Innsbruck: Johannes Maria Staud: „MISSING IN CANTU (EURE PALÄSTE SIND LEER)“ (ÖEA) – 23.5.2025 Premiere – Ein dystopischer Albtraum

Hazel Neighbour (Echo), Marcel Brunner (Seher) © Marcella Ruiz Cruz
„Missing in cantu (eure paläste sind leer)“ ist die jüngste Oper des aus Innsbruck stammenden Komponisten Johannes Maria Staud nach einem Libretto des oberösterreichischen Autors, Dramatikers und Regisseurs Thomas Köck. Nach der Uraufführung 2023 im Rahmen des Kunstfests Weimar gelangte das Werk nun in der Inszenierung von Bettina Bruinier am Tiroler Landestheater Innsbruck zur österreichischen Erstaufführung.
Die Handlung entfaltet sich in drei Strängen, die jedoch – entgegen anderslautender Hinweise im Einführungsgespräch von Julia Spinola, Co-Direktorin und leitende Dramaturgin der Sparte Musiktheater am Tiroler Landestheater, mit dem Komponisten – nicht wirklich zueinanderfinden, sondern weitgehend im Anekdotischen verbleiben. Zusammengehalten werden sie durch eine sehr unverblümt formulierte Sozialkritik an den vielfältigen Verfehlungen der Menschheit: religiösem Fanatismus, Machtgier, zwanghaftem Konsumverhalten und Turbokapitalismus. Ein „Seher“ blickt aus nachträglicher Perspektive auf die Ursachen des menschlichen Untergangs zurück. Die Paläste stehen leer, die Räume verfallen, die Menschen sind verschwunden – wie konnte es so weit kommen? Kontrapunktisch tritt ihm die Figur „Echo“ gegenüber: Sie hinterfragt seine Klagen, verschiebt die Perspektive und rückt den Seher zunehmend selbst in die Nähe eines Mitverantwortlichen dieses dystopischen Albtraums, weil er weggesehen und nicht dagegen unternommen habe.

Jennifer Maines (Hexe), Christian Miedl (Don Stepano), Chor © Marcella Ruiz Cruz
Die drei Handlungsstränge stehen exemplarisch für die genannten Verfehlungen und deren zerstörerische Folgewirkungen. Die erste Episode führt ins 16. Jahrhundert: Der Konquistador Don Gairre unternimmt mit seiner Expedition einen Zug durch den brasilianischen Dschungel, getrieben von der Suche nach der paradiesischen Stadt Eldorado. Die Truppe meutert, der Missionar Don Steppano wird zum König ausgerufen; religiöser Eifer schlägt in Gewalt um, in Morde an Indigenen und Hexenverbrennungen. Später wird Steppano von Don Gairre gestürzt, während sich die Suche nach Eldorado im Nirgendwo des Dschungels verliert.

Jakob Nistler (Schlachthausbesitzer), Chor © Marcella Ruiz Cruz
Die zweite Episode spielt in einer US-amerikanischen Vorstadt. Ein Reporter-Duo mit Kamera und Mikrofon bedrängt einen Drogenabhängigen, ein Opfer der Opioidkrise der Nullerjahre in den USA – einer massiven Gesundheits- und Gesellschaftskrise, ausgelöst durch die massenhafte Verschreibung, Abhängigkeit und Überdosierung von opioidhaltigen Schmerzmitteln – und zerrt sein Leiden in die Öffentlichkeit. Die mediale Ausbeutung wird zur Fortsetzung der Gewalt mit anderen Mitteln. Später stürmt der Mann einen Gottesdienst, nimmt Geiseln und erschießt sich.
Der dritte Strang führt in ein Schlachthaus, in dem während der Arbeit reihenweise Menschen kollabieren. Um überhaupt überleben zu können, leisten sie trotz Schlafmangels mehrere Jobs und halten sich mit Aufputschmitteln funktionsfähig. Am Ende stirbt ein Elternpaar an den Folgen einer Überdosis. Das – eher banale, aber durchaus wahre – Fazit lautet: Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte.
Johannes Maria Stauds Musik unterlegt den Stoff stellenweise in der Art einer Filmmusik, wobei unterschiedliche Ausdrucksebenen und Stilmittel ineinandergreifen: seine eigene musikalische Sprache mit eindringlichen Kantilenen, schwebenden, teils wirkungsvoll durch den Raum des Großen Hauses kreisenden Klangflächen und klangschön aus dem Orchester hervortretenden Soli; direkte Zitate aus geistlichen Chorsätzen des 16. Jahrhunderts von William Byrd und Cristóbal de Morales; dazu Genrezitate aus Popmusik und Gospel.
Die Interpretation durch das SWR Experimentalstudio unter der Klangregie von Michael Acker und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Timothy Redmond eröffnet Freiräume für Improvisation und klangliche Entfaltung. Allerdings treten Elektronik und die Rhythmik eines beträchtlich erweiterten Schlagwerks deutlich stärker hervor als die genuinen Möglichkeiten des Orchesterklangs. Die Zitate werden collageartig eingefügt und bleiben weitgehend ohne tiefere kompositorische Verarbeitung. Zugleich schöpft die Partitur kräftig aus dem Fundus vertrauter Klischees: Gegenwartsbezogene Popularmusik markiert das Milieu des drogenabhängigen Attentäters ebenso wie die – im Übrigen äußerst eindrucksvolle – Schlachthausszene, während die Renaissance-Zitate die Eldorado-Episode signalisieren bzw. am Ende noch einmal heraufbeschwören. Manchen mag diese Art der Vertonung zu plakativ erscheinen, anderen bietet sie willkommene Orientierungspunkte in einem Libretto, das sich streckenweise in metaphorischen Bildern und Abstraktionen artikuliert, sowie in einer streckenweise unvertraut oszillierenden Klangwelt.
Formen wie Rezitativ, Arie oder Ensemblesatz, ebenso die Idee eines durchkomponierten musikalischen Verlaufs, spielen für „missing in cantu (eure paläste sind leer)“ als kompositorische Kategorien kaum eine tragende Rolle. Treffender erscheint Julia Spinolas Charakterisierung einer „mehrschichtigen, hybridhaften Szenenanlage“ (Programmheft, S. 8). Zunächst ist das Stück nicht nur Oper, sondern über weite Strecken auch gesprochenes Schauspiel, manche Rollen sind überhaupt nur Sprechrollen. Zur Hybridität des Gesamteindrucks trägt auch Bettina Bruiniers Inszenierung wesentlich bei. Neben den (Dreh-)Bühnenkonstruktionen von Volker Thiele, den anregenden Kostümen von Chani Lehmann und der dynamischen Choreografie von Volker Michl kommt dabei vor allem den Videozuspielungen von Ayşe Gülsüm Özel eine tragende Funktion zu. Gerade durch sie wird Stauds Intention, eine Nähe zu Film und Filmmusik herzustellen, besonders prägnant herausgearbeitet.
Das Werk, das in seinen 90 Minuten in 15 Einheiten gegliedert ist, wird in einer Folge vielfältiger szenischer Konstellationen geradezu opulent bildhaft visualisiert. Dass dieses Potpourri aus unterschiedlichen Klängen, Genres, dramatischen Situationen, Videoebenen und Kameraeinstellungen einen beträchtlichen Unterhaltungswert besitzt, lässt sich kaum bestreiten, und auch die schauspielerische, sängerische und instrumentalmusikalische Umsetzung ist sehr ansprechend.
Problematisch wird es allerdings dort, wo Rollen mit hohem Sprechtheateranteil Sängerinnen oder Sängern anvertraut sind, deren Deklamation nur eingeschränkt verständlich bleibt. In Innsbruck betrifft dies insbesondere die Partien von Echo und Don Gairre. Von einem Landestheater darf man erwarten, für solche Aufgaben eine auch sprachlich adäquate Besetzung zu finden, die gegenüber dem standardisierten Bühnendeutsch der Kolleginnen und Kollegen aus dem Schauspielfach nicht deutlich abfällt.
Die überragende Erscheinung des Abends ist – sängerisch wie deklamatorisch – Marcel Brunner als Seher. Mit seinem biegsamen, wendigen Bassbariton und seiner ausdrucksstarken Deklamation gibt er der Figur eindrucksvolle Kontur. Hazel Neighbour beeindruckt als Echo mit einem leuchtenden, differenziert geführten und warm timbrierten Sopran. Stephen Chaundy bringt als Don Gairre mit virilem, dynamischem Tenor Energie und Dramatik in seine Szenen, während Christian Miedl den religiösen Eiferer Don Stepano in fein austarierter Baritonlage überzeugend zeichnet. Jennifer Maines sorgt als wortlos heulende Hexe für beklemmende Momente. Auch William Blake als Don Miguel, Michael Gann als Übersetzer, Jakob Nistler als Schlachthausbesitzer und in weiteren Rollen sowie Sabrina Henschke als dritte Polizistin überzeugen sowohl in ihren Gesangs- als auch Sprechpartien. Stefan Riedl als drogenabhängiger Hausbesitzer und Attentäter sowie Bernarda Klinar als Reporterin und in weiteren Nebenrollen vertreten das Schauspielfach mit Nachdruck, Jannis Dervinis, Stanislav Stambolov und William Tyler Clark spielen den Konquistador und Ureinwohner und Jakob Noggler das betroffen schweigende Kind.

Stefan Riedl (Attentäter), Chor © Marcella Ruiz Cruz
Ein besonderes Lob gebührt dem Chor und der Statisterie des Tiroler Landestheaters, den Musikerinnen und Musikern des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck sowie dem SWR Experimentalstudio und den musikalischen Leitern des Abends.
Thomas Nußbaumer

