In die Stille der Seelen des Publikums hören: Ein Gespräch mit Ricarda Merbeth

Ricarda Merbeth. Foto: Simon Pauly
Bei den Tiroler Festspielen Erl steht in diesem Frühjahr Richard Wagners „Parsifal“ auf dem Programm – ein Werk von großer spiritueller und musikalischer Tiefe. Im Zentrum steht Kundry, eine Figur zwischen Fluch und Erlösung, zwischen Rastlosigkeit und dem verzweifelten Wunsch nach Seelenruhe.
Mit Ricarda Merbeth übernimmt eine der profiliertesten Interpretinnen des deutschen Fachs diese vielschichtige Partie. Seit Jahrzehnten prägt sie die großen Wagner- und Strauss-Rollen auf internationalen Bühnen – von Isolde über Brünnhilde bis Elektra.
Als langjähriges Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper hat sie das Haus in fast 300 Vorstellungen über viele Jahre hinweg geprägt und ist ihm bis heute eng verbunden. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie 2004 ebendort in der Titelpartie von Richard Strauss’ „Daphne“. 2010 wurde sie im Haus am Ring zur Kammersängerin ernannt.
In Erl widmet sie sich – nach ihrem Rollendebüt in halbszenischen Vorstellungen in Bergen vor drei Jahren – erstmals szenisch der Kundry.
Wir haben die Sopranistin zu Beginn der Orchesterproben getroffen und mit ihr über ihren Zugang zu Kundry, ihre künstlerische Entwicklung und über die Herausforderungen eines Repertoires gesprochen, das zu den anspruchsvollsten der Opernliteratur gehört.
Sie sind gerade in Erl, wo Sie an Ostern die Kundry in „Parsifal“ singen werden. In welcher Phase der Proben treffen wir Sie gerade an?
Sie treffen mich inzwischen am Beginn der schönen Zeit der Orchesterproben an. Die Proben seit zwei Wochen machen mir sehr viel Freude, die Arbeit mit Asher Fisch ist wieder etwas ganz Besonderes und ich bin umgeben von einem wunderbaren Regieteam mit Annie Holste und Sebastian Kranner, die die Proben für Philipp M. Krenns Inszenierung leiten.
Kundry ist eine Figur zwischen Extremen – wie finden Sie Ihren persönlichen Zugang zu ihr?
Um den Zugang zu dieser vielschichtigen Partie zu finden, habe ich mich in Gesprächen zuerst viel mit Richard Wagners Schriften, mit Wolfram von Eschenbachs Parzival, mit den Mythen und Sagen und natürlich mit der Musik von Richard Wagner beschäftigt.
Wenn Sie Kundry in einem Satz beschreiben müssten – wer ist sie für Sie?
Ich versuche es.
Kundry ist im 1. Akt eine vom Fluch Gequälte, Lebensmüde und doch Helfen-Wollende bei den Gralsrittern, im 2. Akt eine von Klingsor aus dem Tiefschlaf Erweckte und von ihm Benutzte und in der Szene mit Parsifal um Liebe Flehende und von ihrer Schuld des Verlachens von Christus ehrlich Parsifal darüber Erzählende, im 3. Akt die Geläuterte und durch die Taufe von Parsifal die Erlöste.
Ist Kundry für Sie eher Opfer, Täterin – oder etwas ganz anderes?
Kundry ist Täterin und Opfer zugleich: Sie hat Christus auf dem Weg zum Kreuz verlacht und im Moment seines Blickes ihre Schuld erkannt. Kundry hat Amfortas, als er gegen Klingsor kämpfen wollte, im Zauberreich Klingsors verführt, Amfortas ist Kundry erlegen und in dem Moment entreißt Klingsor Amfortas den heiligen Speer und verwundet Amfortas mit der Wunde, die nicht heilen will. Das ist ihre Schuld, ihr Fluch, der auf ihr lastet. Sie will genau wie Amfortas sterben. Dadurch, dass Kundry in den Fängen von Klingsor ist, ist sie auch Opfer.

Ricarda Merbeth. Foto: Simon Pauly
Ihre Stimme hat sich bis heute eine enorme Frische und Jugendlichkeit bewahrt – wie erklären Sie sich das selbst?
Vielen Dank! Ich freue mich, dass Sie das sagen, denn das ist es ja, was ich auch gerne möchte. Zwischen Himmel und Erde ist sicher vieles, was man nicht so erklären kann. Aber eines darf ich sagen: ich komme aus dem lyrischen Sopranfach und habe durch die Mozartpartien und danach durch ein absolut druckloses Hineingehen in das dramatische Wagner und Strauss Fach wertvolle Möglichkeiten einer optimalen Stimmentwicklung erhalten. Dazu kommt, dass ich keine Mühen und kein Geld gescheut habe, um mich gesangstechnisch in den letzten Jahren immer wieder kontrollieren zu lassen, da sich der Sänger selbst anders hört als er vom Publikum gehört wird und ich mich immer weiter optimal technisch entwickeln möchte.
Brünnhilde, Isolde oder Elektra sind alles hochdramatische, lange Partien. Wie gehen Sie mit der enormen Belastung dieses Repertoires um – stimmlich und mental?
Ich habe in den letzten zehn Jahren von meinem Gesangsprofessor Ks Wolfgang Millgramm gelernt, beim Singen nicht auf meine Stimme zu hören. Das war eines vieler wichtiger Hinweise zum Überleben langer Partien. Dadurch fällt auf der Bühne die Selbstkontrolle weg, und Du bekommst stimmlich und mental einen gewissen Abstand zu Dir selbst. Privat versuche ich, ruhig zu bleiben, habe ein wunderbares und gehaltenes familiäres Umfeld mit meinem lieben Mann und meinen Eltern. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt für mich.
Erinnern Sie sich an den Moment, als sich eine neue Richtung abgezeichnet hat, von Mozart hin zum jugendlich-dramatischen Fach?
Es ist ein großes Glück, dass ich meine Laufbahn als Sopranistin mit Mozart, Mozart und nochmal Mozart begann. Donna Anna, Pamina, Contessa usw. Dieses schlanke durchsichtige Singen, der schöne, ehrliche Ausdruck, dem ich jetzt u.a. in Richard Strauss Elektra in der Orestszene begegne. Meine erste Tannhäuser-Elisabeth sang ich ja bereits Anfang der 90er Jahre am Theater der Landeshauptstadt Magdeburg. Ich durfte glücklicherweise in den darauffolgenden Jahren in das Richard Wagner und Richard Strauss-Fach der Elisabeth, Elsa, Gutrune usw. kontinuierlich hineinwachsen. Die Wagner und Strauss-Partien kamen für mich neben den Mozartpartien alle im richtigen Moment meiner Karriere. Und plötzlich sah ich eines Tages in meinem elfjährigen Kalender: Mozart ist ja weg! Keine Mozartpartien mehr. Ja, so war das.
Vor genau zehn Jahren haben Sie langsam begonnen, auch Partien wie Isolde, dann Brünnhilde in „Siegfried“ und Elektra zu singen. War der Wechsel in dieses Fach eine bewusste Entscheidung?
Genauso wie ich vom Mozartrepertoire zu Partien wie Elisabeth, Elsa, Gutrune, Chrysothemis, Ariadne wachsen durfte, hatte ich danach die Möglichkeit, die Partien wie Isolde, die Brünnhilden, Elektra, Färberin, Ägyptische Helena usw. auf der Bühne interpretieren zu dürfen. Das war insofern eine bewusste Entscheidung, da ich den Angeboten freudig zusagte. Ich bin sehr dankbar, dass ich im Laufe meiner Karriere Intendanten und Dirigenten begegnen durfte, welche mir diese gewaltigen, großen Partien anvertrauten. Dadurch bekam ich diese besonderen Möglichkeiten.
Welche Rolle spielen heute äußere Faktoren wie Medienpräsenz im Vergleich zur rein künstlerischen Arbeit?
Die Medienpräsenz ist sehr wichtig. Das Publikum interessiert sich dafür, den Künstler kennenzulernen. Deshalb möchte ich mich auch bei Ihnen für das jetzige Interview bedanken! Genauso wichtig sollte das Bewusstsein sein: Was muss ich als Sängerin, Mensch tun, um mich -solange ich auf der Bühne stehen darf – gesangstechnisch, geistig und vor allem geistlich fit und balanciert zu halten.
Gibt es etwas, das Sie jungen Sängerinnen und Sängern am Beginn ihrer Karriere unbedingt mitgeben möchten?
Nach 36 Jahren Bühnenerfahrung fällt mir, glaube ich, schon etwas ein: Stimme, Technik, Fleiß, Glück, gesundes Selbstbewusstsein, Demut, Glaube an Gott, an sich selbst und an seine innere Stimme finde ich sehr wichtig. Warum? Die Karriere eines Sängers ist im Idealfall lang. Um den Enttäuschungen und den Tiefschlägen, aber auch den Erfolgen, die auf dem Weg der Karriere kommen standzuhalten, benötigt der Sänger ein Rüstzeug. Wir haben „nur“ diese kleinen Stimmlippen und sind dadurch extra sensibel. Mir persönlich hilft mein christlicher Glaube, dass ich mir im Gottvertrauen bewusst mache, woher ich komme und wohin ich gehen werde. Das stärkt mich und macht mich froh und macht vieles andere unwichtig und lässt mich den Weg finden, den ich gehen soll. Und wenn es super läuft: sich an der richtigen! Stelle bedanken.
Viele sagen, dass man nicht zu früh zu schwere Partien singen soll.
Das ist richtig, aber man lernt auch an den Herausforderungen.
Worauf freuen Sie sich in Zukunft? In welche Rollen dürfen wir Sie erleben?
Ich freue mich immer, wenn ich in der Vorstellung auf der Bühne die Stille der Seelen des Publikums hören darf. Das empfinde ich immer wieder als Phänomen. Das möchte ich sehr gerne mit meinen Lieblingspartien u.a. Elektra, Färberin, Isolde, Brünnhilden weiter erleben.

