Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

INNSBRUCK/ Haus der Musik/Kammerspiele: ATALANTA von Georg Friedrich Händell Premiere

22.08.2026 | Oper in Österreich

INNSBRUCK/ Haus der Musik, Kammerspiele – ATALANTA von G.F.Händel

Première am 21.August 2026 (Susanne Kosesnik-Wehrle)

ata

Im April 1736 komponierte Händel aus Anlass der Hochzeit des Thronfolgers Frederik Louis von Hannover (dem Mitbegründer der „Opera of the Nobility“, welche Händels „Royal Academy of Music“ schwere wirtschaftliche Konkurrenz machte) mit Augusta von Sachsen – Gotha-Altenburg, Prinz und Prinzessin von Wales, in nur drei Wochen die Pastorale „Atalanta“. Dem folgten zwei Wochen Probenzeit, die Aufführung war offenbar ein Erfolg, auch wegen der fulminanten Ausstattung. „Atalanta“ brachte es im Sommer 1736 auf acht Aufführungen, denen im November 1736 auf Wunsch des Kronprinzen zwei weitere folgten. Danach verschwand das Werk für sechs Solisten (und Chor) in der Versenkung und wurde erst 1970 wieder aufgeführt. Nur wenige – ältere – Gesamtaufnahmen auf CD gibt es, die man zumeist nur ausschnittsweise auf Youtube findet. Lediglich die Auftrittsarie des Meleagro „Care selve“ ist für Arienplatten bzw. -CDs von großen Sopranen wie Battle, Fleming und Caballe aufgenommen worden.

Dass diese als “Pastorale“ kategorisierte Oper selten gespielt wird, dürfte an der für drei Akte sehr dürftigen Handlung liegen: König Meleagro, zwecks Erholung verkleidet als Hirte „Tirsi“ (Sopran, 1736 von einem höhensicheren 22jährigen Soprankastraten G. Conti, genannt Giziello, gesungen), sowie Prinzessin Atalanta, als Jägerin „Amarilli“ verkleidet (ebenfalls Sopran), sind im Wald Arkadiens unterwegs und ineinander verliebt, ohne zu wissen, wer der jeweils  andere tatsächlich ist. Sie treffen auf den Schäfer Aminta (Tenor) und dessen kratzbürstiger, weil über seinen Mitgiftwunsch gekränkten Verlobten Irene (Alt) sowie deren Vater Nicandro (Bariton). Zweieinhalb Akte lang kommen die Paare aus Schüchternheit, Unsicherheit, Eifersucht, Trotz und vermeintlichen Standesunterschieden nicht zueinander, dann löst sich alles in Wohlgefallen, und als verspäteter Deus ex machina – der nichts mehr zu retten hat – tritt Merkur auf, bevor mit einem (sehr) langen Jubelchor die Pastorale zu Ende geht. Aus der Geschichte geht subkutan hervor, dass Väter in Liebesdingen ihrer Töchter immer Recht haben, Atalantas Vater hat seine Tochter dem ihr unbekannten Meleagro versprochen, vor der Ehe mit dem Unbekannten hat sie sich eben in den Wald geflüchtet. Und Nicandro fordert bereits anfangs des 1. Akts seine Tochter Irene auf, ihren Verlobten nicht länger zu quälen, sondern seine Liebe anzunehmen.

Nun wäre es vielleicht naheliegend, angesichts der wunderbaren Musik und nach heutigen Maßstäben unzureichenden Geschichte eine konzertante Aufführung anzubieten – außer man hat das Glück, einen Regisseur und Lichtdesigner wie François de Carpentries zu haben, der profunde Musikalität (er hat Klavier und Oboe studiert) mit umfassenden humanistischen Wissen und einem mittlerweile in seinem Beruf leider selten gewordenen Sinn für Ästhetik, sowie Phantasie mit handwerklichen Fähigkeiten verbindet. In der Werkeinführung hat er den sehr poetischen Text und die Ironie, die Händel gegenüber den Protagonisten ausdrückt, betont. Explizit hat er auf die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit Karine Van Hercke (Bühne, Kostüme und Dramaturgie) verwiesen, die leider am Einführungsgespräch nicht teilgenommen hat. Eine studierte Musikwissenschaftlerin, Semiologin und Pianistin, war sie zunächst Dirigentin, bevor sie sich der Kostümbildnerei zugewandt hat.

Beide nähern sich dem Werk und dem Komponisten mit Kenntnis und Respekt an, und haben eine wunderschöne und fesselnde Aufführung geschaffen. Da der Sänger des Mercurio, Bassbariton Pierre Gennaï, Jahrgang 2002, und 2025 mit dem Cesti-Nachwuchspreis ausgezeichnet, ein besonderes Bühnentalent ist, wurde (als offenbar einziger Eingriff in das Werk) seine Rolle ausgebaut, was der Geschichte einen guten Rahmen schafft – Merkur versucht als Sprechrolle zu Beginn eines jeden Aktes, in die Handlung einzugreifen. Vergebliche Liebesmüh ob der Unvorhersehbarkeit der Menschen. Seinen Text spricht Merkur als römischer Gott in Latein. Text und Übersetzung sind in den Übertitelungen mitzulesen, eine Freude für all jene, die gute Erinnerungen an ihren Lateinunterricht haben. De Carpentries erzählte in der Werkeinführung, dass der Vater von Pierre Gennaï als Latinist in Textgestaltung und die „richtige“ Aussprache einbezogen wurde.

De Carpentries und Van Hercke scheuen den Einsatz von Videos samt KI (Aurélie Remy) nicht, und zeigen dabei, wie diese Mittel künstlerisch sinnvoll und nicht überfrachtend im Musiktheater eingesetzt werden: Die Videos laufen im Hintergrund, KI wird vorwiegend für Farbwechsel und zarte Bewegung der Bilder von Bäumen, Wolken etc eingesetzt, aber stets in einer verträglichen Dosis. Im Vordergrund sind echte Requisiten wie ein Säulengang oder Tische für das Festbankett im 2. Akt in Verwendung.

Noch während des zweiten Teils der Ouvertüre (dennoch erträglich) wird ein Video des Kindes Atalanta mit Pfeil und Bogen gezeigt, die sie zielsicher auf eine als Braut gekleidete Barbiepuppe richtet – im ersten Akt ist dann der Wald Arkadiens als Video eingeblendet, ebenso der kalydonische Eber, den Atalanta erlegt. Die Sänger treten im 1. Akt in (von Mangas inspirierten), zeitlosen, optisch durchaus ansprechenden Hirten- und Jagdkostümen auf, und bereits der erste Auftritt von Meleagro, ausgezeichnet gesungen von Sarah Hayashi, zeigt Händels musikalische Größe.

Im 2. Akt wird die Erlegung des Ebers üppig gefeiert – in einem Festsaal in prachtvollen Barockkostümen und -perücken, die mit Weintrauben besetzt sind, inmitten von römischen Theatermasken. Eine wahre Augenweide. Dieser Akt bietet unter anderem ein wunderbares Duett zwischen Atalanta und Meleagro, sowie eine wunderbare, nachdenklich-melancholische Arie der Atalanta in Moll, aber auch eine sehr unterhaltsame Szene, in der Meleagro versteckt ein Liebesgeständnis von Atalanta belauscht, aber nicht den Mut findet, darauf ausreichend zu reagieren.

Im 3. Akt, der in Nacht spielt, und in der die Liebenden nach allen Missverständnissen zueinander finden, sind die Sänger in Nachthemden unterwegs, ein Anklang an den Midsummer Night‘s Dream. Hier hat dann nun endlich Mercurio gegen Ende seine einzige Arie, Gennaï tritt mit dem Gehaben eines Politikers auf, der anderen die Arbeit überlässt, aber alle Lorbeeren einheimsen will, und beweist nun nach seinen schauspielerisch überzeugenden Auftritten auch als Bassbariton Stimmschönheit und Virtuosität.

Sämtliche jungen Sänger und Sängerinnen – Jahrgänge zwischen 1994 und 2002 – bewältigen die hohen Anforderungen ihrer Partien in puncto typisch Händelscher Koloraturen und Verzierungen, langer Legatobögen und „geläufiger Gurgel“ ausgezeichnet. Silvia Porcellini ist eine berührende Atalanta, der die lyrischen Stellen, die diese Rolle zu bieten hat, besonders gut liegen. Justina Vaitkute als hantige Irene hat vorallem im 3. Akt Gelegenheit, die Tiefen ihres schönen, profunden Alts zur Geltung zu bringen. Auffallend schön auch das Timbre des Portugiesen Salvador Simão, Gewinner des Cesti-Wettbewerbs 2025. Ein absolut höhen- und koloratursicherer Tenor ohne störendes Vibrato, der nach zwei Akten Eselsgeduld als Hirte Aminta im dritten Akt humorvoll den Spieß umdreht und seine Irene doch noch erobert. Auch Peter Edge als Nicandro meistert seine eher kleine Rolle tadellos. Den meisten Applaus erhielt für ihren strahlenden Sopran Sarah Hayashi als Meleagro, der vielleicht bravourösten Partie, die in der ihr perfekt gelungenen Arie „Non sarà poco“ bis zum c‘‘‘ geht, eine Seltenheit bei Händel. Erfreulich auch, dass die Sopranstimmen von Hayashi und Porcelli in den Duetten bestens harmonieren.

Last but not least zu nennen ist das Orchester der Schola Cantorum Basilisenis unter Andrea Buccarella, sehr gut und sängerfreundlich einstudiert, ein exzellentes Barockorchester mit unter anderem besonders schönen Streicherklang. Einziger Wermutstropfen war die unüberhörbare elektronische Verstärkung jedenfalls des Cembalo (und ich denke auch der Theorbe), das als Continuo an Lautstärke teilweise das restliche Orchester übertönte. Die Aufführungen werden für eine CD aufgenommen, und so hoffe ich, dass die Microports, die alle Sänger trugen, nur zu Aufnahmezwecken – und nicht etwa zur Stimmverstärkung – eingesetzt wurden. Angesichts der überhand nehmenden elektronischen Unterstützung in immer mehr Opernhäusern hätte ich mir diesbezüglich eine transparente Aufklärung im ansonsten sehr informativen Programmheft gewünscht.

 

Weitere Aufführungen noch am 25. und 26.8.2026 (derzeit ausverkauft)

Susanne Kosesnik-Wehrle

 

Diese Seite drucken