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IRENE DALIS RECITAL – PROFIL HÄNSSLER CD Eine Traumstimme aus dem Dornröschenschlaf geküsst

11.10.2017 | cd

IRENE DALIS RECITAL – PROFIL HÄNSSLER CD

Eine Traumstimme aus dem Dornröschenschlaf geküsst

Irene DALIS Recital

Freunde großer Stimmen aufgepasst: Das Label Hänssler bringt längst vergriffene Studioaufnahmen des amerikanischen Kontraalts, Mezzos und Soprans Irene Dalis wieder auf den Markt. Eine hoch lobenswerte editorische Tat, verfügte doch Irene Dalis – ähnlich wie Martha Mödl – über einen klangfarblich reichen, für heutige Verhältnisse unglaublich üppigen, in allen Lagen gleich gut ansprechenden Mezzo, der noch dazu über eine beeindruckende Kontraalttiefe und eine elegante lyrische  Sopranhöhe verfügte. 

Die Gesangskarriere der als Pianistin in San José in Kalifornien graduierten Musikerin führte Irene Dalis nach Mailand, Oldenburg und Berlin. Ihre Interpretation der Jenufa an der Städtischen Oper Berlin soll ausschlaggebend für ihr Engagement an die MET gewesen sein, wo sie mit Eboli im Jahr 1957 debütierte. Sie sang 69 mal Amneris (u.a. beim METR-Debüt von Leontyne Price), ebenso die Brangäne bei Nilssons Rollendebüt als Isolde an der MET. Als äußerst kollegiale und beliebte Kollegin geschätzt, zog sie sich 1976 von der MET und damit von der Opernbühne zurück. 30 Jahre (1984-2014) war sie dann Operndirektorin in San José, wo sie basierend auf ihren Erfahrungen in Oldenburg (dort sang sie in zwei Jahren neun Hauptrollen) ein Ensemblesystem mit jungen Stimmen aufbaute.

Sammler von Live-Mitschnitten werden ihre gloriose Bayreuther Kundry aus den Jahren 1961-1963 unter Knappertsbusch kennen. Aber auch zahlreiche Rundfunkmitschnitte aus der MET, der sie zwanzig Jahre lang angehörte und wo sie 274 Vorstellungen sang, sind erhältlich, u.a. Il Trovatore (1961, mit Corelli/Price SONY), Don Carlo (1961 mit Corelli WALHALL; 1964, mit Rysanek/Corelli SONY) oder Aida (1962, mit Corelli) WALHALL.  Aber auch Rheingold, Walküre und Tristan aus der MET (letztere beide mit Birgit Nilsson als Partnerin) werden schon so manches Sammlerherz höher schlagen haben lassen. 

Die raren Studioaufnahmen auf der nun veröffentlichten CD stammen aus den Jahren 1957 und 1958, als Irene Dalis Ensemblemitglied der Städtischen Oper Berlin (heute: Deutsche Oper Berlin) war. Die zwei Telefunken LPs, eine Arienplatte und ein Carmen Querschnitt in deutscher Sprache wurden sorgfältig remastered und lassen eine der herrlichsten Mezzostimmen authentisch erstehen, der damaligen monauralen Aufnahmetechnik sei Dank. 

Das Programm des Recitals reicht von Barockem (u.a Serse von Händel, Alceste von Gluck), über Rossini (die Sopranarie „Bel raggio lusingher“ aus Semiramide), Verdi (Ebolis „O don fatale, o don crudel“ aus Don Carlo), Bizet (zwei Carmen Arien), Saint-Saens (Dalila; „Mein Herz schließet sich“, „Die Sonne, sie lachte“) bis zu Wagner (Brangänes Gesang „Einsam wachend in der Nacht“ aus Tristan und Isolde). Schon das erste „Dank sei dir, Herr“ aus einer Kantate von Siegfried Ochs flutet das Ohr des Hörers mit purer Schönheit. Bei den Arien, die von einem „Großen Streichorchester“ begleitet werden, sollte sich der Hörer voll auf die Stimme konzentrieren, weil die instrumentale Seite hier unter jeder Kritik ist. Unüberhörbar Schülerin von Margarete Kose, weiß Dalis unmittelbar mit pastoser fließender Mittellage, natürlicher Tiefe und fantastischer Höhe für sich einzunehmen. Von der Stimmqualität ist Dalis eigentlich ein lyrischer und sehr flexibler Mezzo (die Rossini Arie zeugt beeindruckend davon), der aber auf Basis einer exzellenten Technik und mega-Expansionsfähigkeit ebenso fähig war, dramatische Partien von Verdi und Wagner ohne Abstriche und ohne je „in Not“ zu geraten, zu meistern. 

Der zweite Teil der CD ist einem technisch herausragenden, aber leider – wie damals üblich – in deutscher Sprache gesungenen Carmen-Querschnitt mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Wolfgang Martin gewidmet. Obwohl Irene Dalis die Carmen nie auf der Bühne verkörperte, fasziniert sie vor allem mit einer dämonischen Kartenarie. Außerdem macht der Hörer erfreulicherweise die Bekanntschaft mit dem Don José von Heinz Hoppe und dem Escamillo von Karl Schmitt-Walter. Die Blumenarie ist ein Musterbeispiel für eine brillant eingesetzte voix mixte, Heinz Hoppes feiner Tenor überrascht mit sensibler Ausdruckskunst, exemplarischen Diktion und bezauberndem lyrischen Glanz.

Fazit: Eine Entdeckung, in Teilen (Händel, Gluck, Rossini, Verdi, Wagner) sogar eine Offenbarung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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