Innsbruck: „ELEKTRA“ 9.7.2023 – furioser Saisonausklang

Johannes Reitmeier verabschiedete sich vom Innsbrucker Publikum: Foto: Emanuel Kaser
Die äußerst erfolgreich verlaufene Spielzeit 2022/23 des TLT sowie das Ende der elf Jahre währenden Intendanz von Johannes Reitmeier fand in einer aufwühlenden Aufführung von Richard Strauss‘ blutiger Familientragödie ihren würdigen Abschluss. Ein bis auf den letzten Platz gefülltes Haus lauschte dem hundertminütigen, unentrinnbaren Werk mit größter Aufmerksamkeit. Es war wirklich „kein Laut zu vernehmen“, um Salome zu zitieren. In Reitmeiers spannender, teilweise sehr realistischer Inszenierung (mit manch entbehrlichen, weil ablenkenden Zutaten) gab es einige interessante Neudeutungen zu entdecken. Alle Angehörigen der fluchbeladenen Atridenfamilie sind stark traumatisiert, suchen jedoch immer wieder, wenn auch nur in knappen Gesten, die Nähe zueinander. Von großer Eindringlichkeit gelangen die zwei Kernszenen der Oper – die Auseinandersetzung Elektra mit Klytämnestra sowie die lange herbeigesehnte Wiederbegegnung der beiden Geschwister Elektra und Orest. In Reitmeiers Deutung erscheint Orest nicht als strammer Recke, sondern als psychisch Gebrochener, der von seinem Begleiter zu den beiden Rachemorden förmlich angetrieben wird. Nach Aegisths Tod ist Elektras Leben verwirkt, wie angewurzelt steht sie da, hat nicht mehr die Kraft zum finalen Siegestaumel (der dafür von Chrysothemis vollzogen wird) und stürzt sich, nach einer Umarmung von Orest, in dessen Schlachtmesser.
„Sie schlugen Dich im Bade tot“ – Bühnenbildner Thomas Dörfler schuf ein geräumiges, in die Jahre gekommenes ockerfarben gekacheltes Bad, in welchem sich Elektra zurückgezogen hat und in dem die Mägde das Blut der Schlachtopfer kübelweise entsorgen. Die Dienerschaft trägt grüne, zeitlose Einheitskleidung, während die „Royals“ in Violett auftreten (Kostüme: Michael D. Zimmermann). Gesungen wurde auf sehr hohem Niveau. Für die äußerst anspruchsvolle Titelrolle konnte das TLT die estnische Sopranistin Aile Asszoni gewinnen, die in dieser Saison quasi ein Monopol auf diese Rolle zu haben scheint (vor Innsbruck sang sie diese Partie in Neuinszenierungen in Erfurt und Frankfurt). Mit ihrem wuchtigen, unforcierten, nie scharf klingenden, „geerdeten“ Sopran und ihrem leidenschaftlichen Spiel begeisterte sie auch das Tiroler Publikum. Endlich einmal keine „Brüll-Elektra“, sondern ein durch äußere Umstände zutiefst verletzter Mensch steht da auf der Bühne. Eine großartige Leistung! Mit jugendlichem Jubelglanz in ihrer Stimme und sympathischem Spiel gewann Magdalena Hinterdobler (Chrysothemis) die Herzen der Zuhörer im Sturm. Mit der Verpflichtung von KS Angela Denoke als Klytämnestra gelang dem TLT ein besonderer Coup. Frau Denoke, die ihr Rollendebüt zuvor an der Pariser Oper gegeben hat, vermied optisch wie stimmlich jegliches Rollenklischee – eine prachtvoll anzuhörende und prächtig anzusehende Königin beherrscht die Bühne und überrascht mit ihrem merklich tiefer gewordenen, immer noch tadellos funktionierenden Sopran. Andreas Mattersbergers ungewohnte, jedoch sehr einleuchtende Interpretation des Orest wird durch seinen wunderschönen Bass veredelt. Seine Gestaltung der Rolle hat mich selten so berührt wie in dieser Produktion. Florian Stern in der undankbaren Partie des Aegisth erwies sich erneut als stimmpotenter, ins „gehobene“ Charakterfach tendierender Tenor. Dem restlichen Bühnenpersonal gebührt ein pauschales Lob, hervorzuheben sind Jennifer Maines (Aufseherin), Abongile Fumba (1. Magd mit tollem Alt!), Susanna von der Burg (4. Magd), Annina Wachter (5. Magd) sowie Oliver Sailer (Pfleger – hier Begleiter des Orest).

Foto: Brigitte Gufler
Die von Richard Dünser neu geschaffene reduzierte Orchesterfassung klingt erstaunlich farbenreich und üppig und bot dem in bestechender Form aufspielenden Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter dem die „schönen Stellen“ etwas zu sehr auskostenden Dirigat von Lukas Beikircher die Gelegenheit, sich vorteilhaftest zu profilieren.
Großer, begeisterter Jubel für alle Beteiligten, der zum Orkan anschwoll, als Johannes Reitmeier die Bühne betrat, um sich vom Tiroler Publikum zu verabschieden. Wann wird es derartige Opernabende am TLT wieder geben?
Dietmar Plattner

