Julia Danielczyk (Hg.)
Josef Meinrad
Der ideale Österreicher
320 Seiten, Mandelbaum Verlag, 2013
Er lächelt so strahlend und dabei verschmitzt, so herzerwärmend und liebenswert vom Titelbild des Buches: Josef Meinrad ist Österreichs Glücksfall für ein „rundes“ Geburtstagskind (den „Hunderter“ zumal). Der Publikumsliebling „Pepi“ mit seiner legendären Bescheidenheit, politisch unverdächtig, ein großer Schauspieler, woran nicht zu rütteln ist – was will man mehr?
Nun, ein Buch, das diesen „idealen Österreicher“ (und der Titel ist mehr als zweideutig gemeint!) zwar nicht aus den Schuhen kippt, aber höchst kritisch hinterfragt. Die klassische Biographie hat es schon vor Jahren gegeben, geschrieben von einem Bewunderer (Gerd Holler, 1995). Nun haben sich die Wissenschaftler daran gemacht, das Phänomen Josef Meinrad von allen Seiten zu beleuchten.
Der Mandelbaum Verlag legt, von Herausgeberin Julia Danielczyk zusammengetragen, eine Summe wissenschaftlicher Einzeluntersuchungen vor, ergänzt durch die Erinnerungen von Zeitgenossen (denn die Schilderung aus erster Hand ist für die Wissenschaft bekanntlich unerlässlich, so subjektiv sie auch sein mag).
Josef Meinrad – in einem Buch wie diesem gibt man den politischen Umriss zuerst (Autorin: Julia Danielczyk). Von einem Mann, der in seinem Leben zwischen dem 21. April 1913 und dem 18. Februar 1996 fast das gesamte 20. Jahrhundert und in seiner Heimat Österreich fünf Staatsformen miterlebt hatte. Der weder Jude noch Nazi war, nicht politisch engagiert, unbeschädigt und makellos durch die kritischen nationalsozialistischen Jahre gekommen, und folglich dazu geeignet, nach dem Krieg ein „idealisiertes, idyllisiertes Bild des Österreichers“ zu bieten und damit vom schuldhaften Verhalten vieler Landsleute abzulenken. Man stellt es fest, man macht es ihm nicht unbedingt zum Vorwurf, dass er als „nationale Marke“ seine „Rolle“ tadellos spielte.
Meinrad hat nichts getan, um der „Einverleibung“ seiner Person durch die Harmlosigkeit zu widersprechen, er hat sogar bewusst versucht, persönlich nie irgendwo anzuecken (auch aus dem österreichischen Bedürfnis, seine Ruhe zu haben – wo doch in unserer Welt besonders die Unangepassten hoch geschätzt werden). Auch in der privaten Selbstinszenierung hat Meinrad sich als „kleinen Mann“ stilisiert, der das Unfassbare schaffte, dennoch einen Rolls Royce zu fahren. Adrienne Gessners legendär-spitze Bemerkung, seit der Pepi einen Rolls Royce fahre, sei er noch viel bescheidener geworden, findet sich auch da. Man konnte natürlich über Meinrad als Phänomen, in dem natürlich die „Selbstinszenierung“ nicht fehlte, auch ätzen…
Aber vor allem wurde er geliebt. Das war Schauspielern dieser Generation (man weiß es auch von Vilma Degischer) unendlich wichtig: Darum wollte er auch nichts falsch machen, was das eigene Bild hätte stören können. Als Träger des Iffland-Ringes wurde der Vorbild-Charakter der offiziellen Meinrad-Persönlichkeit noch verstärkt – als der anerkannt größte Schauspieler deutscher Zunge… (Er war übrigens der erste und bisher einzige österreichische Träger dieser Auszeichnung.)
Ein Lebensabriss (Autor: Christian Mertens), der schildert, wie der „stille, bescheidene und begabte Bub“ aus einfachen Verhältnissen fast in den Priesterberuf gegangen wäre, kann im Grunde auch nicht erklären, wieso dieser Josef Moucka, wie er ursprünglich hieß, zum Schauspielerberuf schwenkte – aber er tat es. Und hat seine außerordentliche Stellung nicht zuletzt dadurch erlangt, dass er sich über kurz oder lang als „glaubhafte Verkörperung des Wienerischen“ etablieren konnte. Was – wie schon im vorigen Beitrag festgehalten – genau das war, was ein wiedererstandenes Österreich nach 1945 dringend benötigte. Dass er mit einer Französin verheiratet war, störte das Image nicht, dass er keine Kinder hatte, wurde durch die hierzulande so wichtige Tierliebe mehr als kompensiert, dass er nicht rauchte, nicht trank, erhöhte seine Vorbildwirkung.
Der Schauspielerberuf war sein Selbstverständnis, was auch weitere Artikel belegen: Karin Sedlak blendet auf die Kleinkunst-Zeiten in Meinrads Anfängen in den dreißiger Jahren zurück, Veronika Zangl schildert seine Kriegsjahre am Deutschen Theater in Metz (er musste später der „Reichskulturkammer“ beitreten, nachdem er das Engagement noch ohne diese Mitgliedschaft erhalten hatte), Peter Roessler sinnt hinter dem Begriff „Volksschauspieler“ her, der sich mit Meinrad verbindet wie mit wenigen sonst, und verweist darauf, dass er natürlich nicht nur Raimund und Nestroy spielte, mit denen man ihn auf Anhieb assoziiert. Ob der ach so Liebenswürdige auch eine seltsame Art der Verfremdung mitbrachte – durch das Tänzerische seiner Bewegung, das Heisere seiner Stimme, die herausgestoßene Präzision seiner Sprache – , das Publikum betraf es nicht: Es liebte Meinrad, wie er war, und hinterfragte nicht.
Autor Franz Schuh ortet Meinrad „als Kunst-Sprecher beim Verschönerungsverein des Wienerischen“, Christian Cargnelli befasst sich mit Meinrads frühen Filmen, am Ende des Buches analysiert Karin Moser dann Meinrad als Filmschauspieler im Durchmarsch durch seine zahlreichen Filmrollen (darunter viele kleine, aber eindrucksvolle).
Agnes Kapias schildert seine Darstellung geistlicher Würdenträger, die zahlreich waren – am wichtigsten: auf der Bühne ein Papst, im Fernsehen der lockere Pater Brown, im Kino der „Kardinal“ (und dass ausgerechnet er den umstrittenen Innitzer verkörperte, war in sich schon wieder eine „Beschwichtigung“).
Auch als „Der Unbestechliche“ (Autor: Siegfried Steinlechner) wird Meinrad hinterfragt, nicht nur als Hofmannsthals Theodor, sondern auch in der – „moralischen“ – schillernden Qualität der Rolle und des Seins. Nestroy-Spezialist Jürgen Hein sinniert über „Weinberls Meinradisierung“ nach, ob seine Verbindlichkeit nicht zu einem jahrzehntelangen Nestroy-Missverständnis der Wiener Inszenierungen geführt haben könnte. (Wobei dergleichen natürlich immer aus dem jeweiligen Zeitgeist zu verstehen ist und nicht aus unseren Forderungen, die naturgemäß anders sind als die der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre.)
Thomas Aigner berichtet von Meinrads Ausflug ins Musical als Mann von La Mancha (danach hat er auch den Higgins in „My Fair Lady“ gespielt), und er hatte sich auch diese Rollen auf seine Persönlichkeit zurecht gerichtet (wie auch anders?): Ein Verwandler war er nicht, vielmehr immer „er selbst“, zu diesem Schluss müssen alle Interpreten kommen.
Schließlich noch, eingestreut in die Interpretations-Texte, die im Grunde den Charakter eines Symposiums widerspiegeln, die „O-Töne“:
Lotte Tobisch wird „warm ums Herz“, wenn sie an Meinrad denkt;
Michael Bukowsky, der im Theater an der Wien arbeitete, als Meinrad den „Mann von La Mancha“ spielte, konnte Meinrads Zurückhaltung aufbrechen, die er offenbar Kollegen gegenüber hegte;
Achim Benning war Meinrads Direktor am Burgtheater (und bricht eine Lanze für die mittlerweile angegriffenen Nestroy-Inszenierungen von Leopold Lindtberg) und nennt Meinrad den „Protagonisten der reinen, politikfreien Kunst“;
Reinhard Urbach rekapituliert einige große Meinrad-Rollen;
Dagmar Koller erinnert sich gerührt an Meinrad als ihrem „Mentor“;
und am Ende ist jene Rede abgedruckt, die Michael Heltau, der Doyen des Burgtheaters, zur Verabschiedung Meinrads auf der Feststiege des Burgtheaters hielt. Ein Burgschauspieler wie er erhielt natürlich die Ehre eines Burgtheater-Begräbnisses…
Fotos und Dokumente und ein tadelloser Anhang aller künstlerischen Aktivitäten Meinrads ergänzen das Buch, das allerdings keine Lebenschronik bietet.
Renate Wagner