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JACKIE

25.01.2017 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover  Jackie~1

Filmstart: 27. Jänner 2017
JACKIE
USA  /  2016
Regie: Pablo Larrain
Mit: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt u.a.

Zu einer Ikone wird man nicht von selbst. Dafür muss man schon sorgen – selbst. Bewusst. Nachdrücklich. Da steckt viel Ego, Arbeit, Wollen und Selbstdisziplin dahinter. Viele Frauen haben es getan, im 20. Jahrhundert waren Evita Peron, Jackie Kennedy und Prinzessin Diana, die am nachdrücklichsten und erfolgreichsten an ihrem Image bastelten. Und genau das ist das Thema des Films „Jackie“ des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain.

Sicher kommt es dem Film zugute, dass der Regisseur kein Amerikaner ist, dem Mythos Kennedy und gar „Jackie“ folglich einigermaßen emotionslos gegenüber steht. Denn ein Film über eine so über die Maße bekannte, auch verehrte und bewunderte, ebenso verachtete und verfemte Persönlichkeit steht vor einigen Gefahren – der Apologie einerseits, der Diffamierung andererseits. Hier wird nun gezeigt, wie Jackie Kennedy nach dem Tod ihres Gatten bewusst ihr eigenes Selbstbild „für die Nachwelt“ prägte (dass sie es später selbst zerstörte, als sie sich an den Millionär Onassis „verkaufte“, steht auf einem anderen Blatt und ist hier nicht Gegenstand). Dennoch steht sie nicht als die eiskalt berechnende Egozentrikerin da. Aber auch nicht als die zerstörte Witwe, an jeder Hand eines ihrer kleinen Kinder… Unvergessliche Bilder, die in die Welt gingen, weil Jackie Kennedy dafür gesorgt hat.

Pablo Larrain schafft es, seinen absolut bemerkenswerten  Film auf vielen Ebenen laufen zu lassen. Einen festen Rahmen geben die Szenen mit dem Journalisten Theodore H. White von „Life“ (Billy Crudup), ein Interview, das Jackie bald nach Kennedys Begräbnis gab. Das spätherbstliche Kennedy-Anwesen in Hyannis Port ist der gewissermaßen elegische Schauplatz, und Jackie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es ihr darum geht, die Dinge in ihrem Sinne darzustellen (und dass nicht sein kann, was nicht sein darf – selbstverständlich wird der Journalist nicht schreiben, dass sie raucht, obwohl sie es tut, aber das ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht).

Nun verfließt die Handlung in vielen Ebenen, ohne dass dies hier ein Problem darstellte, denn jeder kennt die Geschichte. Die Rückblenden zeigen Dallas an diesem 22. November 1963, das Attentat, die unvergesslich schrecklichen Szenen der Frau im rosa Kostüm, deren Gatte plötzlich mit halb weggeschossenem Kopf in ihrem Schoß liegt. Man sieht, wie Jackie – vom Schock keinesfalls gänzlich paralysiert –  sich  danach nicht zur Seite schieben ließ, wie alle es wollten („Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident“, alles scharte sich sofort um Lyndon B. Johnson.) Und nein, sie wird das blutbefleckte rosa Kostüm nicht ausziehen – jeder soll sie so sehen… Man erlebt später auch das logistische Durcheinander rund um ihren Auszug aus dem Weißen Haus, den sie zelebrierte.

Wie sie dieses „Weiße Haus“ den Amerikanern in einer viel gezeigten Fernsehsendung präsentiert hat, geht dann noch hinter die erste Ebene der Rückblenden zurück, zeigt das von Jackie Kennedy initiierte CBS-TV-Special „A Tour Of The White House“ von 1962 –  Jackie, die letztlich unsicher herumstaksend, die Präsidentenräume präsentiert, denn bei all dem Glamour, der sie umgab, war sie ja doch unsicher und wartete auf die Anweisungen ihrer Sekretärin (Greta Gerwig): Lächeln nicht vergessen, grins, grins!

Da sind der Schwager Robert (Peter Sarsgaard), da sind die Szenen mit dem weisen alten Priester (John Hurt in seiner letzten Rolle), der gar nicht vorgibt, Trost spenden zu können. Und da ist Jackies Wunsch, den sie mit eiserner Energie durchzieht, ihrem Gatten ein grandioses Begräbnis zu bereiten, mit sich selbst im Mittelpunkt, wozu sie die Geschichte heranzog – wie hat man einst den auch ermordeten Abraham Lincoln begraben? Und man beugte sich ihrem Willen, wenn auch (schon in dem Interview mit „Life“) der Einwand kommen sollte, dass John F. Kennedy ja eigentlich gar keine Zeit gehabt hatte, ein wirklich bedeutender Präsident zu werden und dass das Begräbnis-Spektakel hypertroph war…

Der Film geht überhaupt nicht auf die schlechte Ehe der Kennedys und auf die Frauenaffären von John F. (die damals allerdings der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren) ein, für Jackie war er vom Augenblick seines Todes an der Mann, als dessen Witwe sie sich zelebrierte. Und das spielt Natalie Portman mit einer wunderbar kühlen, klaren Entschlossenheit, nie die Emotionalität, sondern den Verstand der Kinobesucher ansprechend.

Man könnte glatt einen alten deutschen Filmtitel zitieren: Eine Frau, die weiß, was sie will. Sie wollte die berühmteste Witwe aller Zeiten sein – und wurde es. Am Ende erklingen Melodien aus dem Musical „Camelot“, das John F. Kennedy so geliebt hat. Ja, und „Camelot“ war das Weiße Haus unter den Kennedys, so glanzvoll wie nie davor und nie danach… Und Jackie, die etwas steife Ikone, schreitet noch einmal durch eine Welt, die ganz und gar ihr Werk war.

Renate Wagner

 

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