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HIGH RISE

03.07.2016 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat  High Rise

Ab 8. Juli 2016 in den österreichischen Kinos
HIGH RISE
GB  /  2015 
Regie: Ben Wheatley
Mit: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans u.a.

Keine Frage, diese Geschichte spielt irgendwann in der Zukunft. Keine Frage, das ist auch eine Art von Thriller. Aber das Seltsamste an diesem Film ist die Tatsache, dass er einem so möglich vorkommt. So „lebensnah“ – weil man sich gut vorstellen kann, wie Menschen, zumal, wenn sie den „höheren Klassen“ angehören, in Ghettos unter ihresgleichen leben und dort die seltsamsten Rituale abgehen…

Autor J. G. Ballard, von Sci-Fi-Fans hoch geschätzt, schrieb 1975 „High Rise“, im Deutschen als „Der Block“ bzw. in einer späteren Ausgabe als „Hochhaus“ übersetzt. 40 Stockwerke ist das Haus in London hoch, und nicht jeder kann sich eine Wohnung „oben“ in dieser Welt für sich leisten, wo Bäder, Restaurants, Supermarkt und andere Angebote dafür sorgen, dass man eigentlich gar nicht mehr in die Außenwelt gehen müsste (wie es ja in den „Clubs Med“ längst praktiziert wird – wenn auch nur in den Ferien).

Hauptperson ist der Arzt Dr. Robert Laing, verkörpert von Tom Hiddleston, der im Moment immer wieder als „der nächste James Bond“ genannt wird, was für die gestiegene Popularität des derzeit 35jährigen spricht – sein tückischer Gott Loki in „Thor“ war vor fünf Jahren sein Durchbruch (er verkörperte die Rolle noch zweimal), Woody Allen besetzt ihn in der Nebenrolle des Scott Fitzgerald in „Midnight in Paris“, im historischen Horror „Crimson Peak“ war er Hauptrollen-Held, und hier ist er es wieder, mit der Fähigkeit, mühelos einen Film zu tragen. Er spielt den durchaus sympathischen Normalmenschen, der (stellvertretend für den Zuschauer) in die seltsame Welt des Hochhauses hinein gleitet, bis es kein Zurück mehr gibt…

So lange man es nur mit hübschen, vielleicht ein wenig freizügigen Nachbarinnen, die aussehen wie Sienna Miller, zu tun hat, bewegt sich alles sozusagen noch in der Welt des Üblichen. Manche Leute sind ein bisschen seltsam wie jener Architekt Anthony Royal, der den Gebäudekomplex errichtet hat (wenn Jeremy Irons auftaucht, glitzert Schauspielkunst), aber auch das geht noch als normal durch. Es gibt eine Menge Partys und Unterhaltungen, an Luxus fehlt es oben nicht, aber eine gewisse Unsicherheit ist stets festzustellen. Die Geschichte ist personen- und handlungsreich, driftet auch nach und nach aus der Normalität. Auch wird klar, dass das soziale Gefälle mit den Stockwerken des Hauses wandert – Lainge, der im 25. Stock wohnt, gehört quasi zum „Mittelstand“, der immer wieder bei denen „da oben“ gefragt ist. Je höher, desto reicher und eleganter, je tiefer, desto ärmer und proletarischer.

So wird das Haus, in dem immer wieder dies und jenes nicht funktioniert (die Aufzüge, die Müllbeseitigung), so dass sich zunehmend Spannungen zwischen den Bewohnern zeigen, schlicht und einfach zum Abbild der Gesellschaft, nur dass in der Literatur (bzw. jetzt im Kino) alles viel schneller geht, viel deutlicher ausfällt und letztlich viel fataler, nämlich letztendlich apokalyptisch ausgeht…

Es gibt seltsame Tode, Gruppen rotten sich zusammen, grimmige Feindschaften werden gepflegt, und schließlich hat man den gesellschaftlichen Verfall, der sich nicht nur im Zerbröckeln des Hauses, sondern auch in den sich negativ verändernden Persönlichkeiten spiegelt. Dabei wird die Geschichte immer absurder, alptraumhafter und erschreckender.

Dass Regisseur Ben Wheatley bisher vordringlich im Horror-Genre tätig war, bewährt sich angesichts dieses anspruchsvollen Drehbuchs durchaus, kann er doch die Unsicherheit, die Ungewissheit der Situation,  die den Zuschauer beunruhigt und zugleich neugierig macht, perfekt steigern und alle Beteiligten Schritt für Schritt in den Wahnsinn einer untergehenden Welt hineinspazieren lassen… Das hat schon etwas von einer Warnung.

Renate Wagner

 

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