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Jonathan Leshnoff: Doppelkonzert für Klarinette, Fagott und Orchester. Pjtor I. Tschaikovsky Symphony No. 4 f-moll op. 36

01.05.2020 | cd

Jonathan Leshnoff: Doppelkonzert für Klarinette, Fagott und Orchester

Pjtor I. Tschaikovsky
Symphony No. 4 f-moll op. 36

Solisten:
Nancy Goeres, Fagott
Michael Rusinek, Klarinette
PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA
Manfred Honeck, Dirigent

Pittsburgh Symphony Orchestra Recorded Live
May 6-8, 2016 (Tchaikovsky)
June 6-9, 2019 (Leshnoff)
Heinz Hall for the Performing Arts, Pittsburgh, PA

Im Rahmen seiner CD-Veröffentlichungen präsentiert das Label „Fresh!Reference Recordings“ eine Zusammenstellung mit Werken von Jonathan Leshnoff und Pjotr I. Tschaikovsky. Der unvergleichliche Musikdirektor Manfred Honeck leitet in diesen Liveaufnahmen das hinreißend musizierende Pittsburgh Symphony Orchestra mit seinen beiden Orchestersolisten.

Im Spätsommer 2017 ergab sich für Jonathan Leshnoff die Idee zu einem Doppelkonzert für Klarinette, Fagott und Orchester. Das dreisätzige Werk stellt dabei den langsamen Satz an den Beginn, gefolgt von einem sehr kurzen Scherzo und einem schnellen Finale.

Leshnoff komponierte ein wunderbares Werk, welches erkennbar der Melodie verpflichtet ist. Bereits die einleitenden schwebenden Streicherakkorde lassen in ihrer Eindringlichkeit aufhorchen. Wunderbar setzt darauf das Solo-Fagott mit einer eingängigen melodischen Phrase ein, umso gleich mit der schwebenden Solo-Klarinette in einen persönlichen Dialog zu treten.

Ganz anders das erzählerische Scherzo im angedeuteten Walzer Rhythmus. Hier treten sehr dezent die Blechbläser hinzu. Auch hier bleibt der tonale Rahmen gewahrt. Lediglich subtile ironische Einwürfe geben diesem kaum drei Minuten dauernden Satz seinen besonderen Charme.

Ein feierlicher Choral in den Blechbläsern eröffnet den farbigen dritten Satz. In diesem Finale wird nun die Virtuosität intensiv gefordert. Immer wieder werden die Stimmen der Solisten übereinander gelagert, sekundiert von pulsierenden Streicherklängen.

Aus den Reihen des Pittsburgh Symphony Orchestras stammen die beiden Solisten. Mit höchster Sensibilität agieren Nancy Goeres (Fagott) und Michael Rusinek (Klarinette) an ihren Instrumenten. Im ersten Satz entsteht zwischen beiden Solisten ein perfektes Zusammenspiel. Mit großer Ruhe und weitem Atem formulieren sie ihre berührenden musikalischen Themen aus. Ihre ganze Kunstfertigkeit zeigen die Beiden dann eindrucksvoll im fordernden Finale. Perfekte Unterstützung erfahren sie durch ihr Pittsburgh Symphony Orchestra unter Leitung des souverän gestaltenden Manfred Honeck. Orchester und Dirigent begleiten ihre Solisten mit vorbildlicher Aufmerksamkeit. Dabei bleiben sie aber zu jedem Zeitpunkt gleichberechtigter Spielpartner.

Eine äußerst hörenswerte Begegnung eines zeitgenössischen Werkes, welches unbedingt Einzug in die Konzertsäle finden sollte, in dieser Einspielung begeisternd vorgetragen.

Hauptwerk dieser besonderen CD ist ein Evergreen der symphonischen Literatur: die vierte Symphonie von Pjotr I. Tschaikovsky, die in den Jahren 1876 bis 1878 entstand.

Es war eine schwere Zeit für den russischen Meister. Geplagt von seinen vielen Neurosen und seiner unterdrückten Homosexualität traten in dieser Periode zwei Frauen in sein Leben.

1877 heiratete er seine Schülerin Antonina Miliukova. Eine unglückliche Entscheidung, für Tschaikovsky, ein Schlag des Schicksals und so währte diese Farce nur wenige Wochen.

Eine glückliche Fügung in dieser Zeit war hingegen die Begegnung mit Nadeshda von Meck, die zu seiner größten Unterstützerin werden sollte. In unendlicher Fürsprache und wiederkehrender finanzieller Unterstützung wurde sie zu seinem Lichtpunkt in seiner düsteren Seele. Aus großer Dankbarkeit widmete er Frau von Meck seine vierte Symphonie.

Es ist ein Werk der größten Kontraste. Auf der einen Seite steht tiefste, dunkle Verzweiflung und auf der anderen Seite eine lärmende, gellende Lebensfreude, immer wieder durchschnitten durch das düstere Schicksalsmotiv. Tschaikovsky formulierte ein Programm für diese Komposition, welches eher Gefühlszustände beschreibt. Und doch wurde es kein fester Bestandteil der Partitur.

Was dieses CD-Reihe zu besonders hörenswerten Dokumenten macht, sind die äußerst akribischen Anmerkungen von Dirigent Manfred Honeck, der in dem umfangreichen Booklet in allen Sätzen präzise seine interpretatorischen Ideen beschreibt. Somit kann der Hörer ganz genau den beabsichtigen Ausdruck nachvollziehen. Eines lässt sich vorweg sagen: seit den Tagen von Evgeniy Mrawinsky gab es nicht mehr einen derart aufregenden und innovativ gestalteten Interpretationsansatz zu hören, wie er hier auf diesem beeindruckenden Tondokument zu erleben ist!

Wie ein tönendes Damoklesschwert eröffnen die Hörner das Schicksalsmotiv. Wie überragend sind einmal mehr das perfekte Timing im Zusammenspiel und die minutiös herausgehörten dynamischen Effekte. Honeck überlässt nichts dem Zufall, sondern folgt einer spannenden Dramaturgie, die dieses herrliche Werk zu einem Hör-Thriller werden lässt. So gibt es dramatische Zuspitzungen, die dann von überraschenden Diminuendi wieder aufgefangen werden. Rebellisch und aufgeraut kommen diese ersten Minuten daher. Mit großer Ruhe wird dann das zweite Thema durch die besonders kantabel intonierende Solo-Klarinette gestaltet. Die großartigen Holzbläser musizieren dann im Verein mit den Celli eine berührende Oase des Glückes. Ehe sich im fernen Walzer Rhythmus allmählich die Atmosphäre wieder eintrübt. Doch zuvor entfesselt Honeck mit seinen famosen Orchester nochmals einen kurzen intensiven Glücksmoment, in welchem die Hörner euphorisch aufspielen. Ein kurzer Moment, den die messerscharf intonierenden Trompeten mit dem Schicksalsmotiv beenden. Und Honeck bleibt ganz der Vorgabe Tschaikowskys treu:“Vor dem Schicksal gibt es kein Entrinnen“. Somit kommt das erbarmungslose Ende dieses aufregenden Satzes ohne gewohntes Schluss-Ritardando mit unerbittlicher Härte über den Zuhörer gestürmt. Die Wirkung ist absolut niederschmetternd!

Den zweiten Satz gestaltet Honeck so, als sänge der Komponist sich selbst eine melancholische Kanzone der Erinnerungen. Schlicht, natürlich und dadurch berührend. Mächtig lässt Honeck die Streicher aufblühen. Herrlich akzentuiert er sodann das Tänzerische im Mittelteil. Keine Frage, hier erleben wir die positivsten Erinnerungen des Komponisten. Wie vollendet führt der Dirigent dann wieder mit schweren Grundierungen der Kontrabässe wieder in die Melancholie zurück. Der Zuhörer meint dem Komponisten gegenüber zu sitzen, derart intensiv spricht die Musik. Am Beginn könnte, so Honeck, die Oboe den jungen Komponisten abbilden, der am Ende des Satzes, gealtert, sich dann wieder über das Fagott erneut zu Wort meldet.

Als hörbare Groteske gestaltet Honeck dann den dritten Satz. Auch hier ist die dynamische Bandbreite groß und die Akzente werden deutlichst formuliert. Schrill und ungeschönt durchschneiden die Bläser das Geschehen. Großartig arbeitet Honeck Balalaika Anklänge heraus, ehe dieser Satz im leisesten Pianissimo verklingt.

Mit viel furiosem Feuer stürzt sich Honeck dann in die lärmende Volksfeststimmung des letzten Satzes. Und wieder ist es zu bestaunen, wie meisterhaft der Dirigent die Dynamik gestaltet. Auch hier steht der Dialog der einzelnen Instrumentalgruppen im Mittelpunkt. Alles ist ein Miteinander und tief erlebt. Auf dem Höhepunkt lässt Honeck mit größter Vehemenz noch einmal das Schicksalsthema erklingen. Als wäre das noch nicht der Wirkung genug, wird nach der Generalpause alles auf eine Karte gesetzt. Mit größtem Risiko jagt Honeck mit seinem hingebungsvollen Orchester in das furioseste Finale dieser Symphonie, was in den letzten Jahren erklungen sein dürfte. So wild, so ausgelassen und so tief in der Seele des Komponisten verankert, wurde dieses Symphonie lange nicht mehr gespielt!

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra präsentieren mit dieser CD-Einspielung eine Referenzaufnahme in begeisternder Perfektion mit tiefer seelischer Beteiligung. Der amerikanische Klangkörper spielt in allen Gruppen auf Weltklasse Niveau, immer warm in der Tongebung und doch auch schneidend, wenn es gefordert ist. Beste Soli vor allem in den Holzbläsern und herausragend in der dynamischen Kontrolle das großartig agierende Schlagzeug. Perfekt in der Intonation und im Zusammenspiel tönen die Blechbläser. Sehr kultiviert und klangintensiv verwöhnen die Streicher.

Zu loben ist der sehr dynamisch aufgezeichnete Orchesterklang auf dieser Aufnahme und das vorbildlich gestaltete Booklet.

Somit gelang Manfred Honeck und dem Pittsburgh Symphony Orchestra abermals eine außergewöhnliche Aufnahme, die nahtlos an das hohe Niveau der voraus gegangenen Einspielung von Anton Brucknes neunter Symphonie anknüpft.

B R A V O an alle Beteiligten!

Dirk Schauß

 

  1. April 2020

 

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