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INNSBRUCK/ Tiroler Landestheater: MIGNON von Ambroise Thomas. Premiere

Mignon in der Metroplitain

07.04.2019 | Oper

Ambroise Thomas: Mignon, Tiroler Landestheater, Innsbruck, Premiere am 06.04.2019

Mignon in der Metroplitain

 Die Werke des Franzosen Ambroise Thomas sind im deutschen Sprachraum seit dem Zweiten Weltkrieg eher selten zu erleben gewesen. Bevor nun die Deutsche Oper Berlin zum Saisonschluss einen konzertanten «Hamlet» bringt, hat das Tiroler Landestheater in Innsbruck Thomas «Mignon» szenisch zur Premiere gebracht.

Das Innsbrucker Leitungsteam hat sich, was die Frage der Fassung angeht für einen eigenen Weg entschieden: weder ein glückliches noch ein tragisches Ende sondern gar kein Ende. Die Frage, ob Mignon und Lothario verwandt sind, wird nicht aufgelöst. Am Anfang wie am Ende ist die Einblendung einer schmalen Landstrasse und einer Telegrafenleitung zu sehen: Sinnbild für die Sehnsucht und das offene Ende.

Es wird eine Mischfassung gezeigt, die auch die von Thomas nachkomponierten Rezitative verwendet.

 Bildergebnis für tiroler landestheater mignon
Foto: Rupert Larl

Die Regisseurin Helen Malkowsky und der Bühnenbildner Dieter Richter haben dem Stück in ihrer Umsetzung alles klischeehaft Romantische genommen und lassen es im Paris der Entstehungszeit spielen. Das Einheitsbühnenbild auf der Drehbühne ist eine an die Jugendstilbauten des Pariser-Architekten Hector Guimard angelehnte Metro-Station und eine Litfass-Säule. In diesem Bühnenbild sieht das Leitungsteam auch den Klang des Werkes wiedergespiegelt: die zarte, poetische Luzidität der Mignon, die kunstvollen Ornamente und die kraftvolle Virtuosität der Philine widerspiegelten sich in der Jugendstil-Architektur. Zusätzlich bietet die Metrostation mit ihrer Treppe unter die Erde interessante Möglichkeiten zum Auftritt aus dem «Nichts» oder dem Abgang ins «Nichts». Die Kostüme von Anke Drewes verknüpfen die Inszenierung dann mit der Gegenwart.

Von der «Mignon» als Herzchen oder Liebchen, vom knabenhaften, erotischen Mädchen bleibt bei dieser Konzeption nichts übrig. Sie ist aber weiterhin eine «femme fragile»: sie ist Mitglied einer Zigeunergruppe und so zeigen sie Malkowsky und Richter als Bettlerin, wie sie uns in der Gegenwart in den Grossstädten an jeder Metrostation begegnen kann. Jarno, ganz in schwarzem Leder, mit Ketten und reichlich tätowiert, ist eine Mischung aus Motorradrocker und Mafiaschläger. Lothario ist ebenfalls Bettler, optisch ein liebenswerter Typ, dem man die Schicksalsschläge, die ihn auf die Strasse gebracht haben, anzusehen glaubt. Ein Typ, so das Programmheft, der nicht dafür gemacht ist, von seinen Mitmenschen verstanden zu werden. In diesem Konzept ist dann natürlich auch die Figur des Wilhelm Meister verändert. Er befindet sich immer noch auf einer Bildungsreise, aber da in der Gegenwart jeder Ort innert kürzester Zeit erreichbar ist, erforscht er, was ihm trotz der Nähe fremd geworden ist: seine Mitmenschen, die nicht zur gleichen «Schicht» wie er gehören.


Camilla Lehmeier als Mignon; Foto: Rupert Larl

Camilla Lehmeier singt und spielt die Mignon mit enormem Einsatz und ist so natürlich das Zentrum der Aufführung. In der Verkörperung der Rolle wahrt sie immer noch etwas Geheimnishaftes in Form ihrer Neugier. Sie will vor der Gewalt Jarnos fliehen, sie ist aber vor allem von Wilhelm, dessen Welt und den Chancen, die er ihr bieten kann fasziniert. Lehmaiers warmer, farbenreicher, zu enormer Dramatik fähiger Mezzosopran ist der ideale Gegensatz zum Koloratursopran von Sophia Theodorides (Philine), der etwas kühl, fast perfekt daherkommt. Im Forte läuft er Gefahr, scharf zu werden. Theodorides spielt die Philine hervorragend und streicht vor allem das Unbeständige, Unkonsequente der Figur heraus. Jon Jurgens ist der männliche Part des Dreieckskonflikts: bis er merkt, dass Mignon die richtige sein könnte – auch das bleibt offen -, ist er an Philine interessiert. Von kleinen Problemen in der Höhe abgesehen, meistert er die Partie sehr gut und es gelingt ihm auch seine emotionale Entwicklung deutlich zu machen. Johannes Maria Wimmer singt und ist Lothario. Mit seinem warmen Bass und seiner „kauzigen“ Erscheinung verkörpert er den rätselhaften Vagabund, der nicht von dieser Welt und doch in dieser Welt ist, in nahezu idealer Weise. Florian Stern und Joachim Seipp ergänzen das Ensemble auf höchstem Niveau.


Johannes Maria Wimmer als Lothario; Foto: Rupert Larl

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Leitung von Seokwon Hong spielt an diesem Abend schlicht grandios. Es gelingt einfach alles.

Chor, Extrachor und Statisterie des Tiroler Landestheaters tragen mit ihrer grossen Spielfreude wesentlich zum Gelingen des Abends bei.

Ein etwas sperriger, aber lohnenswerter Abend!

Weitere Aufführungen: 14.04.2019, 24.04.2019, 25.04.2019, 28.04.2019, 02.05.2019, 04.05.2019, 16.05.2019, 24.05.2019, 31.05.2019, 02.06.2019, 05.06.2019, 07.06.2019 und 22.06.2019.

07.04.2019, Jan Krobot/Zürich

 

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