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HILDESHEIM/ Theater für Niedersachsen: TRISTAN UND ISOLDE. Premiere

Das Wagnis Wagner

17.11.2019 | Oper


Julia Borchert, Neele Kramer. Foto: Theater  Hildesheim/ Quelle: T.Behind-Photographics

HILDESHEIM: Tristan und Isolde

Theater für Niedersachsen, Hildesheim, 16. November 2019 (Premiere)

Das Wagnis Wagner

Ein großes Wagnis ist das Theater für Niedersachsen zu seiner Wiedereröfnung eingegangen – und hat gewonnen. Den Sommer über ist der Zuschauerraum von der Bestuhlung über die Belüftung bis zum Brandschutz runderneuert worden. Als erste Premiere im neu gestalteten Haus sollte es etwas besonderes sein, und auch etwas, das „in einigen Parametern eigentlich die Kapazitäten übersteigt“, wie es Operndirektor und GMD Florian Ziemen im Programmheft beschreibt. Dieses die Kapazitäten herausfordernde Projekt war die Hildesheimer Erstaufführung von Tristan und Isolde. Ein Stück, das zwar viel weiten Raum zum Klingen braucht, aber dadurch, dass es sich überwiegend zwischen zwei bis drei Personen abspielt, durchaus eine Bühne verträgt, die das Geschehen zum Kammerspiel macht.

Regisseur Tobias Heyder und sein Ausstatter Pascal Seibicke lassen den ersten Akt in einer Art Schiffskabine spielen, den zweiten in einer Kneipe, in der neben den Protagonisten auch allerhand Seefahrerpersonal verkehrt, den dritten schließlich an einem nicht näher zu bestimmenden Ort, an dem einige Requisiten lediglich Verwüstung und Zerstörung, entsprechend Tristans Verfassung, andeuten. Die Inszenierung lässt, gerade etwa an die Präsenz einiger Statisten im zweiten Aufzug, zwar auch Fragen zurück; insgesamt jedoch gelingt es Tobias Heyder sehr überzeugend, durch starke Konzentration auf die Protagonisten deren Beziehungen klar und nachvollziehbar zu machen und den Zuschauer gut in die Atmosphäre des Stücks hineinzuholen. Dunkle, warme Farben auf der Bühne, wenige herausstechende Farbtupfer – Isoldes gelbes Kostüm etwa – und sehr stimmungsvolle Lichteinstellungen unterstreichen seine durhweg dezente Regie. Die Größe der Bühne kommt dieser Konzentration auf die Figuren und das, was sich zwischen ihnen abspielt, sehr entgegen.


Hugo Mallet, Julia Borchert, Neele Kramer. Foto- Quelle: T.Behind-Photographics/Theater Hildesheim

Florian Ziemen hatte die nicht leichte Aufgabe zu bewältigen, sein festes Orchester um fast noch einmal genauso viele Aushilfen zu ergänzen und zu einem Gesamten zusammenzuführen. Es wäre überkritisch, an dieser Stelle einige kleine Ungenauigkeiten zu erwähnen, die andernorts zumal genauso zu hören sind; denn Ziemen ist mit seinen Musikern eine sehr klare und transparente Wiedergabe der Partitur gelungen, die durch das phasenweise wunderbar kammermusikalische Spiel Details der Motivik und Instrumentation hervorbrachte, die oft im Rausch des üppigen Klanges untergehen. Der Orchestergraben ist teilweise zugedeckt, und das bekommt der Akustik, insbesondere der Balance zwischen Bühne und Graben, sehr gut. Es gibt einfach einige zu üppig instrumentierte Stellen, die kaum zu bändigen sind; abgsehen davon gelang es Florian Ziemen sehr gut, sein Ensemble zu begleiten und allen ihren Raum zu lassen.

Auf der Bühne standen ausschließlich Rollendebütanten. Julia Borchert ist eine phantastische erste Isolde gelungen. Mit ihrem lyrischen, aber tragfähigen Sopran mit klarem Kern sang sie die Partie mit bemerkenswerter Leichtigkeit, ohne Anstengung und Druck. Sie vermochte mit durchdringenden, dramatischen Passagen genauso zu überzeugen wie mit ganz im Piano gesungenen Phrasen, bis hin zu einem sehr innigen Liebestod. Julia Borchert klang so jugendlich, wie die Figur eigentlich sein soll, und konnte auch als Darstellerin vollkommen überzeugen. An ihrer Seite war Hugo Mallet Tristan. Seine der Rolle angemessen timbrierte Stimme klang mitunter nicht ganz frei, die physischen Anstrengungen sind freilich enorm. Vor allem im dritten Akt, der forderndste, gelang ihm ein starkes Rollenportät, das neugierig machte, wie er sich in dieser Partie weiter entwickeln wird. Am Ende blieb von Julia Borchert und Hugo Mallet vor allem im Ohr, dass es dem Hildesheimer Haus gelungen ist, ein starkes Protagonistenpaar zu finden, das alle Möglichkeiten hat, in seine Partien noch tiefer hineinzuwachsen. Dabei einige Striche vorzunehmen, um beiden etwas entgegenzukommen, ist völlig legitim.

Bildergebnis für hildesheim tristan und isolde
Julia Borchert, Hugo Mallet. Foto- Quelle: T.Behind-Photographics/Theater Hildesheim

In den übrigen Partien waren zwar ebenso durchweg Rollendebütanten zu hören, die aber alle aus dem Hildesheimer Ensemble kommen. Neele Kramer gab mit warm leuchtendem Mezzo, vor allem im zweiten Akt, eine überzeugende, jugendliche Brangäne. Bariton Uwe Tobias Hieronimi ist seit Jahren eine Stütze des Hauses, in jüngster Zeit mehrfach auch in Basspartien eingesetzt. Die tiefe Wärme, die König Marke bräuchte, kann er nicht ganz erreichen, der baritonale Klang seiner Stimme bleibt. Gleichwohl ist ihm aber ein klares Porträt des tief verletzten väterlichen Freundes gelungen. Levente György war mit seinem kernigen Bassbariton und sehr klarer Diktion ein treusorgender Kurwenal. Die übrigen Partien waren mit Roman Tsotsalas als Melot, Julian Rohde als Hirt, Chun Ding als junger Seemann und Jesper Mikkelsen als Steurmann sehr solide besetzt, die beiden letztgenannten sind Mitglieder des Herrenchores, der seine kurzen Auftritte sicher bestritt.

Begeisterter Beifall und viele Bravos für die Solisten, Florian Ziemen und das Orchester. Dem Theater für Niedersachsen ist ein mehr als achtbares Wagnis Wagner gelungen, das sich hören und sehen lassen kann. 

Christian Schütte

 

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