Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Histoires – Originale Opern-Bearbeitungen für Harfe und Klavier mit dem Duo Praxedis, ARS-Produktion

04.04.2019 | cd

Histoires – Originale Opern-Bearbeitungen für Harfe und Klavier mit dem Duo Praxedis, ARS-Produktion

Lange vorm Zeitalter der elektronischen Freizeitbespaßung gehörte das gemeinsame häusliche Musizieren zu den alltäglichen häuslichen Ritualen. Zum Beispiel auf Klavier und Harfe. Praxedis Hug-Rütti und Praxedis Genevieve Hug, Mutter und Tochter überdies, haben sich genau dieser Kombination verschrieben und hier schon allerhand musikalische Abenteuer aus Historie und Gegenwart gemeistert. Mit leidenschaftlicher Akribie werden dafür auch gerne internationale Notenarchive und -bibliotheken durchstöbert.

Vieles schlummert hier auch heute noch weitgehend im Verborgenen: „Histoires“, so der Titel des aktuellen Doppelalbums, widmet sich dem damaligen Kontext der bürgerlichen Gebrauchsmusik. Komponisten wie Charles Oberthür, Theodore Labarre, Henry Steil oder Sophie-Lucile Larmande des Argues sind heute kaum noch bekannt. Aber sie waren erstaunlich produktiv, wenn sie populäre, vor allem italienische Opern-Hits ihrer Epoche an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert transkribierten – last but not least für die damals überhaupt nicht exotische, sondern sehr beliebte Besetzung Klavier plus Harfe!

Also wurde etwa aus Vincenzo Bellinis schwelgerischen Duetten, einer Caprice von Gaetano Donizetti, Terzetten und Fantasien von Gioachino Rossini jeweils der melodische Wesenskern herausdestilliert und im kammermusikalischen Duett neu erfahrbar gemacht. Das kreiert unter den Händen des Duo Praxedis eine Form von „easy listening“ mal ganz im positiven Sinne, weil in höchster künstlerischer Verfeinerung und Subtilität komponiert und mit eben solcher Klasse von diesem Schweizer Duo dargeboten! Verspielte, anmutige Interaktionen zwischen den Instrumenten erzeugen in jedem Moment dieser Doppel-CD eine luftige Leichtigkeit, die aus jeder Überspanntheit von heute schon ab den ersten Takten zuverlässig hinaus führt. Die beiden musikverrückten Damen aus der Schweiz erzeugen solche Zustände mit ihrer symbiotisch erscheinenden Spielkultur. Ihr Klangideal ist ein Markenzeichen und nährt auch dieses aktuelle Programm: Das Piano steckt flexibel und souverän sämtliche Räume ab. Die Harfe mit ihrer filigranen Brillanz leuchtet im Zentrum. Und beide Instrumente werden immer wieder in gemeinsamen melodischen Linien auf verblüffende Weise eins. Das schließt viele dramatische Entwicklungen mit ein. Denn diese „Unterhaltungen“ leisten sich auch gerne den intelligenten Diskurs. Charles Oberthürs Bearbeitung von Bellinis „La Sonnabula“ verweilt rezitativisch, bevor es wieder vorwärts stürmt. Anmutig gestalten die beiden ein filigranes Frage- und Antwortspiel in einem Variationenzyklus über Mozarts „Figaros Hochzeit“. Es werden auch gerne ausgiebig virtuos-stürmerisch die Zügel fahren gelassen, wofür die Anschlagsfinesse von Praxedies Genevieve Hugs Klavierspiel, ebenso die filigrane Instrumentenbeherrschung von Praxedis Hug-Ruetti nur alle denkbaren Potenziale bietet.

So viel ansteckende Spiellust und hervorragend artikulierte Klangrede laden dazu ein, sich einmal mehr vom Charme dieser beiden Musikerinnen mitreißen zu lassen. Das gewählte und konsequent ausgestaltete Thema dieser Doppel-CD ist dabei für eine Erkenntnis gut: Rigide Grenzziehungen zwischen „unterhaltender“ und „ernster“ Musik gab es an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert wohl kaum.

Stefan Pieper

 

 

Diese Seite drucken