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Hermann Kurzke: GEORG BÜCHNER

21.04.2013 | buch

Hermann Kurzke:
Georg Büchner. Geschichte eines Genies.
592 Seiten, 
Verlag C. H. Beck, München 2013

2013 ist auch ein Büchner-Jahr, aber es besteht die Gefahr, dass die überwältigende Beschäftigung mit den beiden im selben Jahr 1813 geborenen Komponisten, Richard Wagner und Giuseppe Verdi, alles erdrückt. Zu Georg Büchner, sicher einer der wichtigsten Köpfe der deutschen Literatur- und Zeitgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gibt es keine Bücherflut. Das braucht es aber auch nicht.

Denn es gibt das Buch der Bücher über Büchner – Hermann Kurzke, Professor in Mainz, legt das Ergebnis jahrzehntelanger Beschäftigung auf knapp 600 Seiten vor, und die „Geschichte eines Genies“, die er bewusst als solche hinstellt (Genialität sei ein göttlicher Funke, meint der Autor, „und wir haben die Pflicht, die Physik dieses göttlichen Funkens so weit wie möglich aufzuklären, ohne seiner Göttlichkeit nahe zu treten“) , lässt den interessierten Leser tiefer in ein Leben und eine Zeit eintauchen, als man es gemeiniglich erlebt.

Das ist also zwar eine ultimative Auseinandersetzung, aber, das sollte man einleitend festhalten, absolut kein Buch für Anfänger. Da gibt es die Rowohlt Monographie mit der übersichtlichen chronologischen Nachzeichnung des Lebens. Kurzke hingegen wird der Bericht immer zur Interpretation, er beginnt nicht mit „Georg Büchner wird am 17. Oktober 1813 im Großherzogtum Hessen-Darmstadt“ geboren, sondern er zitiert eingangs den Steckbrief des 21jährigen aus dem Jahre 1835: Der Flüchtige wird als blond, kräftig gebaut, mit besonderem Kennzeichen: Kurzsichtigkeit geschildert, von den Behörden gesucht, um sich der Untersuchung seiner staatsverräterischen Handlungen zu stellen, der er sich entzogen hat… Und man ist sogleich an einem neuralgischen Punkt.

  

Und von hier springt der Autor zum Tod keine zwei Jahre später: Am 19. Februar 1837 in Zürich, wo er im freiwilligen Exil lebte, gestorben an Typhus. Dieser Georg Büchner ist nur 23 Jahre (!) alt geworden – und hat drei für die Weltliteratur unverzichtbare Theaterstücke, eine großartige Novelle (die erschütternde Studie eines ver-rückten Bewusstseins und solcherart ein Beitrag ohnegleichen zur Psychoanalyse) und einen berühmten politischen Aufruf („Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ 1834 in „Der hessische Landbote“) hinterlassen. Abgesehen von persönlichen Papieren, die nach seinem Tod gewaltig reduziert wurden.

Hermann Kurzke ist nicht der einzige, der Büchners Verlobter Wilhelmine Jaeglé noch aus der Distanz von Jahrhunderten die bittersten Vorwürfe macht, wie sie mit dem Nachlass des Dichters umgegangen ist – und welch ungeheure Lücken ein Biograph orten muss. Da steht es um offizielle Akten noch besser als um private Briefe. Und doch… Kurzke schürft ins Detail. Er hat die Dokumente, er hat Zeugnisse von Zeitgenossen  – und er hat vor allem die Werke.

Er denkt nach, er spekuliert auch: Was wäre aus diesem Georg Büchner geworden, wenn der Tod ihn nicht so früh ereilt hätte? Ein Universitätsprofessor in seinem studierten Fach, der Medizin? Einer der führenden Sozialisten? Am wenigsten noch, meint er, ein großer Dramatiker, da der Erfolg seiner Stücke (die ihrer Zeit weit voraus waren) sich erst im 20. Jahrhundert einstellte.

Ja, was? Wir können es nicht wissen, stimmen Kurzke aber zu: Es ist einfach spannend, von diesem Ausgangspunktüber  Georg Büchner in alle Richtungen hin zu denken. Ein Stückchen Interpretationsgeschichte gibt der Autor auch zu Beginn – wofür dieser Georg Büchner der deutschen Mitwelt, aber vor allem der deutschen Nachwelt schon herhalten musste. Von der „Revolutionssentimentalität“ der „linken Büchner-Orthodoxie“ bis zum seltsamen Romantiker einerseits, dem Vorgänger aller radikaler –ismen (Expressionismus…) anderseits, von dem Nihilisten bis zur deutschen Führerpersönlichkeit, der er für die Nazis war. Büchner, die Projektionsfläche. Dass dieses Buch wenigstens keine definitive Aussage liefert, liegt an seiner stupenden Vielfältigkeit – alles ist möglich. Und das reflektiert dann den ungeheuren Reichtum des „Genies“ Büchner – und für den Leser ist anregend, wie unendlich „lebendig“ ein letztendlich vom angehäuften Wissen her „professorales“ Buch sein kann.

Keine Distanz ist angesagt: Der Autor versucht, Georg  Büchner, diesem jungen Menschen, ganz nahe zu kommen. Er zieht nicht nur alle Schilderungen aus erster Hand heran, sondern interpretiert auch selbstverständlich aus der Familiensituation, die Eltern (vor allem die erdrückende Vater-Figur), die in allen Farben schillernden, durchaus nicht unbedeutenden Geschwister, schließlich die Menschen, denen er in seinem kurzen und örtlich nicht weit gestreckten Leben (Darmstadt, Straßburg, Gießen, Zürich) begegnete.

Natürlich gestalten sich Ereignisse eines Lebens auch daraus, aber Kurzke geht noch weiter: Mehr als im allgemeinen üblich, befragt er die Werke Georg Büchners nach ihrer Rückbezüglichkeit auf des Autors Leben. Und es macht natürlich Sinn – wenn ein 21jähriger, damals schon als Revolutionär verfemt und gehetzt, ein Stück vom ungeheuren Reichtum des „Danton“ schreibt, dann muss man sich fragen, woher er all dieses Wissen, all die Erfahrungen (auch im Sexuellen, vor allem im Psychologischen, nicht nur im Intellektuellen, das ein wacher Geist sich erarbeiten kann) hernahm. Das Verfahren funktioniert übrigens nach beiden Richtungen: Wenn der Autor in Büchners Werken etwa gewisse Zwangsvorstellungen findet, sucht er sie in des  Dichters Leben auch… Bis in detaillierte Zitate ist Kurzke hier auf der Suche, und er muss sich nur selten mit der Erkenntnis, dass man es nicht wissen könne, geschlagen geben.

„Dantons Tod“, im Jänner / Februar 1835 geschrieben, die Novelle „Lenz“ aus demselben Jahr, „Leonce und Lena“, Mitte 1836, „Woyzeck“ am Ende dieses Jahres – innerhalb von zwei Jahren welch ungeheure, schier unfassbare  künstlerische Ausbeute eines jungen Mannes, der zweifellos noch anderes geschrieben hat, das verloren ging. Und der nebenbei  seine Studien betrieb, von seinen politischen Aktivitäten abgesehen, die jedoch immer nur – darauf legt Kurzke Wert – mit dem Wort erfolgten, nie mit blutigen Aktionen. Aber in „Danton“ rollen die Köpfe, im „Woyzeck“ waltet das blutige Messer, das ist nicht zu verkennen… Literatur als Ersatzhandlung dafür, dass Büchner im Leben doch nicht der ausschließliche Revolutionär war, wie er es vielleicht gewünscht hätte?

Darüber hinaus bietet Kurzkes Buch auch zeitgeschichtliche Studien, die faszinierende Schlaglichter auf die Epoche werfen (ob es sich um die Zustände im Großherzogtum Hessen handelt oder um Details, etwa, wie damals Doktortitel gekauft werden konnten!), aber es ist nie eitel zur Schau gestelltes „Wissen“, das sich selbst genügt, sondern steht immer in engem Zusammenhang mit diesem Georg Büchner, dessen Welt, in der er lebte, man begreifen muss, um voll zu erkennen, wie sehr er aus ihr herausragte.

Kurzke hat dafür eine schlüssige Formulierung gefunden, die man in den ewigen Schatz der Büchner-Rezeption aufnehmen kann: „Georg Büchner war eine der Lokomotiven, die das 19. Jahrhundert auf Gipfel zogen, von denen aus das 20. schon zu sehen war.“

Renate Wagner

 

 

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