Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

JÖRG WIDMANN: Violakonzert, 24 Dios für Violine und Cello, Jagdquartett – Antoine Tamestit, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Daniel Harding,

harmonia mundi CD

08.05.2018 | cd

JÖRG WIDMANN: Violakonzert, 24 Dios für Violine und Cello, Jagdquartett – Antoine Tamestit, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Daniel Harding, harmonia mundi CD

Ein Kampf zwischen Bratsche und Orchester? So beginnt Jörg Widmanns kühnes Violakonzert, ganz unkonventionell den Solisten mitten unter den Orchestermusikern Platz finden und von dort seine Einzigartigkeit klingend Raum gewinnen lassend. Mit Antoine Tamestit als wohl weltbestem Bratschisten, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung des Daniel Harding (einziger Dirigent, der in der Saison 2018/2019 die Berliner Philharmoniker 3x dirigieren darf) ist eine Besetzung der Spitzenklasse aufgeboten. Jörg Widmann, der auch composer in residence des neuen Pierre Boulez Saales in Berlin ist, darf als Liebkind der deutschen neuen Komponistengeneration gelten, er ist aber auch einer der aufregendsten Solisten auf der Klarinette. Und er bietet was. 

Das Violakonzert ist dermaßen spannend konstruiert und zeigt so mannigfaltige Spielweisen der Viola und des Wettstreits zwischen dem Instrument und dem Orchester wie kaum je vernommen. Klopfen auf dem Griffbrett, Trommeln auf dem Kinnhalter und andere perkussive Techniken, Pizzicatoklänge, Glissandi, Störtöne, Änderung der Positionen des Solisten im Saal, am Ende Verschmelzen der Klänge  nicht als Zeichen  einer trügerischen Auflösung, sondern einer nie versiegenden Mehrdeutigkeit. Nichts ist gegeben und sicher ist diesen Klangwelten, kein sanftes Ruhekissen wird da dem Hörer unter den Kopf geschoben. Dennoch signalisiert das Sicheinlassen auf die ewig changierenden Änderungen, die Bewegung des Solisten zum Orchester hin und wieder weg den heutigen Menschen schlechthin in all seiner determinierten Bedingtheit und unerhörten Freiheit zugleich. 

Die Aufnahme kam auf Initiative von Antoine Tamestit und dank der langjährigen musikalischen Verbundenheit zwischen dem Interpreten und dem Komponisten zustande. Zwischen Komik und Ernst, Wildheit und Feinsinn wechselnd, lässt die Dramaturgie von Widmanns Musik deren singuläre und ergreifende Schönheit erkennen und weist dem Bratschisten die Heldenrolle zu. Daniel Harding darf als überlegener Ordner vom Pult aus die Fäden ziehen, die Instrumentalisten des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zählen ohnedies zur musikalischen Elite in deutschen Landen.

Die 24 Miniaturen für Violine (Marc Bouchkov) und Cello (Bruno Philippe) begleiten den Hörer zu einem intimen kammermusikalischen Stelldichein, ja zu einem grotesk aufgebauschten Dialog. Auf der CD ist eine Kombination der Duos zusammengestellt worden, die auch Arrangements für Viola (Antoine Tamestit) vorsieht, die bisweilen die Violine, bisweilen das Cello ersetzt. Von barocken Vorbildern, traditionellen Anklängen startend dürfen kontrast- und einfallsreich innere Monologe an Kontur gewinnen. Das Jagdquartett  lässt ein rauschhaftes Treiben, die unersättliche Gier nach dem Vorwärts und der Beute in spielerische Folklore gleiten und von dort wieder wilde Fahrt aufnehmen. Beinahe handelt es sich bildlich fassbare Programmusik, jeder Schwerkraft trotzend. Das Signum Quartett darf auch vokal ganz schön eins drauflegen durch raue Zurufe, urwüchsige Schreie und kreatürliches Anfeuern. 

Bessere zeitgenössische Musik wird man nicht finden. Der Hörer kann sich wie auf einem reißenden Wildwasserfluss von den Klängen durch alle Wirbel, Felsen  und sonstige Fährnisse vertrauensvoll treiben lassen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken