Jazz: Festival artacts, St. Johann in Tirol, 5. bis 8. März
Die klangliche Vielfalt der Avantgarde
Immer wenn in St. Johann in Tirol Anfang März die Skisaison schön langsam zu Ende geht, bevölkern die Freunde improvisierter Musik die Kleinstadt am Wilden Kaiser. Seit 2000 findet dort das artacts Festival statt und lockt Fans aus halb Europa in die Tourismusgemeinde. Die vierzehn Konzerte in der Alten Gerberei und ihrer Umgebung sind ausverkauft, das Publikum ist sachkundig und applausfreudig. Die Klangpalette reicht vom Solo der Geigerin Biliana Voutchkova bis zur Großformation Sonic Fiction Orchestra des Pianisten Georg Graewe. Dazu kommen ein Kinder Workshop mit dem Saxofonisten Jakob Gnigler, ein Gesprächskonzert mit dem Perkussionisten Gerhard Laber und eine Fotoausstellung des Londoners Dawid Laskowski.

Biliana Voutchkova. Foto: Dawid Laskowski
Einige Höhepunkte seien herausgehoben. Am Freitag eröffnen drei Streicherinnen das Festival. Isidora Edwards, Cello, Biliana Voutchkova, Violine und Zosha Warpea, Hardanger d´Amore, eine fünfsaitige skandinavische Fiddle, pflegen kammermusikalische Klänge zwischen zärtlichem Flageolett und kraftvoller Dichte. Sie driften auseinander, finden immer wieder Einigung auf melodieartige Klangteile. Mittendrin überraschen sie mit Anklängen an irische Pubsongs. Das Highlight des ersten Abends gestaltet zweifellos das Duo Revolve mit dem Drummer Martin Brandlmayr und der Pianistin Ingrid Schmoliner. Entschleunigung bringt eine Antithese zum häufig gepflegten Virtuosentum. Das Klavier ist sorgfältig präpariert, das Schlagzeug wird mit Händen und allen möglichen Geräten bespielt. Die Musik ist kristallklar, feinst strukturiert und beschreibt einen gewaltigen Spannungsbogen, der nach Erlösung, irgendeiner Entladung ruft. Grandioses Konzert.

Duo Revolve. Foto: Dawid Laskowski
Auch am Samstag liefert ein Duo Herausragendes. Drummer Lukas König trifft auf die Saxofonistin Lotte Anker. Es beginnt mit Knirschen und Quietschen, wird dichter, konkreter. Ankers Altsaxofonläufe versetzen die Rasanz Charlie Parkers ins 21. Jahrhundert, Königs Schlagzeugarbeit ist kraftvoll und geerdet. Riesenapplaus. Davor überzeugt Georg Gräwes Großformat Sonic Fiction Orchestra mit außergewöhnlichen Klangcollagen und einer in diesem Kontext erstaunlichen Besetzung mit unter anderem drei Geigen, Harfe (Maura Knierim), Fagott (Maria Gstättner!) und Klarinette (ganz famos: Frank Gratkowski). Manchmal dirigiert Gräwe sein 10-köpfiges Ensemble mit striktem Habitus, seine Partituren geben Rahmen und Halt. Martin Siewerts raue Gitarreninterventionen konterkarieren diese Strenge.
Der finale Sonntag bescherte noch wirklich Bemerkenswertes, ein Geigensolo und drei höchst unterschiedliche, spannende Quartette. Biliana Voutchkova reizt virtuos alle Klangmöglichkeiten ihrer Violine und deren elektronische Extensions aus. Das kann laut und leise, zärtlich und kratzbürstig. S:E bauen Klanghaufen, die sich wie durch Magie wieder auflösen bis letztendlich eine zarte Pianolinie aus dem Tohuwabohu hinausführt. Aufkommende Melancholie wird durch die klirrende Gitarre Kenji Herberts gebrochen und das elegante Tenorsaxofon Jakob Gniglers bringt wieder Frieden ins Land. Feiner Auftritt. Ola Tunji erinnern an einen Perkussionisten der 60er, der durch seine Zusammenarbeit mit dem späten John Coltrane berühmt wurde. So gestalten sich auch die Sounds des Quartetts, spirituell, kraftvoll und nachdenklich. Das sind vier junge Leute, die sich der Tradition bewusst sind und dennoch nie ins Epigonenhafte verfallen. Brillant musiziert ist das sowieso. Und am Ende kommt noch das spektakuläre Quartett Earscratcher. Die Grazer Pianistin Elisabeth Harnik und drei Burschen aus Chicago, Dave Rempis (Altsaxofon), Fred Lonberg-Holm Cello und Tim Daisy am Schlagzeug, können es laut und spektakulär, agieren frei und kommunikativ, verlassen sich blind aufeinander, unterhalten bestens und machen so Vorfreude auf das nächste artacts Festival.
PS: Wer nicht dabei war, in den nächsten Tagen wird vieles von den 26er artacts auf dem youtube Kanal des jazzexplorers nachzusehen sein.
Christoph Haunschmid

