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INNSBRUCK: TURANDOT – Premiere. Triumph auf allen Linien

22.11.2015 | Oper

Innsbruck: „TURANDOT“ 21.11. 2015 (Premiere)Triumph auf allen Linien

Turandot Maines,Schirrmacher Innsbruck Nov.2015 2996
Vincent Schirrmacher, Jennifer Maines. Foto: Tiroler Landestheater/ Larl

„….. soll das heißen, dass ich nicht mehr arbeiten soll? Dass ich „Turandot“ nicht beenden soll? Es war doch nur noch so wenig zu tun, um das berühmte Duett ins rechte Lot zu bringen!“ – Briefzitat des verzweifelten Giacomo Puccini an seinen Librettisten Giuseppe Adami vom 10.10.1924 vor seinem schweren, tödlich endenden OP-Eingriff in Brüssel. Am 29.11.1924 war Puccini tot, seine letzte Oper blieb ein Torso. Der durch seine „Risurrezione“ (Auferstehung) nach Tolstoi zu beträchtlichem Ruhm gelangte Franco Alfano wurde ausersehen, aus dem vorhandenen Notenmaterial Puccinis das bombastische Finalduett zu vollenden. Bei aller Wertschätzung für Alfano – seine musikalische Eingebung erreicht nicht die Genialität Puccinis und konnte die dramaturgische Unglaubwürdigkeit (eben beging ein Mensch den Opfertod und Takte später geht das phonstarke Gloria-Vittoria-Liebesbeteuerungs-Geschmetter von Calaf und Turandot los) beseitigen.

Der Regisseur der Innsbrucker NI, der international erfolgreiche Tiroler René Zisterer, misstraute diesem aufgepfropften Happy-End. Trotz Verzicht auf eine Pseudo-Hollywood-Optik und Brutalität (Liús Folterung) verstand er das Publikum mit seiner durchdachten, psychologisch ausgeklügelten Arbeit zu fesseln. Bei Zisterer haben stets Ästhetik und 100 %iges Vertrauen in die Musik / Textvorlage Priorität vor Effekthascherei und Banalem. Seine Ausstatterin Agnes Hasun steuerte beeindruckende, kitschfreie Bühnenbilder und schlichte Kostüme aus der Zeit der Entstehung der Oper bei. Turandot erscheint in prachtvollen Gewändern, die ihren Seelenzustand widerspiegeln. Bei der Gewandung der drei Minister schimmern dezente Anklänge an die Commedia-dell‘-Arte durch. Dürfen wir hoffen, diese beiden Künstler bald wieder am Landestheater zu begrüßen? Das Publikum würde sich freuen, wurden die beiden von den Premierengästen mit der gleichen Intensität bejubelt wie die Verantwortlichen für den musikalischen Teil.

Einen großen Abend bescherte das in Hochform aufspielende Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der überlegenen Stabführung von Alexander Rumpf. Alles, was Puccinis Partitur an Delikatem bereithält, wurde prachtvoll und klangschön zum Erklingen gebracht. Eine Meisterleistung! Dem in nichts nach stand der von Michel Roberge perfekt einstudierte Chor und Extrachor sowie der beherzt agierende und inbrünstig singende Kinderchor des Tiroler Landestheaters (Einstudierung: Janelle Groos). Wie schön, wenn dieser Klangkörper an seinen Aufgaben wächst!

Und die Solisten – sie bereiteten vokale Wonnen sondergleichen. In der eher kurzen, aber eminent schwierigen Titelrolle brillierte Jennifer Maines. Blendend gelang ihr der Spagat von vokaler Eiseskälte hin zu warmen Tönen. Darstellerisch schafffte sie es, dem nicht sonderlich einnehmenden Todesengel Mitgefühl entgegenzubringen. Als ihr Gegenpol, von der Regie hübsch herausgearbeitet, bezauberte Susanne Langbein als opferbereite Liú mit seelenvollen, schwebenden Piani, aber auch, wo vonnöten, zupackendem Sopranstrahl.  Vincent Schirrmacher von der Volksoper Wien überzeugte als jugendlicher Calaf mit strahlendem Tenorglanz. Erstaunlich, zu welchen Höhenflügen dieser doch eher zierliche Sänger fähig ist. Das eine oder andere Piano indes hätte man doch ganz gerne vernommen….

Michael Hauensteins edelstimmiger Timur, das virtuose Ministertrio Ping-Pang-Pong, verkörpert von den exzellent singenden Florian Götz, Florian Stern und Joshua Lindsay, Dale Albrights karikaturfreier Kaiser und der sonor tönende Stanislav Stambolov (Mandarin) rundeten ein Ensemble ab, das in dieser Geschlossenheit und auf diesem Niveau auch an größeren Bühnen nicht alltäglich anzutreffen sein dürfte. Kein Wunder, dass das Publikum nach diesem Abend vor Begeisterung ausrastete (und in den Folgevorstellungen wird es nicht anders sein). Weh dem, der diese Vorzeigeproduktion versäumt!!                

                                                                                                                                                                                                                          Dietmar Plattner

 

 

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