Jazzfestival Leibnitz 24. – 27. September
Der zeitgenössische Jazz hat viele Gesichter

Greg Osbi und Sonic Organism. Foto: Peter Purgar
Bereits zum vierzehnten Mal veranstaltet Otmar Klammer Ende September ein stimmiges Jazzfest in der südsteirischen Weinidylle Leibnitz. Einige Male hatte das Festival einen thematischen Schwerpunkt, einmal waren es Frauen im Jazz, dann wieder Länderschwerpunkte, Israel und Frankreich wurden schon ausführlich porträtiert. Diesmal kommt Klammer ohne einen expliziten Akzent aus. Qualität vom intimen Kammerjazz bis zum freien Spiel der Kräfte zu Gehör zu bringen sei das Ziel. Der künstlerische Leiter freut sich über vier ausverkaufte Tage und bedankt sich für das Vertrauen des Publikums, das kommt, auch wenn nicht durchgängig Big Names präsentiert werden.
Schon der erste Abend, traditionellerweise im lauschigen Weinkeller von Schloss Seggau, belegt die Ausrichtung. Da überzeugt das heimische Trio Haezz mit gut abstimmten kammermusikalischen Klängen in der ungewöhnlichen Besetzung Saxofon – Stepan Flagar – Trompete – Martin Eberle – und Bass Tobias Vedovelli. Jeder bringt seine kompositorische Eigenart ein, ausgiebig wird soliert, engagiert intoniert.

Alexander von Schippenbach. Foto: Peter Purgar
Am Freitag spielt die Musik im Hugo Wolf Saal des Kulturzentrums Leibnitz. Da tritt mit Greg Osby doch ein veritabler Weltstar auf, auch wenn Sonic Organism eigentlich das Quartett des famosen Schweizer Schlagzeugers Florian Arbenz ist, der auch fast alle Stücke des Programms geschrieben hat, kluge, vielschichtige Kompositionen, die viel Freiräume zur individuellen Entfaltung der Solisten lassen. Osby spielt ein stets elegantes, manchmal auch durchaus scharfzüngiges Altsaxofon. Arbenz treibt seine Crew an, motiviert auch den französischen Bass Francois Moutin zu Höchstleistungen, ein erster Höhepunkt des Festivals. Später am Abend, eigentlich zur Mitternacht, wandert das Geschehen ins Alte Kino. Dort lädt der 88-jährige Alexander von Schlippenbach mit seinem Quintett in „Monk’s Casino“. Gemeinsam mit dem Bassklarinettisten Rudi Mahall, dem Trompeter Axel Dörner, Bass Jan Roder und Drummer Kasper Tom spielt die Pianolegende die Jazzklassik des Thelonious Monk aus den 40er und 50ern. Die schrägen, scharfkantigen Stücke entfesseln nach wir vor die Originalität der Beteiligten, vor allem die beiden Bläser toben sich richtig aus. Schlippenbach muss schon der Last der Jahre Tribut zollen, gibt den Ruhepol, bei dem nach wie vor die Fäden zusammenlaufen. Auch ein berührender Moment.

Taiko Saito. Foto: Peter Purgar
Am Samstag folgen noch drei höchst divergente Trios. Einem Überraschungserfolg landen die drei skandinavischen Kontrabässe von Triple Double. Man hat dazu wenig Anhaltspunkte und im Vorfeld äußert der eine oder andere, das könne nur langweilig werden. Im Gegenteil. Anders Jormin, Thomas Markussen und Morten Toftgård Ramsbøl brillieren, unterhalten und musizieren fast tänzerisch. Sie nutzen unterschiedlichste Ressourcen, Filmmusik aus „Rosemarie’s Baby“, Auszüge aus der Missa Criolla des Argentiniers Ariel Ramirez, zwei Klassiker Wayne Shorters, Nefertiti und Footprints, aber auch wunderschöne Eigenkompositionen. Die Melancholie der dunklen Töne vermittelt auch Wärme und Geborgenheit und ganz am Ende wird noch ein begeisternd leichtfüßiger Blues intoniert.
Ganz anders aber nicht weniger spektakulär danach das Koko Trio um die japanische Vibrafonistin und Perkussionistin Taiko Saito. Mit dem Pianisten Niko Meinhold und dem Schlagzeuger Moritz Baumgärtner entfacht sie ein perkussives Feuerwerk und entwickelt einen gewaltigen der Minimalmusic entlehnten Sog. Am Ende bejubelt das Publikum noch Leises, Zartes, gedehnte Pianoakkorde, eine gehätschelte Marimba, sanft gestreichelte Becken. Wie eine Oase der Stille im Gepolter der Welt.
Am Ende des Samstags noch der virtuose Wahnwitz des Kubaners Ramón Valle und seines Trios. Die ungeheure Notenflut beeindruckt, lässt bei aller Spielfreude aber auch ein wenig kalt, auch wenn als Gast die holländische Flügelhornistin Maite Hontelé versucht, karibische Klischees einzubringen.
Zum wirklich guten Schluss spielt am Sonntag im wunderschönen Schlosspark von Ottersbach das Quintett Living Being um des Akkordeonisten Vincent Peirani entspannten Fusion Jazz mit mittlerweile selten zu hörenden E-Piano Klängen, grandios musiziert von Tony Paeleman.
Ein gutes Finale eines fein programmierten Festivals.
Christoph Haunschmid

