HERCEG NOVI (Montenegro) / Hotel Maksim
KONZERT von ALEXANDER LIVER & FRIENDS
3. Oktober 2026

Alexander Liver nimmt sich bei seinem Konzert im Hotel Maksim in Herceg Novi nicht zu ernst (Foto: Marc Rohde)
Eigentlich sollte Alexander Liver an diesem Abend in der Dvorana Park auftreten. Wenige Tage vor dem Konzert teilte das Kulturamt Herceg Novi über Instagram mit, dass die Veranstaltung ins Hotel Maksim nach Meljine verlegt worden war.
Wir sind um 19.40 Uhr dort und zunächst die einzigen Gäste. Im Raum wird noch geprobt. Gegen 20 Uhr erfahren wir, dass das Konzert erst um 20.30 Uhr beginnen soll. Bis dahin kommen noch etwa 16 weitere Besucher. Nach unserem Eindruck sind fast alle Russen.
Der Raum im Hotel Maksim wirkt eher wie ein Mehrzwecksaal als wie ein Konzertort. Eine erhöhte Bühne gibt es nicht. Die Musiker stehen ebenerdig vor dem Publikum, wir sitzen an Tischen. Der Tontechniker hat seinen Platz direkt in der Mitte der ersten Reihe. Sein Mischpult steht neben den Musikern, sodass er während des Konzerts immer wieder aufstehen muss. Zwischen Publikum und Musikern blinkt eine LED-Lichterkette. Viel mehr Ausstattung gibt es nicht.
Die Probe dauert bis etwa 20.25 Uhr. Gegen 20.35 Uhr beginnt schließlich das Konzert von Alexander Liver & Friends.
Hinter dem Künstlernamen verbirgt sich Dmitri Wjatscheslawowitsch Tichonow, international auch Dimitri Tikhonov. Als Alexander Liver wurde er vor allem als Komponist, Pianist und Sänger der 1987 gegründeten russischen Avantgarde-Rockgruppe NOM bekannt. Gleichzeitig schlug er eine zweite musikalische Laufbahn ein. Seit Mitte der 1990er-Jahre singt er als Bassprofundo im Chor des Grand Théâtre de Genève.
Sobald Livers Stimme erklingt, bekommt der Raum eine andere Dimension. Dazu beeindrucken sein goldenes Paillettensakko und seine übertrieben ernste Miene. Sein Bass ist nicht einfach tief. Er ist dunkel, gewaltig und so körperlich, dass man ihn spürt. Den ersten Song gestaltet er alleine, doch schon bald stehen Artem Zenev an der E-Gitarre und Nikolai Kopeikin als Sänger und Performer mit auf der Bühne.
Die Moderationen finden auf Russisch statt. Wir verstehen kein Wort. Livers spielerisch-groteske Haltung kommt trotzdem an. Er braucht keine Übersetzung, um mit Stimme, Gestik und Mimik eine gewisse Distanz zu dem aufzubauen, was er gerade selbst präsentiert.
Musikalisch geht es kreuz und quer. Manche Stücke erinnern an russische Countrymusik, andere an Blues oder sowjetische Rockballaden. Dazwischen steht Oper, die hier nicht wie ein Fremdkörper wirkt, sondern ganz selbstverständlich ins Programm passt.
Eine Sängerin ist ebenfalls dabei, obwohl sie in der Ankündigung nicht erwähnt wurde. Ihren Namen konnte ich auch später nirgends finden. Mit Liver singt sie die Barcarolle aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen. Der Gegensatz zwischen dem Opernduett und dem schmucklosen Raum im Hotel Maksim könnte kaum größer sein. Kein Orchester, kein Bühnenbild, keine erhöhte Bühne. Nur zwei Stimmen, Mikrofone und die blinkende Lichterkette vor der Orchestermusik aus der Konserve.
Wirklich eindrucksvoll gelingt das Rondeau vom Goldenen Kalb aus Gounods Faust. Liver lässt seinen Bass mit einer solchen Wucht los, dass man für einen Moment vergisst, wo man eigentlich sitzt.
Dann wieder Rock.
Einige Stücke sind der Band NOM zuzuordnen. Die Gruppe entstand 1987 in Sankt Petersburg und entwickelte eine eigenwillige Mischung aus Rock, Ironie und groteskem Spiel mit musikalischen Formen. Liver gehört seit den Anfängen zur Gruppe.
Auch Stari Otel von Bravo glaube ich herauszuhören. Gegen Ende kommt Queen. Liver und seine musikalischen Begleiter nehmen sich Bicycle Race vor. Unsere Ohren erkennen darin ein deutliches „Baisikka“. Gesanglich haut es uns trotzdem erneut aus den Stühlen. Vielleicht auch, weil diese ziemlich unbequem sind.
Irgendwann habe ich das Gefühl, versehentlich in eine Welt geraten zu sein, die uns normalerweise verborgen geblieben wäre. Nicht, weil der Abend sich besonders geheimnisvoll gibt. Wir sitzen einfach plötzlich mitten in einer musikalischen Szene, zu der wir sonst keinen Zugang haben.
Marc Rohde am 4.10.2026

