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INNSBRUCK/Tiroler Landestheater: LILIOM. Österreichische Erstaufführung

25.02.2019 | Oper

Susanna von der Burg (Frau Muskat), Daniel Prohaska (Liliom), ChorFoto Rupert Larl
Susanne von der Burg, Daniel Prohaska. Foto: Rupert Larl

INNSBRUCK/Tiroler Landestheater: LILIOM.  Österreichische Erstaufführung  – am 23. Februar 2019

Am Tiroler Landestheater (TLT) Innsbruck fand nun durch das Engagement seines Intendanten, Johannes Reitmeier, der auch selbst Regie führte, die österreichische Erstaufführung der Oper „Liliom“nach dem gleichnamigen Schauspiel des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár (1878-1952) und der Musik der öst. Komponistin Johanna Doderer sowie dem Libretto von Josef E. Köpplinger statt. „Liliom“ erlebte erst am 4. November 2016 als Auftragsarbeit des Staatstheaters am Gärtnerplatz München seine erfolgreiche UA. Köpplinger ist dort Intendant. Man spielte die Oper in der Münchner Reithalle, weil sich das Gärtnerplatztheater in der Renovierung befand. Köpplinger hielt sich mit seinem Libretto dicht am Original von Molnár und schrieb nur einen Teil des Textes neu, um bisweilen einen für den Opernstoff relevanten abweichenden dramaturgischen Verlauf zu erreichen. Seine Wunschkandidatin für die Komposition war die 1969 in Bregenz geborene Johanna Doderer, die mit ihm in drei Jahren die Oper schuf. Dabei blieb sie vollkommen tonal, eher eine Seltenheit bei heutigen Opernkompositionen. In einem äußerst lesenswerten Interview mit Ingrid Lughofer im sehr gut gemachten Programmheft meint Doderer: „Ich glaube, dass das Verweigern der Tonalität nichts mit Modernität zu tun hat.“ Ein überaus bedenkenswertes Statement!

Nach dem UA-Erfolg in München war auch in Innsbruck eine sehr bemerkenswerteNeuinszenierungzu erleben. Das trifft für das ebenso eindrucksvolle wie sinnhafte Bühnenbild von Thomas Dörfler und die fantasievollen Kostüme von Michael D. Zimmermann bei intelligenter Lichtregie von Ralph Kopp zu, wie auch für die gesangliche und orchestrale Seite. Susanne Bieler sorgte für die dramaturgische Unterstützung. Dörfler zeigt eine interessante Tunnelkonstruktion, die sofort an den legendären Tunnel-„Ring“ von Götz Friedrich an der Deutschen Oper Berlin aus den 1980er Jahren erinnerte. Themenähnlich ging es ihm damals auch um eine spiralartige Interpretation der Wagnerschen Tetralogie, die in Friedrichs Interpretation keinen Anfang und kein Ende hat – und so ist es auch mit dem „Ringelspiel“ in „Liliom“, wie ja schon der Name sagt. Im zweiten Teil nach der Pause wurden die fünf Ringe dieses Tunnelgebildes gegeneinander versetzt und bildeten damit tatsächlich fünf Ringe, die noch direkter auf das „Ringelspiel“ verwiesen, das nun wieder mit einem ganz neuen Kapitel im Leben von Julie, ihrer Tochter und den Freunden beginnen konnte.

 Stefan Klingele dirigierte mit viel Gefühl und Verständnis der komplexen Partitur, die bisweilen an Korngold, Schreker, Weill und andere erinnert, das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck. Nach eigener Aussage hatte sich Doderer ja intensiv mit anderen Komponisten auseinandergesetzt, insbesondere mit Giacomo Puccini, dem Molnár übrigens einen Kompositionsvorschlag verweigerte, weil er befürchtete, es würde dann nur noch als ein Werk von Puccini wahrgenommen. Doderer setzt die Tonalität sehr facettenreich ein, insbesondere, um emotionale Momente musikalisch zu charakterisieren, auch durch die Verwendung von Leitmotiven. Manchmal spielt nur das Klavier, dann wieder handelt es sich vornehmlich um Sprechgesang. Dur wechselt schnell mit Moll. So ist die mürrisch auftretende Frau Muskat zu signifikanten Teilen eine Sprechrolle. Immer aber ist die Stimmung des jeweiligen Moments, so auch der großen Chorszenen auf der Schaubühne, eindrucksvoll und stimmungsgerecht getroffen, sodass die Komposition mit den Gesangs- und Sprechstimmen nicht immer unbedingt musikalisch, aber in der emotionalen Wahrnehmung von Gesang, Stimmen und Musik zu einer Einheit wird. Und das ist schon große Kunst.

Michel Roberge hatte den stimmstark singenden Chor und Extrachor des TLTbestens einstudiert. Die beherzt singenden und als Clowns auftretenden Wiltener Sängerknaben standen unter der Leitung von Johannes Stecher. Die Clown-Ästhetik herrschte überhaupt auf der Schaubühnevor, wobei auch schwarze und weiße Luftballons vorkamen, die bisweilen metaphorische Bedeutung erlangten.Mit einer eindrucksvoll feinzeichnenden Personenregie und Dramaturgie schaffte Regisseur Reitmeier den Spagat zwischen der Darstellung der dem „Ringelspiel“ verpflichteten Schaubühnen-Ästhetikim leicht futuristisch stilisierten Wurstel-Prater-Stil und der menschlich berührenden Tragik der Beziehung des „Titelhelden“ zu seiner Freundin Julie und der gemeinsamen Tochter Luise (Wozzeck lässt hier grüßen). Wegen seines Selbstmordes hat er diese während ihres Heranwachsens bis zum 16. Lebensjahr nicht erlebt. Besonders der zweite Teil, in dem also Liliom wieder zur Erde zurückkehrt und als Bettler auf seine Familie trifft, die ihn naturgemäß nicht erkennt, aber dennoch etwas ahnt, ist sowohl dramaturgisch wie auch musikalisch sehr berührend. Skurrilität wechselt thematisch nachvollziehbar mit tragischer Sozialrealität ab. Und selbst die vordergründig härteste weibliche Hauptrolle, Frau Muskat, die mich mit dieser Rolle immer wieder an die späte Astrid Varnay erinnerte, zeigt bei Reitmeier noch menschliche Züge…

Eine starke Szene war die Beurteilung der Selbstmörder durch den Polizeikonzipisten Joachim Seipp, der kraftvoll und bestens begründet darüber entschied, wer von ihnen noch einmal auf die Erde zurückdurfte, um wichtige menschliche Angelegenheiten zu regeln. Nachdem der Jude Dr. Reich noch einmal zurück durfte, um seinem Sohn Lebewohl zu sagen (aber nicht um seinen finanziellen Verbindlichkeiten zuregeln) musste der Polizeikonzipist mit seinen Polizisten Florian Stern (auch Erster Detektiv) und Johannes Maria Wimmer (auch Zweiter Detektiv) Liliom quasi auf die Erde zurückprügeln, da dieser sich im Tode ganz wohl fühlte. Aber als er von seiner Tochter hört, will er nochmal hinab. Die einfache Sprache Köpplingers erlangt hier gleichwohl große Tiefe und Aussagekraft.

Eine sarkastisch humoristische Einlage bietet der dritte Selbstmörder, der sich offenbar erhängt hat und nun auf seine „Rückkehrgenehmigung“ wartet. Als die Abfertigung von Dr. Reich (skurril: Dale Albright, auch Linzmann) und erst recht jene von Liliom so lange dauerten, zog er mit seiner Riesenschlinge um den Hals frustriert von dannen, noch bevor sein Fall überhaupt angesprochen wurde… Doderer sagt im Interview auch, dass ihr Momente zum Lachen wichtig seien, was ihr nicht nur hier gelungen ist und im Übrigen auch ihren Wunsch erkennen ließ, eine Opera buffa  zu schreiben. Interessant wird auch in der Oper der von Molnár so betonte Aspekt inszeniert, dass der Selbstmörder aus großem Egoismus handelt und die Folgen seines Ablebens für die ihm Nahestehenden, möglicherweise sogar von ihm Abhängigen – wie hier in „Liliom“ – gar nicht bedenkt, bzw. außer Acht lässt. Eine wichtige Lehre dieses Stücks, die Köpplinger und Doderer brillant herausgearbeitet haben.

Daniel Prohaska (Liliom), Judith Spießer (Julie)Foto Rupert Larl
Daniel Prohaska, Judith Spießer. Foto: Rupert Larl

Daniel Prohaska, der auch schon die UA sang und wohl der einzige Sänger auf der Welt ist, der den Liliom drauf hat, gab eine beeindruckende Charakterstudie des „Strizzi“ und „Hallodri“ mit guten menschlichen Eigenschaften, und bisweilen heldisch schlanken tenoralen Klängen. Judith Spießer war ihm eine Julie auf Augenhöhe mit bestens intonierendem, leuchtendem Sopran und hervorragenden sowie empathischen Qualitäten. Sie zeigte nachvollziehbar die Entwicklung vom jungen unbedarften eitlen Ding auf der Schaubühne zur reifen und verantwortungsvollen Frau, die sich rührend um ihre vaterlose Tochter und Umgebung kümmert. Auch Sophia Theodorides als ihre Freundin Mariebestachdurch eien klangvollen Sopran. Susanna von der Burg war eine boshafte, neidvolle und vom Leben wohl frustrierte Frau Muskat, die neben einer ausdrucksvollen Sprache auch gesanglich überzeugte. Alec Avedissian gab einen etwas and Verdis Sparafucile erinnernder Ficsur, den er mit einem kraftvollenBass sang. Anna-Maria Kalesidis gab eine naive Luise alsTochter Lilioms und Julies, mit einem schönen hellen Sopran. Ruth Müller war eineresoluteFrau Hollunder. Unnsteinn Árnason spielte als Wolf Beifeld einen gekonnt langweiligen Ehemann Maries mit gut artikulierendem Bass. Bedauernswert war Stanislav Stambolov als bei Julie nicht landen könnender Drechsler mit guter Stimme. Michael Gann war der Ärmlichgekleidete und Jannis Dervenis Ein Alter Schutzmann.

Großer Beifall des Publikums im nicht voll besetzten Haus, gerade auch für das leading team, die Komponistin und den Librettisten. Erlebenswert! Und Johannes Reitmeier hat nun nach dem „Tannhäuser“ und dem „Rienzi“ die dritte eindrucksvolle Regiearbeit abgeliefert, die ich am TLT erleben konnte. Es bleibt unter seiner Leitung auf gutem Kurs!

Weitere Aufführungen bis 22. Mai 2019, ausgerechnet Richard Wagners Geburtstag…

 Klaus Billand

 

 

 

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