Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Herbert Lederer: MEINE WELT

05.04.2014 | buch

BuchCover Lederer-Meine-Welt-U1

Herbert Lederer: 
MEINE WELT
TAGEBUCHNOTIZEN 1983-2013
92 Seiten, Verlag Lehner, 2014 

Herbert Lederer, der Schauspieler der besonderen Art, hat immer „auch“ geschrieben: Viele seiner „Ein-Mann“-Produktionen im Theater am Schwedenplatz waren weit mehr als die Collagen von Dichter-Texten, nämlich kreative Schöpfungen. Außerdem schrieb der 1926 Geborene, der auf einen unglaublichen Neunziger zugeht, immer auch Bücher und erzählte dem interessierten Publikum viel über sich: sein Theater, seine Reisen, amüsierte mit Parodien, informierte über das Wiener Kellertheaterwesen, das einst so wichtig war und heute längst vom Winde verweht ist.

Nicht anzunehmen, dass solch ein Mann je zu schreiben aufhört, und das tut er auch nicht: Unter dem Titel „Meine Welt“ sind nun Tagebuchnotizen von 1983 bis 2013 herausgekommen, wobei die Aufzeichnungen aus 30 Jahren, die an seinem 87. Geburtstag enden, nur eine ganz stringente Auswahl dessen darstellen können, was er wirklich niedergeschrieben haben muss.

Man könnte die Aufzeichnungen etwa unter dem Motto „Gedanken zum Tage“ lesen, persönliche Kommentare zum Geschehen, meist dem österreichischen und dem wienerischen. Wobei Lederer, wahrlich ein Weltreisender (seine Programme und Vorlesungen waren offenbar überall gefragt) nie unter  Scheuklappenblick leidet.

Bissig ist er schon, das muss man sagen, und manchmal auch unangenehm hart, wenn er dem eben verstorbenen Herbert von Karajan damals noch Gift in sein frisches Grab nachspritzt – nicht nobel. Dass er Spaniens König Juan Carlos als überflüssigen Playboy bezeichnet – auch nicht nett, aber vermutlich nicht ganz falsch. Es kann sich so mancher etwas anhören von Lederers Seite. (“Andre Wienerzuckerl, Schnittlauch auf allen Suppen, artistisch-dilettantische Wanderheuschrecke…“)

Natürlich schreibt er über Theater, über Publikum, seines und das der anderen Bühnen, über die immer wieder überraschenden Erfahrungen, die man auch nach jahrzehntelanger Routine macht. Und wenn er jemanden liebt wie etwa Johann Nestroy – der merkt das auch. Dass er Kritiker nicht mag, die „allemal viel wichtiger sind als die Lesenden und Schreibenden selbst“ (so ätzt er beim Bachmann-Preis), ist wohl klar.

Und wenn er ärgerlich ist, dann liest sich das 1985, anlässlich des Endes der „Komödianten“ (wer erinnert sich heute noch an diese?) so: „Im Zeitalter des ‚Cats’-Erfolges ist ernsthaft forschende Theaterarbeit der reinste Luxus geworden.“ Ein Luxus, den sich die Stadt Wien schon lange nicht mehr leistet – aber die Millionenabfindungssummen an ihre Kapazunder kommentiert Lederer anhand des Beispiels von Ursula Pasterk gnadenlos. („Kulturelle Währungseinheiten: 1 flop = 100 schlamssel. 1 schlamassel = 100 palawatsch. 1 palawatsch = 100 Pasterk.)

Von Anfang an ist in diesem Buch seine Frau Erni dabei, seit 1956  mit ihm verheiratet, ohne die Lederer nicht zu denken war, Mitstreiterin, Mitleidende, unentbehrliche Mitarbeiterin. Sie war selbst nicht berühmt, darum macht es betroffen, wenn man erst aus dem Buch erfährt, dass sie im Jänner 2012 gestorben ist.

Lederer zeigt in diesem Buch eine bewundernswerte, gesunde Lebenseinstellung – was jeweils war, hat er mit vollem Einsatz gemacht, wenn es zu Ende ging, dann ließ er es ohne Bedauern gehen, mit leichten Händen, was nicht jedermann auf der Welt kann. Ob es Flachau war, wo sein sommerliches Theater im Pongau 1991 nach einem Vierteljahrhundert „starb“, worauf er sich sofort für den Sommer im burgenländischen Loipersbach ansiedelte, ob es sein Theater am Schwedenplatz war, jahrzehntelang seine Heimat, das er 2006, zu seinem Achtziger, ungerührt verkaufte an Damen, die sehr freundlich waren, sein Reich aber als einen „reparaturbedürftigen Keller“ bezeichneten. Good bye Schwedenplatz, meinte der (nach Eigendefinition) „Lebenslistige“ ohne Sentimentalität.

Er hatte so manchen Grundsatz im Leben. Vielleicht hat er auch so viel  zustande gebracht, weil er sich strikt an das Motto hielt: „Des Menschen Lebenszeit ist knapp, drum gibt dich mit TV nicht ab!“ Da hat man dann Zeit, Stücke, Tagebuch und Bücher zu schreiben…

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken