Marek Janowski zu seinem Abschied

Foto: Copyright by Diana Hillesheim
Fast auf den Tag genau zwei Jahre später – im Januar 2026, wie schon im Januar 2024 – trafen sich Dirk Schauß und Marek Janowski wieder im Proberaum des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Die Atmosphäre war vertraut: die gleichen Wände, das gleiche Licht, dieselbe konzentrierte Arbeitsstimmung, die Janowski so schätzt.
Beim ersten Gespräch vor zwei Jahren hatte der Dirigent am Ende mit seinem typischen, trockenen Humor gesagt: „Herr Schauß, ich kenne Sie jetzt – und sollte ich noch einmal nach Frankfurt kommen, dann machen wir noch ein Interview. Aber länger!“
Und so geschah es.

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Diesmal war das Gespräch tatsächlich deutlich ausführlicher, persönlicher und in manchen Momenten auch nachdenklicher. Im Zentrum stand Marek Janowskis bewusste Entscheidung, Ende Dezember 2026 die Dirigentenlaufbahn endgültig zu beenden – ein Abschied, den er mit großer Klarheit, aber auch mit einer leisen Melancholie plant. Er spricht offen über die ersten spürbaren Zeichen des Alters, über die Sorge, zu spät aufzuhören, über die dramatischen Veränderungen in der Orchesterlandschaft durch Globalisierung und den weitgehenden Verlust individueller Klangidentitäten. Ebenso leidenschaftlich und pointiert äußert er sich zu den Komponisten, die ihm zeitlebens am nächsten standen – allen voran Bruckner, Beethoven, Mendelssohn, Schumann und Puccini – und zu jenen, die ihm trotz ihrer enormen Popularität immer etwas distanziert geblieben sind, wie Mahler und Schostakowitsch.
Es ist ein sehr direktes, ehrliches und in vielem auch berührendes Gespräch – ein intimer Blick auf das nahende Ende einer langen, außergewöhnlichen Karriere und zugleich ein leidenschaftliches Bekenntnis zu dem, was für Janowski Musik bis zum letzten Takt bedeutet.
DS: Lieber Herr Janowski, ich falle gleich mit der Tür ins Haus, wenn ich darf. Als ich letztes Jahr bei der Pressekonferenz vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester war, da hieß es, Sie kommen wieder, was mich sehr freute. Und dann hieß es, und das konnte ich kaum glauben: Sie hören auf. Ist das richtig?
MJ: Das ist so. Mit den Erkenntnissen, wie man als Dirigent andere immer älter werdende Dirigenten beobachtet, habe ich mir das im Kalenderjahr ’24 überlegt – wissend, dass ich, was die Ohren angeht, wissend, was das Gehirn angeht, noch okay bin. Mir ist das Dirigieren nie körperlich schwergefallen. Trotzdem, so vor zwei Jahren, habe ich gemerkt, dass nach intensiven Proben ich doch ein bisschen müde bin. Das bin ich zum Beispiel auch jetzt. Also nicht so, dass ich nichts machen könnte. Ich könnte auch mit der Probe jetzt zwei Stunden weitermachen, aber ich empfinde eine gewisse körperliche Müdigkeit. Und dann habe ich mir da vor zwei Jahren so die Frage gestellt: Willst du in so eine altersprofessionelle Sphäre rein, wo alle, die mit dir musizieren, denken: „Mensch, wenn der Kerl da doch aufhören würde.“ Aber das sagt ja keiner. Ne? Ist doch immer dasselbe.
DS: So ist es.
MJ: Das möchte ich mir einfach ersparen. Ich hoffe, dass weiß man ja nie, dass ich in diesem Kalenderjahr noch einigermaßen gesund bleibe und habe dann also wirklich gesagt, Ende Dezember ’26 ist Schluss. Und vor einem Jahr oder vor eineinhalb Jahren, kamen natürlich auch Fragen: „2027 wollen Sie hier oder können Sie da etwas dirigieren?“ Das ist ein bisschen weniger geworden, das ist ganz klar. Und das sind nur immer die Orchester, wo ich immer schon mal war. Und da habe ich gesagt: „Also ganz eisern Schluss.“
Und es ist vor allen Dingen jetzt in diesem Kalenderjahr, also in der Sommersphäre, so Ende Mai über Juni, Juli weg, da ist dann mal nichts, das ist auch in Ordnung. Aber es ist ein sehr strammer und sehr intensiver Herbst, wo eins nach dem anderen immer noch mal kommt. Da ist Monte Carlo, Zürich, Chicago, NDR Hamburg, WDR Köln, Leipzig Gewandhaus, Berliner Philharmoniker. Und nach dem Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern reise ich noch einmal nach Tokio zum NHK Symphony Orchestra, die im Jahr ’26 ihr hundertjähriges Bestehen haben und dirigiere da am Ende des Jahres ’26, also im Dezember, sechsmal hintereinander die Neunte Beethoven. Und dann ist Schluss. Also so ist das geplant, vielleicht gibt es gesundheitliche Bremsen, dass ich früher aufhören muss, aber so denke ich mir das.
Dann kommen natürlich diese tollen Fragen, was machen Sie danach? Ja, das weiß ich noch nicht. Und ich mache mir darüber auch keine Gedanken. Auf keinen Fall würde ich irgendwo unterrichten. Das steht fest.
DS: Ich glaube, das ist vielleicht noch mal das größte Abenteuer, was dann auf Sie zukommt.
MJ: Stimmt, ja, wie man mit der Zeit umgeht, die man früher nicht hatte.
Ich weiß es noch nicht, muss man schauen. Und dazu kommt auch immer etwas, was mich in meinen früheren Chefjahren immer interessiert hat.
Speziell in den Berliner Jahren, wo man, wenn es kritisch wurde, mit den vielen Orchestern in Berlin und den Subventionen, mit Kontakten zu gewissen, wichtigen politischen Persönlichkeiten, die eine Affinität zu Musik hatten, wie man da manches verbal in Gespräch für die Musik erreichen konnte. Diese Persönlichkeiten in deutschen großen Städten, in deutschen Bundesländern und sowohl den Koalitionsregierungsparteien in Berlin gibt es nicht mehr.
Das Richtige ist, dass so viel neue, unerwartete, global übergreifende politische Probleme überall da sind, dass man vielleicht auch als Politiker, der eine oder andere, der ein gewisses Faible noch für musikalische Hochkultur hat, dass er keine Zeit mehr hat, sich um solche Dinge zu kümmern.
Und dann kommen natürlich auch bestimmte andere Dinge dazu, wenn man dann sieht in Amerika, ich will jetzt gar nicht von der Politik reden, dass in Washington das Kennedy Center, ich bin sehr oft beim National Symphony Orchestra gewesen, wo ein großer Konzertsaal drin ist, ein großes Opernhaus, ein Schauspiel, so ein Riesenkomplex, das so ein Saal, das so ein Gebäude jetzt Trump Kennedy Center heißt, ich finde das furchtbar, das können Sie genau so drucken, es ist furchtbar!
DS: Wir sind in einer Zeit, wie Sie sagen, von ganz großen Umbrüchen und wenn wir jetzt nun mal auf die Musik schauen, das Thema Globalisierung hat ja auch die Musik, wenn man das mal so sagen kann, nach meinem Höreindruck aus unzähligen Konzerten, dort auch drastisch Einzug gehalten. Die Orchester heute haben ja ihre klangliche Identifikation zum Großteil eingebüßt.
Und früher konnten Sie die Orchester noch viel leichter auseinanderhalten, also nicht nur durch das individuellere Instrumentarium, was die seiner Zeit noch hatten, sondern auch von der Art des Phrasierens, von der Art des Spielens. Ich finde, es gibt nur noch wenige Orchester mit ganz eigenem Klang, das hat sich leider internationalisiert.
Wie sind Sie damit umgegangen? Sie kennen ja beides noch, Sie kennen noch das sehr individuelle, Klangliche im Orchester und wenn Sie dann Jahre später mit dem Orchester, was Sie aus früheren Jahren genau kannten, gemerkt haben, jetzt klingt anders.

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Wie sind Sie mit so einer Veränderung umgegangen? Oder nimmt man das einfach so hin im Laufe seines Schaffens?
MJ: Nein, sagen wir mal in meinen letzten zehn oder 15 Jahren sicher nicht.
Ich habe immer ein relativ breites Repertoire gehabt und auch aus eigenem Interesse in den letzten zehn Jahren.
Bei einem Großteil des Repertoires, das man immer wieder dirigiert, man entwickelt da eine sehr eigene, präzise Vorstellung der klanglichen Durchhörbarkeit, der Offenlegung von Struktur und und und.
Und dann haben Sie ein amerikanisches Orchester mit amerikanischen Holzbläser, dann haben Sie ein französisches Orchester mit immer noch der französischen Holzbläser-Schule, die Blechbläser in Frankreich haben sich enorm entwickelt.
Ich höre das, wenn ich anfange zu proben, unabhängig von einer französischen Klangvorstellung oder von einer amerikanischen Klangvorstellung. Meine Klangvorstellung ist die, ich überlege genau, was musst du tun damit jetzt in der Probe, du deine Klangvorstellung realisieren kannst und damit bin ich umgegangen.
Ich meine früher über meine vielen Jahre im Paris, bei dem Orchestre Philharmonique, wo sehr viel französisches Repertoire war. Natürlich habe ich bei Werken wie „La Valse“ oder bei „La Mer“ oder bei der „Symphonie Fantastique“ in den Klang des Orchester rein gehört und wenn mich das in bestimmten Phrasierungen oder in der Dynamik überzeugt hat, habe ich es gelassen, ist doch klar.
Aber so habe ich mich mit dem Klang arrangiert und würde, so denke ich große oder ziemliche Probleme haben, mit einem anständigen bis guten deutschen Orchester meine Klangvorstellungen von „La Mer“, die aus der intensiven Arbeit mit einem französischen Orchester resultieren, einiger Maßen zu realisieren.
Deswegen dirigiere ich so was lieber mit einem deutschen Orchester nicht.
DS: Das kann ich gut verstehen. Wenn wir auf dieses für Sie so ganz besondere Jahr schauen, ich habe Sie so verstanden, dass Ihr Abschied endgültig ist, da wird er nicht mehr dran gerüttelt.
Es könnte ja sein, ich konstruiere mal eine Situation: Dieses Jahr läuft physisch vor allen Dingen hervorragend, dass Sie dann im Dezember, es doch noch viele Anfragen gibt und Sie diese Entscheidung neu bewerten.
MJ: Jetzt mehr oder weniger wissen das alle und da kommt auch fast nichts mehr, was ich absolut in Ordnung finde.
Aber es könnte ja sein, also ich kann mir vorstellen, wenn Marek Janowski sagt, er hört auf, dann denken vielleicht viele, gut es ist vielleicht gesundheitlich bedingt oder was auch immer.
Und sind dann auch eher zurückhaltend.
DS: Aber wenn dieses Jahr so toll läuft und es ist vitalisierend für beide Seiten, für Sie zuallererst als auch für die Zuhörer, dann könnten doch Reaktionen kommen, wie: „Mensch, Herr Janowski, wollen Sie nicht doch noch mal hier nächstes Jahr dirigieren? Könnten wir nicht doch noch ein paar Konzerte machen?“
MJ: Am besten auch in relativ hohem Alter, erträgt man die Arbeitsatmosphäre, wenn man über längere Zeit, also quasi pausenlos beschäftigt ist.
Wenn man zum Beispiel, wie im letzten Jahr, dann mal über den Juli August und September nix hat und dann im Oktober irgendwas und dann Ende Oktober, dann muss ich mental als auch physisch in Form sein. Na klar. Da wieder reinzukommen, das ist mit zunehmendem Alter schwieriger. Das ist einfach so.
Und wir sind mal ganz theoretisch. Ich höre da im Ende Dezember dann in Japan beim NHK Symphony Orchestra auf. Und da käme jetzt einen Anfrage im April 27. Das innere wieder Hochfahren des Energiepotentials und der musikalischen Vorstellung, wie mache ich jetzt dies oder jene Sinfonie, würde mir dann doch sehr schwer fallen.
Und ich glaube, wenn man das so auf die Waage legt, sollte man lieber doch sagen, dass es besser ist, wenn der ein oder andere Musiker sagt: „Schade, das der aufgehört hat, als zu denken, Gott sei Dank, dass der jetzt nicht mehr da ist.“
DS: Ja, wobei ich glaube, in Ihrem Fall, ohne zu schmeicheln, die Gefahr sehe ich bei Ihnen aktuell nicht. Für viele Menschen, die ich spreche, wenn wir uns über die Dirigenten zum Beispiel austauschen, da sind Sie ja alterslos, absolut alterslos.
Ich sage mal ganz simpel, Sie sind schon immer da, Sie dirigieren, ohne dass ein Leistungsdefizit erkennbar ist. Bei Kollegen Ihres Alters ist das oft anders.
Wenn ich an Lorin Maazels letzte Jahre denke, das hat man schon sehr deutlich gemerkt, dass seine Interpretationen ganz anders klingen. Schlicht gesagt: alles sehr viel langsamer, wie bei manchen anderen Kollegen eben auch.
Aber Sie sind nach wie vor da sehr konsistent, ich habe es ja vor zwei Jahren auch hier gehört bei dem Konzert mit der Dritten von Anton Bruckner. Dies war eine Lesart, wie ich Sie von Ihnen im Ohr hatte.
Eine andere Frage, die mich umtrieb, war, haben Sie sich für dieses, ich nenne es nochmal, Abschiedsjahr, was Besonderes vorgenommen in der Gestaltung einzelner Programme, wo Sie sagen: jetzt kannst du ja, wo du weißt, das ist sozusagen die letzte oder eine der letzten Gelegenheiten doch nochmal vielleicht mehr ins Risiko gehen oder noch was ganz anderes machen oder sagen Sie, ich bleibe meiner Linie treu?
MJ: Wenn Sie normalerweise nur als Gastdirigent tätig sind, fragen Sie ja erst mal das Orchester Management, also so mach ich es immer, was ist bei Euch sehr lange nicht gewesen, damit ich von Null etwas im Programm aufbauen kann.
Und da ist meine Affinität zu Anton Bruckner, das wissen manche Orchester auch und da kommt erst mal die Frage in dieser Richtung, das ist in diesem Jahr in Paris mit dem Bastille Opern-Orchester, da gibt es die Vierte von Bruckner, dann geht es nach Budapest zum Budapest Festival Orchester mit Bruckners Fünfter.
Das ist ein großartiges Orchester, das ich für das beste Orchester des früheren Ostblocks halte. Weiter geht es mit der Siebten Bruckner in Warschau mit der Sinfonia Varsovia, dann noch mal in Hamburg beim NDR mit Bruckners Dritter und dann die Berliner Philharmoniker haben es vorgeschlagen, die Achte Bruckner, das ist schön.
Es hat mich sehr gefreut, dass ich im Dezember bei den Berliner Philharmonikern Bruckners Achte machen darf. Dieses Orchester ist für mich, eine Liga of its own. Ich bin bei denen immer sehr, sehr gerne gewesen und ich glaube auch, dass die ganz gut mit mir zurechtkommen und ich hätte alles gemacht, was die gesagt hätten.
Und dann direkt danach 10 oder 12 Tagen in Tokyo die 9. Beethoven.
Keines der Programme, ist meine Wahl gewesen, das war die Bitte, das so zu machen, dass das aber so ist, ist eine schöne Sache und da bin ich auch sehr dankbar dafür.
DS: In Dortmund dirigieren Sie auch die Siebte Bruckner.
MJ: Ja, das ist die nächste Woche, dort war ich als junger Mann vier Jahre Chef und dann muss das wohl irgendeiner in der Dramaturgie festgestellt haben. Ich habe in Dortmund angefangen in der Saison 1975/76, das ist jetzt 50 Jahre her und da komme ich noch mal hin und aus dieser Zeit ist kein Musiker mehr da.
Aber wir haben schon verabredet, ein paar ganz alte Kameraden, die schon 1000 Jahre dort „geparkt“ sind, aber die noch an Krücken oder mit dem Rollator unterwegs sind, wir treffen uns zum Kaffee trinken.
DS: Oh, das ist eine schöne Idee. 50 Jahre nach Dortmund.
Sind Sie das erste Mal auch im Konzerthaus in Dortmund in diesem Konzert?
MJ: Nein, ich war gleich zu Anfang dort. Das ist ein sehr schöner Saal. Ich bin dort mit dem Orchester aus Monte Carlo da gewesen, mit dem RSB Berlin war ich auch dort usw..
Aber noch nicht dem Orchester aus Dortmund.
DS: Sie hatten eben von den Berliner Philharmonikern gesprochen, es gab ja auch noch mit einem sehr berühmten Orchester ein spätes Debüt, letztes Jahr in New York mit den New Yorker Philharmonikern.
Wie war das?
MJ: Ich bin in den 1980er Jahren bis in die 90er hinein sehr oft an der MET gewesen.
Und da gab es immer schon mal auch die Überlegung, ob ich nicht einmal zu den New Yorker Philharmonikern gehen sollte. Nun meinte meine Agentur, das sei nichts für mich.
Nach meinen Aktivitäten an der MET war ich sehr regelmäßig bei bestimmten amerikanischen Orchestern: San Francisco, Chicago, Chicago ist große Klasse, muss ich sagen, Boston, das habe ich dann auch irgendwann wieder gelassen, Washington National Symphony.
Und dann war ich vor wenigen Jahren doch noch mal an die MET gegangen mit „Ariadne auf Naxos“.
Dann habe ich 2025 bei dem New York Philharmonic ein Konzert dirigiert und das hat auch allen, so glaube ich, große Freude gemacht.
In diesem Mai, bin ich noch mal da.
DS: Da dirigieren sie die Dritte Mendelssohn.
MJ (lacht): Ja, Sie ja wissen alles!
DS: Ich bin vorbereitet. Den Mendelssohn haben Sie nicht so oft dirigiert oder im Vergleich zu Bruckner?
MJ: Nein, aber ich habe große Verehrung für die „Schottische“.
Die „Italienische“ geht eher leicht von der Hand.
Die „Schottische“ hat eine ungeheure Tiefe und trotzdem diese spezielle Mendelssohn-Klangfarbe.
Ich habe genügend Proben und ich freue mich drauf. Ich habe es, glaube ich, mindestens 20 Jahre nicht mehr dirigiert.
DS: Oh ja, ein wunderbares Werk. Ich liebe es sehr.
Sehen Sie diese Symphonie als absolute Musik oder eher programmatisch?
MJ: Für mich ist es überhaupt keine Programm-Musik, sondern absolute Musik.
Ein solch wunderbares Scherzo und dann dieser herrliche, langsame Satz.
Der letzte Satz ist nicht ganz so auf dem hohen Niveau, aber speziell die beiden Mittel-Sätze sind für mich absolute frühromantische Meisterwerke.
DS: Ja, das ganze Stück finde ich, ist so singulär in seinem Schaffen. Und auch seine Einfälle, also wenn man an den Beginn vom 4. Satz mit der hüpfenden Pauke denkt. Ich finde, das ist immer ein ganz besonderer Effekt, das ist so frech. Und das gerade auch im Kontext dieser Zeit.
Herrlich wie die Pauke da so plötzlich so rein geplatzt kommt und dann am Schluss noch diese Coda, die ja fast schon ein Hymnus ist.
MJ: Die immer zu langsam gemacht wird. Die muss fließen und die darf nicht so einen heiligen Schein oben drauf haben. Das muss ein freundliches Beenden des Werkes sein.
DS: Ja. Keine Patina drauf.
Schauen wir auf das Programm, was Sie hier machen.
Ich habe mir überlegt, in Referenz auf unsere erste Begegnung, ob sie bei den ersten Proben viel sprechen mussten. Sie würden sich ja wünschen, möglichst wenig ansagen zu müssen.
MJ: Ja, es ist bei Bruckner immer die Problematik, dass sehr oft durch seine Orchestrierung, vor allen Dingen durch ausgehaltene Bläserakkorde die Struktur der Kontrapunktik zugekleistert wird. Und da muss man dem Orchester erst mal zuhören, sehr schnell entscheiden, wer sich da mehr zurückhalten muss.
Und wir haben hier mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine wunderbare Arbeitsdisziplin, sehr, sehr konzentriert. Ich merke deutlich, jeder akzeptiert, dass das viele Unterbrechen, einfach notwendig ist. Weil das Resultat dann hinterher Unterschied doch ausmacht.
Und ich weiß gar nicht, da müssten Sie die Kollegen fragen, ob ich hier jetzt viel rede oder nicht so viel rede.
Ich höre zu und mir gefällt irgendwas nicht und ich überlege sofort, was muss ich machen, damit es mir gefällt.
Und so verläuft der Arbeitsvorgang und wie gesagt, deswegen bin ich ja auch wiedergekommen.
Ich war hier vor zwei Jahren und das gesamte Arbeitsambiente habe ich hier sympathisch gefunden und sehr kooperativ.
Und so ist es jetzt eben auch.
DS: Das ist eine feine Grundlage. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dort hinten das paar Becken gesehen habe, also Sie machen die Bruckner Symphonie mit Beckenschlag.
MJ: Ja, habe ich immer gemacht.
DS: Was bedeutet für Sie dieser eine Becken-Schlag?
MJ: Das ist eine sehr gute Frage! Für mein Empfinden kann ich mir diesen Höhepunkt ohne Becken-Schlag nicht vorstellen. Und es ist ein ewiger Streitpunkt und es scheint so zu sein, dass es wahrscheinlich der letzte Wille Bruckners war, keinen Becken-Schlag zu verwenden.
Aber selbst wenn es so wäre, möge er mir verzeihen, ich finde der Becken-Schlag gehört auf diesen Höhepunkt.
DS: Ja, das sehe ich ganz genau so. Wenn wir in diesem Zusammenhang an den Kölner Dom denken, dann ist das wie die Domspitze, finde ich. Das ist ein Wendepunkt, wenn der prominent genug klingt. Das ist etwas, was sehr oft nicht gelingt, sehr zu meinem Bedauern. Oft klingt der Becken-Schlag, zu „normal“, ohne Pracht. Zuweilen liegt es daran, dass zu kleine Becken gewählt werden.
MJ: Die Schlagzeuger kommen heute Abend dran.
Und dann werde ich sehen, was die mir an Becken anbieten.
Und da muss man sich dann auf eine bestimmte, das mache ich in der Pause, dann mit denen auf eine bestimmte Beckenklangfarbe, wenn man das überhaupt mal so sagen kann, festlegen.
DS: Das macht ja einen großen Unterschied, ob der Beckenspieler, wenn er einen prominenten Beckenschlag hat, ob er die Becken vorklingen lässt, indem er die beiden Becken mit den Knien antippt oder nicht.
MJ: Ich muss mal heute sehen, wie die Musiker das vortragen.
Es darf bei diesem in der Siebten Bruckner, bei diesem Beckenschlag, nicht blechern klingen.
Es muss rund und möglichst dunkel klingen. Das müssen wir heute Abend haben.
DS: Und voll.
MJ: Ja, genau.
DS: Wie halten Sie es mit dem, da streiten sich die Musikwissenschaftler ja noch mehr, obwohl es nach neuesten Forschungen sogar jetzt eine relativ eindeutige Antwort zu geben scheint, bei der Vierten Bruckner im vierten Satz am Anfang, wenn es diesen prominenten Tonartenwechsel gibt? Da gibt es auch Versionen, bei denen es einen Beckenschlag gibt.
MJ: Nee, das habe ich nie gemacht. Der, finde ich, passt auch da überhaupt nicht hin.
DS: Im ersten Teil gibt es das Violinkonzert von Mendelssohn, eines der meist gespielten Violinkonzerte überhaupt. Wenn ich in die letzten zehn Jahre die Konzertprogramme hier in unserer Region betrachte, dann ist kein Violinkonzert so oft gespielt worden.
MJ: Wurde das Werk mit diesem Orchester auch gespielt?
DS: Ja.
MJ: Es war der Wunsch der Museumsgesellschaft, die wollten also unbedingt eine Bruckner Symphonie da noch mal haben. Und ich glaube, die Siebte ist hier länger nicht gewesen.
DS: Das ist richtig.
MJ: Das war dann festgelegt und dann habe gesagt, da muss ja irgendwas dazu.
Wenn ich mich recht erinnere, kam der Wunsch von denen mit Mendelssohn, das passt sehr schön zusammen.
DS: Gibt es ein Werk in diesem Jahr, auf das Sie sich besonders freuen? Es gibt viel Bruckner, wie wir sehen, jetzt gerade in den nächsten Monaten.
Aber gibt es ein Werk, wir haben die Dritte Mendelssohn im New York schon gestreift, noch ein anderes Werk, von dem Sie sagen, da freue ich mich auch, dass ich das nochmal dirigieren kann?
MJ: Es gibt eine Zweite Brahms, dabei ist die Eroica. In Gewandhaus in Leipzig ist die „Rheinische“ von Schumann noch mal dran, die ich für ein grandioses Stück halte. Und das sie mir nochmal begegnet, finde ich sehr schön.
DS: Schumann hat es Ihnen ja immer schon angetan.
MJ: Ja, aber besonders, wie ich glaube, wir sind uns einig, der großartigste symphonische Satz, den Schumann geschrieben hat, ist in der zweiten Symphonie der langsame Satz.
Als Gesamtes ist die „Rheinische“ von dieser wunderbaren Stimmung in der ersten Satz. Der zweite Satz kann sich nur in Köln abspielen und der vierte Posaunen Satz natürlich auch. Ich glaube, dass ich auch einen gewissen Zugang habe zu dem Finale in der „Rheinischen“. Dieser ist komplexer und komplizierter. Und wenn man da nicht haargenau am Pult aufpasst, kann der Satz entweder auseinanderfallen oder zu schwer wirken. Und das sollte nicht sein.
Und wenn man dann bei so einem Stück für genügend Proben hat, dann kann man da ganz schön was draus machen.
DS: Haben Sie jemals eigentlich, wo Sie so viel Schumann dirigiert haben, auch die Mahler-Revisionen der Schumann Sinfonien?
MJ: Nein, um Gotteswillen.
Diese etwas verengte und dichte Instrumentation, die bestimmte Mängel hat, das ist also ganz eindeutig, aber sie schafft aber ein bestimmtes dunkel eingefärbtes Orchesterklangbild. Und wenn Sie da so mit mahlerischen Klangideen darüber gehen, dann verändern Sie die Atmosphäre des Klangbildes. Und das möchte ich nicht.
Ich habe mich damit beschäftigt und Horrible Dictu, ich finde das ganz schrecklich.
DS: Ja, jeder empfindet dies auf seine Art.
Abschließend doch eine Frage zu Ihrem Repertoireerfahrung. Sie haben ja ein riesiges Repertoire dirigiert. Vielleicht ist mein Eindruck falsch. Aber ich habe zum Beispiel nicht so sehr viel Schostakowitsch gefunden. Warum?
MJ: Das ist ein sehr heikles Thema, dessen genaue Erörterung den Rahmen hier sprengen würde.
DS: Eine letzte Frage.
Gibt es musikalisch einen Wunsch, den sie sich nicht erfüllen konnten, bei all dem was Sie gemacht haben?
MJ: Ja. Ich bin ein großer Puccini Verehrer und habe auch in meinen ganzen Opernjahren, die gängigen Stücke dirigiert.
Ich hätte gerne mal eine „Manon Lescaut“ dirigiert. Ich hab sie nie dirigiert. Ein grandioses Frühwerk.
„La Fanciulla del West“ habe ich auch nicht dirigiert. Auch ein völlig unterschätztes Werk.
DS: Lieber Herr Janowski, wer weiß, was noch kommt bei Ihnen?
Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall jetzt erst mal ganz viel Kraft, Energie und Freude bei all dem was in den nächsten Monaten auf Sie zukommt.
MJ: Dankeschön.
DS: Vielen Dank, dass wir noch einmal miteinander sprechen konnten.
MJ: Sehr gerne.

Foto: Copyright by Diana Hillesheim
Das Gespräch fand statt am 14. Januar 2026, im Orchesterprobenraum der Oper Frankfurt anlässlich des fünften Museumskonzertes.

