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INFOS DES TAGES (SONNTAG, 15. FEBUAR 2026)

15.02.2026 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (SONNTAG, 15. FEBUAR 2026)

WIEN/ Ehrbar-Saal

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Innen, die Außerirdischen!

Verzeihen Sie, ich muss Sie mit einer Anekdote, die ein bisschen ins Persönliche (meines Redakteurs) reicht, behelligen.
(Ich mein’, bitt’schön, erlau’m S’ mir das!)

Der damals junge Mann hat ein paar Stunden Musikwissenschaft in seinem Wahlfach (eines anderen „Orchideenfachs“) belegt und bei der Gelegenheit den großartigen Musikethnologen Gerhard Kubik als Lehrenden kennengelernt. Africa and the Blues war der Titel der Lehrveranstaltung (das gleichnamige Buch gibt es immer noch zu kaufen). Prüfungen durfte man in ca. zwölf Sprachen, inklusive ein paar originär afrikanischer und Latein, ablegen. Und einmal hieß es: „Heute kommen die Außerirdischen.“ Wer kam? Ein ORF-Filmteam. Mit Kameras, Leuchten und Tonangeln. 
— Gerhard Kubik wusste selbst, was es bedeutet, ein Außerirdischer zu sein: Diese außergewöhnliche Aufnahme aus Malawi von 1967 etwa (Youtube-Link) hat er angefertigt. —

Letzte Woche in mir: „Außerirdische“!
Sie haben sich entwickelt!
Arbeiten jetzt für Google.
Haben andere Kameras, arbeiten mit anderen Optiken, mit Fotogrammetrie und KI. Und, was kommt ’raus? 

Tadaa! Ein Porträt von mir. Innen. Weil, außen bin ich ja nicht.

Wollen Sie sehen? Ja? Hier, bitteschön (Triggerwarnung: sehr rot!):
Ich, Ihr Ehrbar Saal … in 3D (Link) 

Wie schade, dass sie schon wieder weg sind, die Außerirdischen!
Die wissen ja gar nicht, was für wunderschöne Konzerte sie verpassen:  
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STADTTHEATER BADEN: THE SOUND OF MUSIC von Rogers & Hammerstein am 11.2.2026

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Foto: Robert Quitta)

 Von den drei Produktionen, die Neo-Intendant Andreas Gergen in Baden selbst inszeniert hat, ist. The Sound of Music (nach Wicked und Matilda) wohl die rundum gelungenste.

Und das liegt natürlich auch in erster Linie am Stück. Sound of Music ist – allen jahrzehntelangen anti-amerikanischen Ressentiments (kitschig, schnulzig, nicht realistisch, war gar nicht so) – ein absolutes Meisterwerk. Ein geniales Buch (mit von Anfang bis zum Ende schlüssig gestalteten Motiven – wie zb. den Bergen), witzige Dialoge, in den weltweiten Wortschatz eingegangene Liedtexte und die schon fast gemeingefährliche Ohrwurmhaftigkeit der Songs von Richard Rogers.

Der tieferliegende Grund für den bis heute anhaltenden globalen, Milliarden von Menschen bewegenden, Erfolg scheint mir aber zu sein, dass The Sound of Music eine überwältigende Hymne auf die Kraft der Musik ist: auf ihren Triumph über die pathologische Trauer, das Unglück, das Verbrechen, das Böse und sogar den Tod-

The Sound of Music ? The Sound of Life !

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Foto: Bühne Baden/ Christian Husar

Musikalisch und darstellerisch ist diese Aufführung ein Fest. Katherina Gorgi ist eine vor Lebenslust, Naturverbundenheit und allumfassender Liebe nur so strotzende glockenhelle Maria, Lukas Perman überzeugt als ernster und gefasster Baron von Trapp, Maya Hakvoort als gestrenge, aber mitfühlende Mutter Oberin. Und die sieben Kinder sind überhaupt ein Wahnsinn, vor allem auch die zwei jüngsten, kaum erst geschlüpften. In der Sprechrolle der Haushälterin überrascht ÖBB-Stimme Chris Lohner äußerst positiv. Hervorragend auch die Choreographie vom Kim Duddy und die musikalische Leitung von Michael Zehetner.

Leichte Einschränkung betreffen vor allem das Bühnenbild von Court Watson.Der von Statisten hereingeschobene Plastikgrashügel ist einfach nur lächerlich und abtörnend.

Und der Ansatz, aus dem Film bekannte Kulissen (Treppe im Herrenhaus, ein halber Pavillon etc.) mit weitaus geringeren Mitteln ein bissl nachzubauen, kein glücklicher.

Da hätte man einen eigenen optischen Weg gehen müssen.

Überflüssig bis ärgerlich auch die „zeitgeschichtlichen“ Ergänzungen, auf die Struppeck/Gergen so stolz sind wie z.B. die hinzugefügte Anfangsszene, in der halbbegabte Statisten hinter einem Gaze-Vorhang GIs mimen, die mit Machinengewehrattrappen 1945 Salzburg einnehmen. Liebe Freunde aus dem Norden, sogar wir Ösis haben mittlerweile kapiert, dass die Nazis keine Guten waren. Aber tanzende SA-ler, braune Hemden, Hakenkreuzarmbinden und ein bühnenfüllendes Hakenkreuz fallen ästethisch gesehen nicht unter Aufklärung, sondern unter Wiederbetätigung. Dieses musikalische Meisterwerk trägt das alles ganz allein auch ohne !

Wie man sehr gut auch bei dem hingezügten Schluss-Schluss sehen konnte: denn nach dem tosenden Applaus und den begeisterten Standing Ovations kommt das riesige Ensemble noch einmal auf die Bühne, und Lukas Perman fordert uns Zuschauer auf, gemeinsam mit ihnen Edelweiss zu singen. Was man zuerst für einen populistischen Gag à la Radetzkymarschmitklatschen hält, wird zum abschliessend bewegendsten Moment des ganzen Abends. Das geniale Lied drückt auf subtilste Weise genau das aus, was vorher die Antifa-Mätzchen vergeblich versucht haben zu erreichen. Die Tränen flossen in Strömen. Dieses Finale widmete ihnen Kleenex.

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Foto: Bühne Baden/ Christian Husar

 PS: Es gibt ja die verbürgte Anekdote, dass Rudolf Sallinger, als er bei einem Staatsbesuch Präsident Reagan einen Lipizzaner schenkte, von der anwesenden Militärkapelle mit „Edelweiss“ begrüsst wurde, weil man das für die Österreichische Nationalhymne hielt. Nachdem sich Andy Herzog gerade wieder einmal wortreich darüber beklagt hat, dass wir mit unserer derzeitigen langweiligen keinerlei Chance gegenüber den fetzigeren Hymnen anderer Länder haben, sollte man doch vielleicht ernsthaft überlegen, Edelweiss auch offiziell zur Nationalhymne zu erheben. Unterschreibt das diesbezügliche Volksbegehren!

 Robert Quitta, Baden bei Wien

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Sonaten für Geige und Klavier von Beethoven bei Ars

Ludwig van Beethoven  (1770-1827) :
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 –  Sonaten Für Violine und Klavier vol.1 : Sonate Für Violine und Klavier in D-Dur Opus 12 Nummer 1  ; Sonate Für Violine und Klavier in A-Dur Opus 12 Nummer 2; Sonate Für Violine und Klavier in Es-Dur Opus 12 Nummer, Sonate Für Violine und Klavier in G -Dur Opus 30 Nummer 3 . Nora Chastain, Geige; Friedemann Rieger, Klavier. 2006. Büchlein in Deutsch und English. 72:53. ARS 38 441. 

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  • Sonaten Für Violine und Klavier vol.2 : Sonate Für Violine und Klavier in A-Moll Opus 23; Sonate Für Violine und Klavier in F-Dur Opus 24 genannt Frühlingsonate; Sonate Für Violine und Klavier A-Dur Opus 47 genannt Kreutzer-Sonate, Nora Chastain, Geige; Friedemann Rieger, Klavier. 31.12.2005. Büchlein in Deutsch und English. 74:18. ARS 38 443
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  • Sonaten Für Violine und Klavier vol.3 : Sonate Für Geige und Klavier in A-Dur Opus 30 Nummer 1 ; Sonate Für Geige und Klavier in C-Moll opus 30 Nummer 2; Sonate Für Geige und Klavier in G-Dur Opus 96 Nora Chastain, Geige ; Friedemann Rieger, Klavier. 31.12.2005. Büchlein in Deutsch und English. 74:18. ARS 38 443. 

 Das Plattenlabel Ars veröffentlichte zwischen 2005 und 2006 die Gesamtaufnahme der Sonaten für Violine und Klavier von Beethoven mit der Geigerin Nora Chastain und dem Pianisten Friedemann Rieger. Der größte Vorzug dieser drei CDs ist, dass beide Instrumentalisten gleichberechtigt aufgenommen wurden, sodass man sie ohne Hervorhebung des einen oder anderen hören und sich ganz auf das von Beethoven beabsichtigte harmonische Geflecht konzentrieren kann.

Beethoven komponierte seine Sonaten in seinen Dreißigern, also in relativ jungen Jahren. Der Zuhörer spürt hier deutlich seine Leidenschaft, die zu Virtuosität tendiert, obwohl sich bereits eine gewisse Behaglichkeit abzeichnet, eine Atmosphäre von Brahms‘ Kammermusik avant la lettre, insbesondere in den Sonaten des Opus 12. Dieser Anspruch an Virtuosität, der nach und nach nicht mehr nur glänzt, sondern brennt, entsteht durch die Arbeit an Tempi, Harmonien und Phrasierungen in einem Spiel von einer Mozart würdigen Feinheit.

Es ist nicht allzu gewagt, in der Spielweise der Instrumentalisten zu erkennen, dass sie zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen ungefähr im gleichen Alter wie der Komponist waren.  Das erklärt eine gewisse Eile in den Tempi von Opus 12, deren Schnelligkeit fast die Atmosphäre zwischen Intimität und Extimität vermissen lässt, eine Leidenschaftlichkeit, die sie dieser Beruhigung im Dialog wie in der Frühlingssonate oder den Sonaten von Opus 30 nahekommen lässt. Sie stört auch ein wenig die Kreutzersonate, die nur durch dieses Gleichgewicht einer diskreten Virtuosität wirklich glänzt.

Die Virtuosität, die sie jedoch bei der Aufführung dieses erfrischenden und schwungvollen Sonatenzyklus an den Tag legen, garantiert dem Zuhörer ein unvergessliches Hörerlebnis. Er wird das klare, kristalline und frische Spiel des Pianisten und die fröhliche Beweglichkeit der Geigerin zu schätzen wissen. Ebenso wird er ihren Dialog wie ein Kinderspiel genießen, das zunächst verspielt ist, dann in der Jugend reift und schließlich fast das Erwachsenenalter erreicht, indem es sich einer häuslichen Glückseligkeit nähert, die Brahms in seinen eigenen Sonaten für Violine und Klavier wieder aufgreift. Wie die Versionen von Oïstrakh mit Orborin oder von Clara Haskil mit Arthur Grumieux, in deren Fußstapfen sie stehen, machen sie jede seiner Sonaten zu einem eigenständigen Universum und umgeben sie gleichzeitig mit ihrem Ensemble. Der Zuhörer taucht also mit jedem Hören mit neuer Freude in diese drei CDs ein. Vielleicht werden sie in einigen Jahren, wenn ihre Hände reifer geworden sind, den Wunsch verspüren, diese Sonaten wieder aufzunehmen, um das gelobte Land zu erreichen.

Andreas Rey

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WIEN/ Theater Nestroyhof Hamakom: Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“

07.02.2026 | Ballett/Performance

WIEN/ Theater Nestroyhof Hamakom: Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“

 Halbtransparente Vorhänge verlegen Gewesenes und ferne Orte hinter einen Schleier. Die israelisch-österreichische Choreografin, Tänzerin, Pianistin, Komponistin, Sängerin und Lyrikerin Loulou Omer schaut in dieser so persönlichen Solo-Arbeit auf das, was sie prägte, erzählt ihre Geschichten und schreibt damit Geschichte. Der Aufführungsort, das Wiener Theater Nestroyhof Hamakom mitten im jüdisch geprägten Zweiten Wiener Gemeindebezirk, verführt die Zuschauenden zu schuldgefärbtem Tunnelblick. Doch weit gefehlt.

 Die Projektion des 1920 von Paul Klee gezeichneten „Angelus Novus“, einem „jungen Engel, der erst noch werden muss“, eröffnet einen Reigen aus multidisziplinären, ineinander verschränkten, überlagerten und dramaturgisch klug gesetzten künstlerischen Beiträgen. Klaviermusik, auch zwei Stücke ihres Großvaters, eigene Kompositionen und solche ihrer Söhne sowie von Henry Purcell erklingen, wie ihr Gesang mal live präsentiert und mal eingespielt (Sound: Gustavo Petek, Yasir Ipek).

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 Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Wir sehen Foto- und Video-Projektionen (Scenographie: Loulou Omer mit Sophie Baumgartner und Bartek Kubiak, von diesem auch Licht, Video und Bühnentechnik)  mit Motiven aus ihrer Kindheit, von kargen Landschaften (Tal Omer) und von Aufnahmen der vor den Nazis nach Israel geflüchteten und dort zu einer bedeutenden Tänzerin und Choreografin avancierten österreichisch-jüdischen Künstlerin Gertrud Kraus. Für Kostüm und Make-up ließ sich Sophie Baumgartner offensichtlich von dieser inspirieren, so wie Loulou Omer von deren Tanzsprache. Lyrik, eigene und ein Gedicht ihres Vaters, des israelischen Dichters Ayin Hillel, wird projiziert und rezitiert.

 Mit „HiStorieS – Angelus Novus“ webt Loulou Omer einen performativen Teppich aus eigenen Erinnerungen, Reminiszenzen an Vater, Urgroßvater, Gertrud Kraus und ihre Mutter, deren Schülerin und später Tänzerin in deren Kompanie, an ihre Ausbildung zur Pianistin, an ihre parallelen Karrieren als Lyrikerin und als Tänzerin und Choreografin. Das Material rekrutiert sie aus einer Fülle von Kunstformen, Sprachen und Ästhetiken.

 Gefügt in ein mehrdimensionales Bühnenbild schafft Omer einen Raum für Assoziationen, vollgepackt mit direkten und metaphorischen Verweisen. Ein viel zu großer Tisch hinter dem Vorhang zum Beispiel wird zum Symbol für physische und psychische Realitäten in der Kindheit. Später dann, als Tanz-Plattform, für Wachstums-, Reifungs- und Erkenntnis-Prozesse.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Gerahmt allerdings wird, auf einer Meta-Ebene, alles von der mehrfachen Auseinandersetzung des deutsch-jüdischen Kultur-Philosophen Walter Benjamin mit der Zeichnung Klees, die er 1921 auch käuflich erwarb. Benjamin, der 1940 im Alter von 48 Jahren auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord beging, deutet darin diesen Engel als Engel der Geschichte, der die vielen Katastrophen in der Geschichte der Menschheit als eine einzige begreift. Die Trümmerhaufen hinter sich zurück lassend treibt sich der Mensch mit dem, was er Fortschritt nennt, immer weiter weg vom Paradies.

 Unter diese poetisch-philosophische Deutung subsummiert Omer ihre so komplexe Arbeit und verleiht dem Individuellen damit eine universelle, ja spirituelle Bedeutung. Über die gegenseitige Durchdringung einer Fülle von akustisch-visuellen Abbildern und Wirklichkeiten generiert Omer ein integratives, die Deutung Benjamins fortentwickelndes Geschichtsbild, das die von der Geschichte vorgeschlagenen Reparaturleistungen der Gegenwart und ihren Menschen überantwortet. Womit sie deren Zukunft meint.

 „HiStorieS – Angelus Novus“ ist, dem Augenscheine nach, eine sehr persönliche Geschichte. Dieses Stück ist jedoch ein zutiefst emphatischer, liebevoller Blick auf das Menschsein im Allgemeinen. Obwohl ihre eigene Geschichte auch Resultat gewaltvoller Ereignisse ist, formuliert Loulou Omer eine Botschaft für den Frieden. Sie schlägt Projektion vor, eine, die diesen psychologischen Mechanismus auf eine höhere, die bewusste Ebene hebt und damit die Trennung zwischen dem Einzelnen und den Anderen überwindet. Aus einem Einzelschicksal wird kollektive Erfahrung, aus Nabelschau wird Empathie.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Das Stück ist wie eine melancholische Blaupause, die man über alle durch Krieg, Gewalt und Vertreibung verwundeten Kulturen, Vergangenheiten und individuellen Leben legen kann. Die viele Jahrhunderte währende leidvolle Geschichte der Juden, hier zeitlich konzentriert auf die letzten einhundert Jahre und heruntergebrochen auf Loulou Omers Geschichte und die ihrer Familie, ist konkret und Metapher zugleich.

 Den jüngsten Ereignissen in Palästina, in lyrischer und Liedform thematisiert, der Gewalt autoritärer Regime, ob islamistisch, kommunistisch oder alternativ-fundamentalistisch gerechtfertigt, vor allem aber der patriarchal induzierten Diskriminierung von Frauen gibt diese Performance Namen und Gesichter. Das Ausmaß der Traumatisierungen ist immens, die Bewältigung dieser eine riesige gesellschaftliche und individuelle Aufgabe.

 Loulou Omer schnürt hierzu ein Paket von künstlerischen, geistigen und emotionalen Werkzeugen.

Multidisziplinär, multilingual, multikulturell und, bei allem so persönlichen Bezug, das metaphorische Potential jeder der vielen Begebnisse, Anekdoten und Geschichten hebend. Und daraus wird Geschichte, geschrieben von einer, die sich ungefragt und doch aufgefordert von ihrem Gewissen und ihrer Empathie korrigierend einmischt in die Erzählungen der Mächtigen und Sieger.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Deren Vergessen und Verdrängen stellt sie ein individuelles, mithin kollektives Nicht-Vergessen und Nicht-Verdrängen als Antithese gegenüber. Der künstlerische Prozess wird zu einem heilenden. Er macht nichts ungeschehen, er integriert und wendet das Erlittene in Hingenommenes. Ohne Groll. Aus Ablehnung und innerem Widerstand wird konstruktive, schöpferische Kraft, aus lähmender Nostalgie wird bewusst gemachte Identität, aus Vergangenheit wird Wurzelwerk. Aus verbrannter Erde sprießt frisches Leben.

 Sie weist zudem auf die Gefahren hin, die unverarbeitete Traumata heraufbeschwören. Einstige Opfer werden selbst zu Tätern, die ihren Schmerz versuchen zu betäuben mit hingenommenem respektive aktiv zugefügtem fremdem Leid. Und sie formuliert Mahnung und Warnung. Sie kehrt uns am Ende den Rücken zu, Bilder ihrer Vergangenheit betrachtend. Benjamins Deutung des „Angelus Novus“ wird hier physische Realität.

 Sie schließt den Kreis. Am Anfang zeigt sie uns das Bild vom Engel. Am Ende zeigt sie dessen Geist. Dazwischen häuft sie Stück um Stück, aus Splittern nur, jenen emotionalen Trümmerhaufen, jene manifesten Katastrophen, die der Engel der Geschichte, seinen Rücken der Zukunft zugewandt, nur zu gern reparieren würde. Doch der Sturm des Fortschritts reißt ihn mit sich, fort von dem Ort, der Heilung noch erlaubte. Was bleibt, sind die Narben in Seelen und Geschichte, sind (ihre) Trauer, Schuld, Scham und Wut.

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Loulou Omer: „HiStorieS – Angelus Novus“ (c) Hanna Fasching

 Sie tanzt zwischen projizierten Flügeln. Sie durchbricht den Schleier. Sie überwindet die Trennung zwischen Gestern und Heute, zwischen dort und hier und zwischen Du und Ich. Sie selbst wird zum Engel der Geschichte. „HiStorieS – Angelus Novus“ ist die Geschichte einer Bewusstwerdung, einer Integration, einer Selbstermächtigung und Emanzipation. Sie erkennt, dass es möglich ist und sie tut es: Im Sinne der Benjaminschen Kritik an der messianischen Hoffnung auf Erlösung übernimmt sie Verantwortung, für ihre individuelle Geschichte und für die von uns allen. Sie baut aus Trümmern ein neues, ein anderes Haus. Für sich und für uns alle, mit all unseren Geschichten. Und sie lädt uns ein in jenes neue Heim. Sie lädt uns ein, so reich zu sein wie sie.

 Das handwerklich exzellent umgesetzte Stück voller poetisch-metaphorischer Kraft ist mehr als Wissen. Es geht viel tiefer. Es erzählt uns von den Ur-Sehnsüchten nach Frieden und Miteinander und von der Erfahrung, von ihrer und unserer. Es dringt einem in die Eingeweide, wühlt auf, macht Mut. Dazu nämlich, dass wir, wenigstens und endlich einmal wir, unserer Verantwortung für uns und unsere Zukunft gerecht werden. Indem wir unsere Geschichte schreiben, erlöst von allen ideologisch-religiösen Fesseln. Das ist ihre Hoffnung. Mehr noch: ihre Gewissheit. Weil wir es sind und wir es können.

Loulou Omer mit „HiStorieS – Angelus Novus“ am 05.02.2026 im Theater Nestroyhof Hamakom Wien.

 Rando Hannemann
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