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INNSBRUCK/ Tiroler Landestheater: DER KONSUL von Giancarlo Menotti – aktuell wie kaum jemals zuvor. Premiere

04.02.2018 | Oper

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Anna Maria Dur (Mutter Sorel), Susanna von der Burg (Magda Sorel), Avec Avedissian (John Sorel). Copyright: Rupert Larl/Tiroler Landestheater

INNSBRUCK/ Tiroler Landestheater: DER KONSUL von Giancarlo Menotti – aktuell wie kaum jemals zuvor!  Premiere am 3.2.2018

Obwohl in der laufenden Saison noch drei Opernproduktionen am TLT ausstehen („Martha“, „Rienzi“, „Der Stein der Weisen“), eines ist gewiss: die Innsbrucker Erstaufführung von Gian Carlo Menottis „Der Konsul“ ist bereits Anwärter für den „Lorbeerkranz der Spielzeit 17/18“: für den Mut und die Notwendigkeit, dieses  so bestürzend aktuelle Hauptwerk Menottis von 1950 auf den Spielplan zu setzen sowie die großartige musikalische und szenische Realisation durch ein fabelhaftes Team.

Das Multitalent Menotti (Komponist, Librettist, Regisseur, Theaterleiter) wollte seine mit dem Publitzerpreis ausgezeichnete Oper „The Consul“ als eine „Anklage gegen Tyranei in jeglicher Form“ verstanden wissen. In drei packenden Akten erzählt er die Geschichte von einem sich auf der Flucht befindlichen Widerstandskämpfer (John Sorel)  und dessen Familie, die alle an der unmenschlichen Bürokratie scheitern und daran zugrunde gehen. Menottis ganze Sympathie gilt Magda Sorel, Johns Gattin. Eine starke Frau, die bedrängt von der Geheimpolizei, tagein, tagaus am Konsulat anzutreffen ist, um ein Visum für sich, ihre Schwiegermutter und ihr Neugeborenes zu erflehen, jedoch an der Sekräterin des Konsulats, dieser menschlichen Mauer, abprallt. Als es ihr endlich gelingt, zum Konsul vorzudringen, muss sie erkennen, dass dieser mit dem Geheimdienst zusammenarbeitet. Der letzte Funke Hoffnung ist erloschen, sie sieht, nachdem zwischenzeitlich  Kind und Schwiegermutter gestorben sind, keinen anderen Ausweg, als ihrem aussichtslosen Leben ein Ende zu setzen.

Menottis Musik wurde von seinen Zeitgenossen gelobt, aber auch gescholten – sie sei zu konservativ, zu „gefällig“. In der Tat, Menotti selbst sah sich eher als Erbe Puccinis, mehr als Zeitgenosse eines Kurt Weills oder Samuel Barbers als ein sich in den Kanon der Zwölftöner Einreihender. Aus heutiger Sicht verdient Menottis Musik rehabilitiert zu werden – im Einklang mit der selbst verfassten Textvorlage gelang ihm ein hochstehendes Gesamtkunstwerk. Neben spätromantisch anmutenden Arien ertönen wunderschöne Ensembles (Terzett und Quintett im 1. Akt vor allem).  Der etwas zu geschwätzig geratene Auftritt des Zauberers lässt sogar Melismen Rossinischer Prägung erkennen.

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Das Konsulat. Von links nach rechts: Unnstein Arnasson (Mr. Kofner), Jennifer Maines (hinten, Sekretärin), Felicitas Fuchs-Wittekindt (Italienerin), Judith Spiesser (Anna Gomez) und Susanna von der Burg (Magda Sorel). Copyright: Rupert Larl/Tiroler Landestheater
Auf eine Fixierung von Ort und Zeit hat der Komponist verzichtet und darauf stützt  sich das Regieteam. René Zisterer, international geschätzter Regisseur aus Tirol, bringt die emotional geladene Handlung klar, ergreifend, ohne rührselig zu werden, in optimaler Übereinstimmung mit der Musik auf die Bühne. Da gibt es nichts unnötig Zeitgeistiges, keine Überaktion, kein das Geschehen Ablenkendes. Das Bühnenpersonal agiert absolut glaubwürdig und lässt den gespannt das Geschehen verfolgenden Zuschauer atemlos am Bühnengeschehen teilhaben.  Mehr Lob für eine exquisite Regiearbeit kann nicht vergeben werden.  Agnes Hasun unterstützt ihn mit optisch sehr ansehnlichen, praktikablen Bühnenbildern (besonders gelungen das Kälte und Abweisung ausstrahlende Konsulat). Michael D. Zimmermanns kleidsame, farblich bestens harmonierende Kostüme beweisen einmal mehr den edlen Geschmack ihres Schöpfers.

Susanna von der Burgs Magda ist das singschauspielerische Kraftwerk des Abends. Unglaublich, wie diese vielseitige Sängerin, die von Mozart bis Reimann so ziemlich alles abzudecken vermag, was für einen jugendlich-dramatischen Sopran geschrieben wurde, immer wieder Neues, Überraschendes an Gesangs- und Gestaltungskunst auf die Bühne bringt. Ein Ereignis! Als gefühlskalt wirkende, schlussendlich doch Menschlichkeit zeigende Sekretärin brilliert Jennifer Maines ebenso wie Anna Maria Dur (Mutter Sorel) mit sensiblem Gesang und einfühlsamem Spiel. Mit ausnehmend schönen, frischen Stimmen erfreuen Avec Avedissian (John Sorel), Unnstein Arnason (Mr. Kofner), Felicitas Fuchs-Wittekindt (Italienerin), Judith Spiesser (Anna Gomez) sowie Camilla Lehmeier (Vera Boronel).  Joachim Seipp (am Premierenabend Assan, in späteren Vorstellungen alternierend als John Sorel eingesetzt) besitzt ungebrochene Stimmpotenz, Dale Albright serviert ein Kabinettstück als Zauberer Magadoff.

Uwe Sandners Begeisterung für Menotti übertrug sich auf das vorzüglich aufspielende Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und war maßgeblich am großartigen Erfolg des Abends beteiligt. Das Publikum (fast ausverkauftes Haus) ließ sich vom Dargebotenen begeistern und spendete dem betroffen machenden Stück ungewöhnlich heftigen, lang anhaltenden stürmischen Applaus. Mit besonderen Ovationen bedacht wurden die Damen von der Burg und Maines, Uwe Sandner und das Regie-Team. Eine Produktion, die es verdient, mehrmals besucht zu werden.

Dietmar Plattner