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JORGE BOLET spielt Liszt, Chopin, Debussy, Godowsky – AUDITE 3 CDs

10.11.2017 | cd

JORGE BOLET spielt Liszt, Chopin, Debussy, Godowsky –  AUDITE 3 CDs

RIAS Erstveröffentlichungen von den Originalbändern Vol. 1

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Der kubanisch-amerikanische Karrierespätzünder Jorge Bolet ist einem breiteren Publikum durch seine maßstabsetzenden Liszt-Interpretationen für das Label DECCA bekannt geworden. Was die schleppende pianistische Laufbahn betrifft, so war Hollywood hilfreich, genauer gesagt, George Cukors Liszt Verfilmung „Song without End“, wo er den Hauptdarsteller Dirk Bogarde in dessen Klaviereinsätzen doubelte. Als endgültiger Durchbruch für die große Weltkarriere gilt sein Auftreten in der Carnegie Hall am 25. Februar 1974. Damals war Bolet 60 Jahre alt. Mit 64 Jahren unterschrieb Bolet einen Exklusivvertrag mit der DECCA.

Das Remastering der auf einer ersten Bolet-Box vorgelegten Aufnahmen für den Berliner Sender RIAS beruht auf den Originalbändern. Sie sind im Zeitraum 1962-1973  in der Siemensvilla in Berlin Lankwitz und im RIAS Funkhaus Berlin entstanden. Die Tonqualität ist herausragend. 

Jorge Bolet ist nicht – wie die Marketingabteilungen sich das so vorstellen – einfach der „letzte Romantiker“ oder der „letzte Gentleman“ unter den Pianisten des 20. Jahrhunderts gewesen. Das ist Unsinn. Was ich höre, ist ein herausragender „Techniker“, der gleichzeitig ein Besessener auf seinem Instrument ist und auf ganz einzigartige Weise eine Brücke zwischen streng formaler Struktur und überbordender Emotion zu schlagen wusste. In den virtuosen Passagen unfehlbar, ist Bolet vor allem ein Magier der Übergänge, seine schwindelerregende Accelerando-, Stringendo- und Ritardando-Kunst zeugt vom höchster musikalischer Intelligenz, und die macht ihm so schnell keiner nach. Was Bolets langsamen Tempi anlangt, so möge ein Originalzitat humorvoll eine Tendenz dieses Pianisten beleuchten: „Ich habe immer das große musikalische Problem gehabt, in allen langsamen Stücken zum Trödeln zu tendieren. Wenn ich zum Beispiel ein Nocturne von Chopin spiele, muss ich mir sagen: Bolet, spiel weiter, spiel weiter, lungere nicht herum. Sei ein guter Junge, halte es am Laufen.“ 

Aus der lodernden bis infernalischen Intensität der immensen Liszt Wiedergaben heraus – Années de Pélerinage, Première Année Suisse, Études d‘éxecution transcendante – Ausschnitte, Liebesträume, eine Rhapsodie espagnole (Folies d‘espagne et Jota aragonesa) braucht Bolet auch Gefühle nicht zu scheuen. Selbst pianistischer Kitsch wie die Leopold Godowsky Petitesse „Le Salon“ oder dessen Bearbeitung von Camille Saint-Saëns „Le Cygne“ gerät unter Bolets Händen zu einem faszinierend seriösen Unterfangen. Und wer schließlich würde Bolet seinen passionierten, gute Laune schaffenden Einsatz für Godowskys Symphonische Metamorphosen über Themen aus Johann Strauss‘ Fledermaus übelnehmen wollen? Bolet wurde an der Curtis School of Music in Philadelphia von David Saperton, Schwiegersohn von eben diesem Leopold Godowsky ausgebildet. Er übernahm später selbst die Klavierabteilung von Rudolf Serkin. 

Die CD Box enthält darüber hinaus noch Frédéric Chopins Fantasia in F-Moll Op. 49, und einige seiner Impromptus sowie Kostproben aus Claude Debussys Préludes (erstes und zweites Buch).  Am Ende ist das spezielle Fluidum eines Pianisten aber mit Worten kaum beschreibbar. Es ist jedenfalls ein nicht geringes Vergnügen, Jorge Bolet bei seinen musikalischen Erkundungen zuzuhören. Fern aller Kategorisierungen pflegt Bolet einen subjektiven Stil, den ein Mut zu Extremen kennzeichnet, und von maschineller Virtuosität bis hin zu romantischem Innehalten kein Tabu kennt. Das Ergebnis ist faszinierend und unverzichtbar für alle, die hohe Klavierkunst schätzen.

Eine zweite demnächst erscheinende Folge wird die nun schon erhältliche Box um konzertante Aufführungen (Liszt Klavierkonzerte mit dem RSO Berlin unter Lawrence Foster / Edo de Waart) sowie die Tannhäuser-Paraphrase und die Années de pélerinage, deuxiéme année, Italie,  ergänzen. Diese Stereo-Aufnahmen stammen aus den Jahren 1971-1982.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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