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Jasmin Solfaghari: VON KINDHEIT AN WAGNER

DAS ERSTE “ONLINE MERKER”-KÜNSTLERGESPRÄCH:

Zu Gast: Jasmin Solfaghari 

Solfaghari Treppe aufrecht klein 
Foto: Cathleen Herwarth
von Bittenfeld/Beautyshots Berlin

 

Von Kindheit an Wagner

 

Es war ein wichtiger Termin für den Online Merker: Zum ersten Mal fand im Rahmen der Galerie „Kunst-Werk“ eines jener Künstlergespräche statt, die in Zukunft in zwangloser Folge immer wieder geplant sind. Erster Gast war die Regisseurin Jasmin Solfaghari, eine Woche vor der Premiere ihrer „Cenerentola“-Inszenierung in der Wiener Kammeroper.

„Cenerentola“ in der Kammeroper     Es ist nicht die erste Regiearbeit von Jasmin Solfaghari in Wien, aber die andere – „Eine Nacht in Venedig“ 1999 in der Kammeroper, damals von Josef Hussek engagiert– liegt lange zurück. (In den eigenen Kritiken gekramt, habe ich – Renate Wagner – damals geschrieben: „Regisseurin Jasmin Solfaghari, Assistentin von Harry Kupfer und anderen Großen, ließ sich auf keinerlei Experimente, sondern nur auf gute Laune ein.“)

Sie hat auch in Linz und Klagenfurt gearbeitet, aber eines Tages kam der Anruf aus Wien, vom Theater an der Wien. Nicht von Direktor Geyer persönlich, aber von Sebastian Schwarz, der als künstlerischer Leiter am Haus fungiert. Ihn kennt Jasmin Solfaghari aus ihren und seinen Anfängen 1992 in Rostock.

Er dachte vermutlich an Jasmin, weil sie sich einen gewissen Ruf als Gestalterin auch von kindergerechten Opernaufführungen erworben hat, und die „Cenerentola“, die das Theater an der Wien in der Kammeroper zeigen will, soll sowohl für Kinder wie auch vollinhaltlich für Erwachsene geeignet sein.

„Herr Luna erzählt“    Für ihre „alt und jung“-Fassung der „Cenerentola greift die Regisseurin auf eine Figur zurück, die sie 2009 in Leipzig kreiert hat, als sie dort eine kindergerechte Fassung von „Figaros Hochzeit“ schuf. „Herr Mond“ ist bei ihr Opernfan und begibt sich gerne auf die Erde, um diese oder jene Vorstellung zu sehen. Er wird auch in Wien als deutschsprachiger Erzähler (bei italienischem Gesang) dabei sein und die Züge von Josefstadt-Schauspieler und Rosenburg-Intendanten Alexander Waechter tragen. Er berichtet von der wahren Liebe eines Paares, des Prinzen und des Aschenputtel, und darauf legt die Regisseurin besonderen Wert: „Wir legen uns nicht fest, an welchem Ort, zu welcher Zeit das spielt – es ist einfach eine ewige Liebesgeschichte.“ Mit nicht so liebenswürdigen Nebenfiguren, die alles tun, um gesellschaftlich aufzusteigen, wie das im Leben auch schon mal vorkommt.

Für die Ausstattung hat Jasmin Solfaghari ihr eigenes Team mitgebracht. Das Bühnenbild stammt von Mark Gläser und vor allem die Kostüme von Petra Reinhardt sollten besonders schön werden, „bei mir wird niemand wirklich hässlich gemacht, wenn es die Rolle nicht unbedingt erfordert“. Vielleicht erinnert die Angelina machen Zuschauer spontan an Audrey Hepburn, und das wäre dann ganz richtig so…Überhaupt zeigt sie sich vom jungen Ensemble und Dirigent Chudovsky begeistert.

„Um das Ego geht’s erst ganz spät“     Dass sie ihre Darsteller nicht hässlich machen will und dass es von ihr die Aussage gibt: „Es geht um die Stücke, um das Ego geht’s erst ganz spät“, hebt Jasmin Solfaghari aus dem Kreis der heute erfolgreichen Regisseure heraus. Sie hat kein Problem damit, dass es sie manchmal wie ein Vorwurf trifft, „werkkonservativ“ zu sein, aber ihr Sinn steht keinesfalls auf Zerstörung. Sie hat auch keinerlei „Inszenierungs-Masche“ entwickelt, so dass man sie auf Anhieb erkennen könnte. Sie fragt zuerst, was das Werk selbst und natürlich die Musik ihr erzählen, dann denkt sie sich ihr Konzept dazu aus. Dabei verweist sie auf ihre Homepage (http://www.solfaghari.com/), wo sie sich den Spaß gemacht hat, lange Bilderserien von allen ihren Inszenierungen hineinzustellen…

Übrigens gibt Jasmin Solfaghari gerne zu, dass nicht alles gelingen kann. „Tannhäuser“ beispielsweise, den sie 2008 an der Kölner Oper inszeniert hat, würde sie gerne noch einmal machen, obwohl sie einiges daran (etwa die Verstörtheit / Zerstörtheit der Elisabeth, wie sie Camilla Nylund sie damals zeichnet) ganz gelungen findet. Wie Jasmin Solfaghari zu ihrer besonderen Verbundenheit zu Wagner fand, dazu muss man weit zurückgehen – aber vielleicht fangen wir am besten gleich am Anfang an…

Erinnerungen an Persien     Jasmin Solfaghari, die ihr Geburtsdatum (1963) keinesfalls verschweigt, kam in Freiburg im Breisgau zur Welt, übersiedelte aber schon im Babyalter nach Teheran. Ihr Vater hatte bei seinem Wirtschaftsstudium in Deutschland ihre Mutter kennen gelernt („Persisch-deutsche Ehen waren damals viele Perser aus bürgerlicher Familie in Deutschland studierten, sehr häufig – ich treffe immer wieder Leute wie mich, die aus solchen Beziehungen stammen!“). Jasmin Solfaghari hat nur positive Erinnerungen daran, als kleines Mädchen in Persien aufzuwachsen, inmitten einer riesigen Familie, in der sich ihre Mutter auch sehr wohl und keinesfalls unterdrückt fühlte. Dennoch waren die kulturellen Unterschiede im Lauf der Zeit zu groß – nach der Trennung ihrer Eltern kehrte sie mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück. Problemlos. Die große Dramatik, die etwa in dem Buch der Amerikanerin Betty Mahmoody „Nicht ohne meine Tochter“ geschildert wird, fand bei den Solfagharis nicht statt.

„Ich habe aus meinen wunderschönen Jahren in Teheran den passiven Sprachschatz einer Sechsjährigen mitgebracht, verstehe viel mehr als ich leider spreche“, meint Jasmin Solfaghari, die seit ihrer Kindheit nie mehr im Iran war, denn ihre Familie hat das Persien von einst mit dem Schah nach der Revolution verlassen. Heute wohnen die meisten in Los Angeles, wo sie ihren alten, vitalen Vater und ihren Bruder mit Familie gerne besucht.

Freiburg und Wagner   Aufgewachsen ist Jasmin dann in Freiburg im Breisgau, einem von Kultur durchdrungenen Universitäts-Städtchen, Frankreich und die Schweiz gleich „nebenan“ (Sprachen sind übrigens eine Leidenschaft von Jasmin Solfaghari, die an der ordentlichen französischen (ihre Großmutter stammt aus der französischen Schweiz) oder italienischen Aussprache ihrer Sänger unermüdlich arbeiten kann), und Wagner mittendrin. Josef Lienhart führte hier nicht nur eine traditionsreiche Bäckerei, die zum Zentrum aller Musik-Liebhaber wurde, er war auch Präsident des Internationalen Richard-Wagner-Verbands, und die kleine Jasmin, die dort Stammgast war, wuchs mit Musik auf – aber, was sie heute noch besonders schätzt, keinesfalls eindimensional. „Leute, die im Sommer nach Bayreuth fuhren, waren ebenso bei moderner Musik in Donaueschingen zu finden, gingen in Kammer- und Kirchenkonzerte.“ Von familiärer Seite hatte sie zunächst positive Einflüsse durch ihren mehr als opernbegeisterten Onkel, der in seiner Freizeit Bühnenbildmodelle und Figurinen von u.a. Jean-Pierre Ponnelle nacharbeitete, und ihrer Tante, die Ballerina am Freiburger Stadttheater war. Dort gab Jasmin Solfaghari mit 18 Jahren innerhalb ihrer einjährigen Hospitanz im „Rheingold“ auch als Statistin hinter der Bühne „die Welle rechts“ (Regie: Siegfried Schoenbohm).

Für Jasmin begann die „praktische“ Auseinandersetzung mit Musik mit der Querflöte – später im Orchester der Hamburgischen Staatsoper blies als Kollege ein gewisser Klaus Florian Vogt das Horn. Aber weder Jasmin noch Klaus Florian konnten sich vorstellen, lebenslang im Orchestergraben zu versinken. Man weiß, was daraus geworden ist – Klaus Florian Vogt ist heute einer der führenden Wagner-Tenöre nicht nur Deutschlands, sondern der Welt, und Jasmin Solfaghari baute sich eine bemerkenswerte Karriere als freie Regisseurin auf…

Das Handwerk lernen und weitergeben    Das Handwerk hat sie bei bedeutenden Regisseuren gelernt, und Namen wie Harry Kupfer, Götz Friedrich oder Marco Arturo Marelli heben sie auf ein ganz hohes Niveau. Aber Jasmin Solfaghari erinnert sich auch sehr gerne an Christine Mielitz, der sie ein besonderes Erlebnis verband: Wie deren „Fidelio“ nämlich kurz vor dem Fall der Mauer an der Dresdner Semperoper zu einem Beispiel politischen Theaters wurde („Wir sind belauscht mit Ohr und Blick“), wie man es selten so deutlich erleben konnte…

Solange man es noch nicht wagen kann, in der Unsicherheit des „freien Schaffens“ zu leben, ist eine Anstellung natürlich wünschenswert, und Jasmin Solfaghari, die heute mit ihren beiden Söhnen in Berlin lebt, hat sich immer wieder gebunden: Von 1993 bis 1998 war sie Spielleiterin an der Hamburgischen Staatsoper, zuständige Betreuerin für den „Ring“ von Günther Krämer, dann von „Rheingold und „Siegfried“ an der Deutschen Oper, und „wenn man über Jahre immer wieder Sänger in ihre Rollen einweist und dabei auch ihre vielleicht nicht anwesenden Partner spielen muss, lernt man ein Werk auch so intensiv wie nur möglich .Gerne erinnere ich mich an meine „Einspringer“ bei Hamburger Bühnenorchesterproben als Riese, Wotan oder Mime im 1.Akt Siegfried, aber auch als Ida in der ‚Fledermaus’“.

Diese und weitere Erfahrungen hat sie immer wieder versucht, an Studierende weiterzugeben – nach (und neben) einigen Jahren (2001 bis 2004) als „inszenierende Oberspielleiterin“ in Bremerhaven („vier eigene Produktionen im Jahr klingt viel, ist aber machbar“) und 2004 bis 2006 Oberspielleiterin an der Deutschen Oper Berlin, hat sie an verschiedenen Hochschulen unterrichtet, Schwerpunkt Leipzig (5 Jahre als Professorin) und Dresden, sowie innerhalb ihrer internationalen Meisterkurse.

Auf die Frage, ob es nicht eine Schwemme junger Sänger gibt, die keine Chance im großen Opernbetrieb haben, verweist Jasmin Solfaghari erstaunlicherweise auf die entgegen gesetzte Erfahrung: „Es gibt sogar manchmal immer wieder junge Leute mit Stimmen und Talent, die man geradezu ermutigen muss, sich in die Karriere hineinzuwagen.“

Die Regisseurin, die so viel von Musik versteht (welche berühmte Regiekollegen nicht imstande sind, eine Partitur zu lesen, sagt sie natürlich nicht), rühmt sich auch ihrer guten Ohren: „Ich habe mich in Leipzig als Professorin sehr dafür eingesetzt Anett Fritsch als meine Figaro-Gräfin zu besetzen, weil ich wusste, dass sie es kann – und wenig später war sie schon Hanekes Fiordiligi in Madrid und Brüssel. Zu schade, dass ihr Staatsoperndebut als Marie in der ‚Regimentstochter’ krankheitshalber nicht zustande kam.“

Vielseitigkeit ist ihre Stärke   Ob Tannhäuser, ob eine Nacht in Venedig, ob Händel oder Henze, ob die ganz Modernen (sehr gern erinnert sich an „L’absence“ der deutsch-jüdischen israelischen Komponistin Sarah Nemtsov, die sie 2012 bei der Münchner Biennale mit größtem Erfolg herausgebracht hat) – Jasmin Solfaghari setzt sich mit allem auseinander, was sie interessiert. Wagner steht dabei immer in vorderster Reihe – und ihn Kindern nahe zu bringen, ist ihr besonders wichtig. „Der Ring für Kinder“, den sie in Leipzig herausgebracht hat, war ein solcher Erfolg, dass er 2014 wieder aufgenommen wird, und ein „Ring in 100 Minuten“ wird im April 2014 im Atze Musiktheater in Berlin Premiere haben, ebenfalls mit dem Erzähler Luna. Ernst genommen, keine Parodie.

Würde Jasmin Solfaghari gerne den „Ring“ in Bayreuth inszenieren? Welch eine Frage! Jedenfalls wäre es nach der Castorf’schen Willkür doch ganz schön, wieder einmal jemand Kompetenten zu holen, der das Werk nicht nur bis in jedes Detail kennt, sondern es auch liebt und ehrt und keinerlei Zerstörungsgelüste kennt? Der Name Jasmin Solfaghari böte sich da geradezu zwingend an…

Renate Wagner

 

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