ist alles klar, dass es „sonst nicht gegangen wäre“; 1973 erscheint dann, nach 45 Jahren, erstmals wieder eine Edition von Mandelstams Gedichten, wobei es auch bis dahin keinen sowjetischen Intellektuellen gab, der nicht zahllose Verse dieses Lyrikers auswendig gewusst hätte. So wie auch Brodskys Gedichte abgeschrieben und memoriert und in privaten Seminaren diskutiert wurden.
Im 20.Jahrhundert wurden gerade die bedeutendsten Dichter von Stalins Verdikt getroffen. Kultur fand lange im Verborgenen statt, wobei dem Gedächtnis die wichtige Rolle zufiel, zu bewahren und zu überliefern, wie es einst Lidia Tschukowskaja für Anna Achmatowa getan hat. Während meines Studienaufenthalts in Leningrad, so schreibt Rakusa weiter „erlebte ich in privaten Kreisen mehrfach Lesungen von Marina Zwetajewa, Nikolai Gumilyov und Daniel Charms, von Autoren, die seit Gorbatschows Glasnost – Politik ans Tageslicht befördert wurden“. Auch Brodskys Obsession galt dem Bewahren, der literarischen Überlieferung, der Erinnerung „Sie spiegelt die Qualität der Realität ebenso wider wie utopisches Denken“.
Doch wer war dieser Brodsky der eigentlich eher als literarischer Autodidakt zu verstehen ist. Er wurde als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad am 24.Mai 1940 geboren. Er war ein Einzelkind. Sein Vater Alexander Brodsky war ein Fotograf, der im Krieg eine Chronik über die Leningrader Blockade erstellte. Die Mutter Marija Moissejewna Wolpert arbeitete im Krieg als Dolmetscherin und half Informationen von Kriegsgefangenen zu übersetzen. In der Nach-kriegszeit arbeitete sie als Buchhalterin. Sohn Brodsky verließ bereits nach der neunten Klasse die Schule, und nannte den vorzeitigen Schulabgang „seinen ersten freien Willensakt“. Danach arbeitete er in verschiedenen Jobs, so auch als Fabrikarbeiter und Krankenhausangestellter und als Teilnehmer an geologischen Expeditionen, wo er indessen Bezug zwischen 1957 und 1960 große Teile der Sowjetunion kennen lernte. Im Selbststudium lernte er Polnisch und Englisch, zeigte auch Interesse für die Literatur und schrieb Ende der fünfziger Jahre seine ersten Gedichte. Daneben arbeitete er an Übersetzungen ausländischer Gedichte. 1960 veröffentlicht er in einigen Zeitungen nicht nur eigene Texte sondern auch an Übersetzungen englischer Beiträge.
Am 5.Juni 1972 wird er aus der Sowjetunion ausgebürgert, sie setzten ihn, nachdem ihm zuvor alle Manuskripte abgenommen wurden, in ein Flugzeug nach Wien. Brodsky kam „mit einem Koffer in der Hand und 50 Dollar in der Tasche in Wien an“. Dort nahm sich der US-amerikanische Dichter W.H. Auden seiner an, der gerade in Kirchstetten seinen Sommerurlaub verbrachte. Offenbar war es ein Schicksal der Ironie, denn als Brodsky seine Gedichte, zumindest das was noch übrig war, Auden vorlegte, zeigte sich dieser aus-gesprochen begeistert, der ihn außerdem bewog in die USA zugehen und ihn für den Anfang auch finanziell unterstützte.
Im Jahre 1977 erhält Brodsky die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Gedichte schrieb er weiterhin, meist aber in seiner Landessprache russisch, daneben aber auch Essays in englischer Sprache. Seit 1976 war er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und seit 1979 der American Academy of Arts and Letters. 1987 wird Brodsky mit dem Nobelpreis der für Literatur ausgezeichnet. Eine wahrlich steile Karriere für einen Autodidakten.
Brodsky ist, um es klar auszudrücken, ein Paradebeispiel für viele Dichter und alle diejenigen die als Romanschriftsteller oft die besten Bücher schreiben, dass man nämlich Schreiben nicht an irgendwelchen Schulen oder in Schreibkursen erlernen kann, sondern dass es einem in die Wiege gelegt wird, oder so wie Brodsky sagt: Das es von Gott kommt…und einem gegeben wurde.
Obwohl seine Gedichte nun auch in Russland erschienen sind, wollte Brodsky nicht mehr in sein Land zurückkehren. Im Jahre 1996 verstirbt Brodsky an einem Herzinfarkt in New York und wird auf der Friedhofsinsel San Michele in der Lagune von Venedig beigesetzt. Mit Venedig waren seine Gedanken immer eng verbunden. Seit seinem ersten Besuch 1972 in der Lagune von Venedig war es offenbar Liebe auf den ersten Blick. Seit dieser Zeit ließ ihn Venedig nicht mehr los; die Architektur, Musik und Malerei, das Dolce Vita, die Freundlichkeit der Menschen, die mediterrane Luft, die Adria – Lagune, der Canale Grande mit seinen Palästen aus der Renaissance und Gotik und natürlich auch die italienische Literatur. Hier hatte er das Gefühl endlich frei atmen zu können.
Ein Jahr nach seinem Tod am 21.Juni 1997, nach langem bürokratischem Aufwand, mit dem sich seine Witwe Mary herumschlagen musste, wurde endlich nach Empfehlung eines Freundes sein Leichnam auf dem alten Friedhof auf der Insel San Michele beigesetzt. Die Diskussion um seine Beisetzung war offensichtlich genauso paradox wie sein ganzes Leben. Weil laut Brodskys Aussagen wollte er weder in Russland noch in Deutschland leben. Und doch war sein ursprünglicher Gedanke seine ewige Ruhe zwischen den Gräbern Strawinskys und Diaghilew zu finden. Dies konnte jedoch nicht erfüllt werden, da Brodsky nicht orthodoxen Glaubens war. Auch die katholische Geistlichkeit verweigerte eine Beisetzung. Als Ergebnis hatte man sich entschlossen, den Körper Brodskys in dem evangelischen Teil des Friedhofs zu begraben. Die Ruhestätte wurde mit einem bescheidenen Holzkreuz mit dem Namen Joseph Brodsky bemerkt. Die Idee Brodskys Körper umzubetten auf dem Friedhof San Michelle kam von einem seiner engsten Freunde. Ihn umzubetten in eine Stadt die Brodsky, wie bereits erwähnt, außer St. Petersburg am meisten liebte. „Venedig ist näher an Russland“ hat es geheißen.
Und diese Entscheidung über den endgültigen Standort des Dichters Beerdigung dauerte mehr als ein Jahr bis Brodsky endlich seine letzte Ruhe fand.
Noch vor seinem Tod trug sich Brodsky mit der Idee eine „Russische Akademie“ für Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler in Rom zugründen. Diese Idee wurde verwirklicht nach seinem Tod.
Ein schmaler Nachgeschmack bleibt ihm aber doch – obwohl Brodsky ein literarischer Freigeist, so verwandelte er sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in einen radikalen Nationalisten, wo er die Ukrainer als kulturloses Dreckspack beschimpfte. In seinem Gedicht „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ lesen wir folgende Worte: Ein Kürbis-Melonenvolk seien sie. „Dreckspack“, das mit den „Fritzen“ und den „Pollacken“ im Bunde Russland verraten und sich von der großen russischen Kultur abgewendet habe. Eine Todsünde. Dabei hätten die Ukrainer selbst keine hohe Kultur, sich stattdessen immer vom großen russischen Volk „kulturell ernährt“ hätten.“ 2014 erlebte Brodskys Gedicht eine wahre Renaissance. Jedoch bald erkannte er das Gift in seinem Gedicht und war über sich selbst erschrocken, und sprach von einem Wutanfall, der ihn dazu bewegt hatte dieses Gedicht zu schreiben. Er hat die Zeilen nie mehr publiziert, sondern bis zu seinem Tod 1996 lediglich ein paar Mal öffentlich daraus gelesen.

Porträt von Joseph Brodsky, Oel auf Leinwand von Alex Shirshov
„Nun, da ich viel über mein Leben wusste –
Über Städte, Gefängnisse, über Räume,
in die ich verrückt wurde, aber nicht ging,
über die Meere, in denen ich erstickte,
und über diejenigen, die ich nicht in meinen Armen hielt-
konnte man jetzt mit einem Seufzer sagen:
„Das Schicksal war großzügig zu ihm“,
und die Anwesenden am Tisch
nickten nachdenklich und zustimmend.“
(Auszug aus dem Gedicht: Jetzt weiß ich viel über mein Leben)
Manuela Miebach

