JEREWAN / Aram Khachaturian Concert Hall: HEGHINE RAPYAN SPIELT STÉPHAN ELMAS – KLAVIERKONZERT NR. 2 d-MOLL MIT DEM ARMENIAN STATE SYMPHONY ORCHESTRA, 5. 3. 2026

Copyright: Khachaturian-Concert Hall
Heghine Rapyan bringt Stéphan Elmas zurück auf die große Bühne
Die armenische, heute in Salzburg lebende Pianistin Heghine Rapyan hat am 5. März 2026 in der Aram Khachaturian Concert Hall in Jerewan das Zweite Klavierkonzert d-Moll von Stéphan Elmas mit dem Armenian State Symphony Orchestra unter Fernando Oscar Gaggini gespielt – als Höhepunkt einer über zwanzigjährigen Beschäftigung mit dem Werk des vergessenen armenischen Spätromatikers. Es bestand Gelegenheit, ihr zum großen Auftritt in ihrer Heimat zu folgen und zu erleben, was musikalische Wiederentdeckung in einem krisengebeutelten Land bedeuten kann.
Von Stefan Pieper
Für die in Salzburg lebende Musikerin war es das erste Konzert in ihrer Heimat seit langer Zeit – und der Höhepunkt einer über zwanzigjährigen Beschäftigung mit dem Werk dieses weitgehend vergessenen armenischen Spätromantkers. Heghine Rapyan hatte schon früh den Stéphan-Elmas-Wettbewerb gewonnen, zweimal sein Solowerk eingespielt und mehr als ein Jahrzehnt auf die Gelegenheit hingearbeitet, das Zweite Klavierkonzert mit Orchester aufzuführen. Dass sie sich für dieses und nicht eines der anderen Konzerte entschied, begründet sie mit dessen lyrischem Charakter und persönlicher Nähe.
Die Aufführung fand im Rahmen des Contemporary Music Festival statt, das seit fünfzehn Jahren besteht und aus der Zusammenführung des Armenian Composers Festival und des Penderecki Contemporary Festival hervorgegangen ist. Es verfolgt das Ziel, zeitgenössische Musik und armenisches Erbe programmatisch zu verbinden. Die Einbettung eines spätromantischen Werks in diesen Kontext ist dabei durchaus bewusst gewählt: Die Wiederbelebung eines Komponisten, der für das kulturelle Selbstverständnis Armeniens eine Rolle spielt, versteht das Festival als Akt musikalischer Gegenwart.
Das Programm des Abends rahmte das Elmas-Konzert mit zwei zeitgenössischen Orchesterwerken ein. Den Auftakt bildete Katherine Saxons Nunatak, ein kaum zehnminütiges Orchesterstück, das freistehende Berggipfel im Eis beschreibt und mit einer Abfolge sich öffnender und wieder schließender Klangräume arbeitet. In der Interpretation von Gaggini und dem Orchester gewann das Stück eine Wucht und Bedrohlichkeit, die deutlich über das atmosphärische Naturporträt hinausging. Das Orchester dachte die Partitur eher von der sinfonischen, auch pathetischen Seite her.
Mit dem Auftritt von Heghine Rapyan veränderte sich die Stimmung im Saal grundlegend. Das Allegro appassionato entfaltete die Pianistin mit ausgiebigen Solokadenzen und einer selbstbewussten Kraftentfaltung, die diesen Satz allein schon als eigenständiges Konzert hätte bestehen lassen. Technisch fiel vor allem die differenzierte Klanggestaltung am großen Steinway auf: In den tiefen Registern ließ Heghine Rapyan es mit großzügigem Pedaleinsatz aufbrausen und dunkel schimmern, in den hohen Lagen inszenierte sie ein silbriges Funkeln, das die Melodielinien plastisch hervortreten ließ. Bei aller Intimität bietet Elmas‘ Musik genug Raum für kraftvolle Ausbrüche und weitgespannte Bögen, und die Solistin, die wie kaum jemand sonst diese Partituren verinnerlicht hat, nutzte diesen Raum mit spürbarer Überzeugung.
Der Andante-Satz war der intime Höhepunkt des Abends. Elmas ertaubte nach einer Typhuserkrankung im Jahr 1897 und komponierte fortan aus der Erinnerung – eine biografische Tatsache, die in diesem Satz unmittelbar hörbar wird. Die exponierte, sehr gesangliche Klavierlinie, von Holzbläsern und Streichern getragen statt kommentiert, entfaltete unter den Händen der Solistin eine Intimität von bemerkenswerter Tiefe, frei von Sentimentalität. Das Orchester, das sich in wenigen Proben erstaunlich gut in die Partitur eingearbeitet hatte, ließ sich von Heghine Rapyans Spiel mitziehen. Das Finale führte beide Seiten temperamentvoll zusammen und setzte einen triumphierenden Schlusspunkt.
Zur Einordnung: Elmas den „Chopin Armeniens“ zu nennen, wie es gelegentlich geschieht, wird seinem Werk nicht gerecht. Er ist der einzige armenische Komponist seiner Generation, der bewusst auf folkloristische Elemente verzichtete und eine universelle romantische Sprache entwickelte – schlanker als Chopin, leichtfüßiger als Brahms, mit einer Gelassenheit, die aus innerer Ruhe entsteht. Die Konzertaufführung machte deutlich, dass Heghine Rapyans langjährige Arbeit an diesem Repertoire weit über musikhistorische Vollständigkeit hinausgeht. Es geht um die Frage, welche Stimmen eine Kultur braucht, um sich ihrer selbst zu vergewissern.
Das Publikum reagierte enthusiastisch. Heghine Rapyan wurde mit Blumen überschüttet, Angehörige und Freunde aus ihrer Heimatstadt Gavar drängten nach vorne. Die Pianistin bedankte sich mit einer leisen Zugabe aus der Kammermusik von Elmas, die das Publikum mit sichtlicher Ergriffenheit aufnahm.
Den Abschluss des Abends bildete die Uraufführung von Hayg Boyadjians dritter Symphonie. Armenien hat im 20. Jahrhundert eine bemerkenswerte Zahl an Komponisten hervorgebracht, allen voran den Namensgeber des Konzertsaals, Aram Chatschaturjan. Boyadjian, 1938 geboren, steht für eine armenische symphonische Schule, die in der Auseinandersetzung mit der russischen Tradition eine eigenständige, zeitlos modern gebliebene Sprache entwickelt hat. Sein weit ausladendes sinfonisches Panorama bildete gemeinsam mit Saxons Eröffnungsstück den kontrastierenden Rahmen um das Elmas-Konzert – eine dramaturgisch kluge Programmgestaltung, die sichtbar machte, dass Vergangenheit und Gegenwart in der armenischen Musikszene einander bedingen.
Heghine Rapyan spielt Klavierwerke von Stéphan Elmas am 23. April 2026 um 19 Uhr im C. Bechstein Centrum Düsseldorf. Der Eintritt ist frei, Kartenreservierung unter duesseldorf@bechstein.de. Ein weiterer Termin ist im Pianosalon Christophori in Berlin geplant.

