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Hemecker / Heumann (Hrsg.): HOFMANNSTHAL. ORTE

22.10.2014 | buch

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HOFMANNSTHAL. ORTE
20 biographische Erkundungen
Herausgegeben von Wilhelm Hemecker und Konrad Heumann, in Zusammenarbeit mit Claudia Bamberg
510 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, 2015

Die „richtige“ große Hofmannsthal-Biographie, die nicht die Interpretationen des Verfassers in den Vordergrund stellt, sondern eine getreuliche und detaillierte Nachzeichnung seines Lebens bietet, gibt es noch nicht. Als überwältigende Materialiensammlung dazu bietet sich der Band „Hofmannsthal. Orte“ an, den Wilhelm Hemecker und Konrad Heumann herausgegeben haben und der nicht mehr verspricht, als er hält: Die „biographische Erkundungen“ (von verschiedenen Autoren) angesichts von 20 Orten von Hofmannsthals Leben sind nicht alle von gleichem Informationswert, aber alle kundig und im Ganzen von außerordentlicher Ergiebigkeit über diesen doch recht seltsamen Mann und Dichter.

Von der Wiege bis zur Bahre würde bedeuten: Salesianergasse bis Rodaun. Das sind zwei biographisch besonders interessante Kapitel. Der junge Hofmannsthal, Sohn eines wohlhabenden hohen Bankbeamten, wohnte in der Salesianergasse 12 auf gut 170 Quadratmetern in engster Beziehung mit seinen Eltern (seltsam die Badezimmer-Nähe zur Mutter!). Dabei ist es interessant, angesichts eines Plans der Wohnung auch zu erforschen, wie man dort lebte – mit einem Flügel im Salon, wo Schnitzler spielte, als er mit Freunden Hofmannsthal besuchte. Schon als Jüngling ganz Dichter, hat Hugo hier aus vielen Ecken jene „Stimmung“ geholt, die vor allem für sein Frühwerk charakteristisch wurde.

Hofmannsthals Ablösung von den Eltern erfolgte dann erst durch seine Heirat mit Gerty Schlesinger, wobei er mit ihr dann seine Sehnsucht „Weg aus der Stadt“ mit dem „unglaublich kleinen Haus“ in Rodaun erfüllte, damals noch „außerhalb“ Wiens, Peripherie (wie auch Bahr in Ober St. Veit), heute Ketzergasse und bestenfalls Stadtrand. Hofmannsthal und Gerty heirateten am 8. Juni 1901 und zogen schon am 1. Juli in die damalige Adresse  Badgasse 5, ein Haus mit Tradition, wenn auch laut Autoren der einstige Besitz durch die Maria Theresia-Aja, Gräfin Fuchs (im Volksmund: Fuchs-Schlössl), nicht zu beweisen sei.

Ein Haus war für Hofmannsthal, der sich im Gegensatz zu Freund Schnitzler durchaus sehnsüchtig bürgerlich niederlassen wollte, wichtig: „.. darin Weib, Kind, Behüten, Umarmen, Erziehen, Bewahren.“ Er hat es mit Gerty und den drei Kindern verwirklicht, wenn auch nicht alles so glücklich verlief (er starb schließlich nach dem Selbstmord seines Sohnes Franz).

Selbst die genaueste Forschung konnte nicht ergeben, wie Hofmannsthal das Haus in Rodaun gefunden hat, beschrieben wird jedoch ausführlich anfängliches Entzücken, das Einrichten, die Raumverteilung, später allerdings die Nachteile – zu klein für die größer werdende Familie, im Winter ganz schlecht zu heizen. Gerty von Hofmannsthal hat das Haus als Witwe schnell verlassen, die Nachteile eher empfunden als die Vorteile. Dennoch, für Hofmannsthal war es das Heim, das er sich gewünscht hatte – und im übrigen verbrachte er wohl den Großteil seines Lebens anderswo.

Bis das Buch in Rodaun anlangt, sind allerdings viele andere biographische Plätze auszuschreiten: Zuerst das Akademische Gymnasium, dann die Sommer in Bad Fusch im Großglocknergebiet, wo die Familie gar nicht so „elegant“ die Sommer verbrachte, Hofmannsthal allerdings das Salzburger Land früh kennen lernte, das für ihn so wichtig werden sollte.

Seltsam unergiebig ist das Kapitel über das Burgtheater, dem Hofmannsthal im Gegensatz zu vielen anderen nicht verfiel – und vice versa. Während Freund Schnitzler hier lebenslang fast eine verbriefte Heimstätte fand, wurde Hofmannsthal hier nur sporadisch gespielt, quasi ohne tiefere Überzeugungskraft. Leider gehen auch die Autoren der anderen „Theaterorte“, die für Hofmannsthal weit wichtiger wurden – Berlin, München, Salzburg -, nicht genauer auf Aufführungen und Interpretationen ein. Der Theaterfreund ist wohl der einzige, der in diesem Buch ein wenig schlechter bedient wird, wenn es um tiefere Information geht.

Das Café Griensteidl als Inbegriff des „Jungen Wien“, des Literatenkreises, in dem sich Hofmannsthal als Überraschungs-Jüngling und Wundertalent „Loris“ so überzeugend umtat, ist natürlich ein entscheidender  Schauplatz – wesentlich wichtiger für ihn als die Universität, auf die sich Hofmannsthal nur ungern, in Hinsicht auf einen Brotberuf, begab. Es ging um eine Stellung (vielleicht „beim Staat“), wo er für möglichst wenig Arbeit ein möglichst gesichertes Einkommen lukrieren könnte… Tatsächlich wechselte er von Jus zur Romanistik, promoviert 1899, verfing sich mit seinen Habilitations-Ambitionen allerdings in den Animositäten von Professoren und Kommissionen  und erzielte  glücklicherweise in dieser Zeit so großen literarischen Erfolg, dass er das ungewisse Schicksal des freien Schriftstellers auf sich nehmen konnte…

Der Schauplatz-Schlenker in den Wiener Prater ist für Hofmannsthal dann weniger ergiebig als etwa für Schnitzler, der die in der derben Welt des „Wurstelpraters“ erspähten Figuren in sein Werk eingehen ließ, während Hofmannsthal im wilden Vergnügen nur feststellte, er sähe sich selbst beim Leben zu… Ein Gefühl, das ihn vermutlich bis zum Ende begleitete. Wenn überhaupt, interessierte ihn am Prater das „Phantastische“, nicht die „einfachen Leute“, für die er weder im Leben noch in seinem Werk besonderes Verständnis aufbrachte.

Danach beginnen die Reisen, die Städte, die logischerweise von Bedeutung wurden – Venedig, für Hofmannsthal Faszinosum und Schauplatz vieler seiner Werke, Luft, Wasser, das orientalische Element entsprach seiner Ästhetik, dorthin unternahm er auch mit Gerty seine Hochzeitsreise.

Paris, wohin er 1900 erstmals reiste, wurde für den offenbar hervorragend Französisch sprechenden jungen Mann, der ein Experte für französische Kunst und Literatur war (nach London kam er dagegen nie, Anglophiles spielte für ihn keine Rolle), ein besonders wichtiger Ort. Hier wird auch klar, wie sehr er Bekanntschaften suchte, sich in der Welt von Theater und Kunst umtat, stets Möglichkeiten für sich selbst im Auge hatte: Tatsächlich hat er Richard Strauss damals in Paris kennen gelernt, eine der wichtigsten Begegnungen seines Berufslebens, und schon wurde die erste Zusammenarbeit, „ein kleines Ballett“ verabredet. Der gar nicht so weltfremde Ästhet hatte stets Bodenhaftung…

Wichtiger als Paris wurde dann noch, vom faktisch Beruflichen her, Berlin, zuerst durch Theaterdirektor Otto Brahm, der allerdings mehr oder minder als die Domäne von Freund Schnitzler galt, während Hugo von Hofmannsthal als Theatermann und Regisseur Max Reinhardt eroberte (was Schnitzler nie gelang) – und das war auf die Dauer die weit ergiebigere Beziehung.

So „hart“ Hofmannsthal das moderne Berlin auch fand, so viel lieber war es ihm als Wien, weil er dort so viel mehr Möglichkeiten fand. Erst während des Ersten Weltkriegs wandte sich Hofmannsthal dann innerlich einem Österreichertum zu, das, wie er spürte, verloren ging. Von Berlin hat er sich auch als Stadt entfremdet.

Dresden hingegen war für ihn nicht nur „weitaus die schönste Stadt, die ich kenne“, sondern auch eine Welt der ungeahnten neuen Möglichkeiten: Mit „Elektra“ und „Rosenkavalier“ wurde hier die Zusammenarbeit mit Richard Strauss Bühnenwirklichkeit, und der Dreiklang mit Max Reinhardt sollte sich ja später in Salzburg fortsetzen. Abgesehen davon, dass hier auch das große Geld zu verdienen war. Als Enttäuschung ergab sich nur im Lauf des Lebens, dass der „Rosenkavalier“-Höhepunkt nicht mehr zu erreichen, geschweige denn zu toppen war, so begeistert sich Hofmannsthal etwa auch von der Musik der „Ägyptischen Helena“ zeigte…

Zwischen München und Prag als weiteren Großstädten gibt es  „Schlenker“ zu Nebenschauplätzen, von denen man nicht einmal wusste. Beide sind eng mit gewissen Menschen verbunden – Schloß Neubeuern in Oberbayern war der Ort, wo Hofmannsthal Ottonie von Degenfeld und deren Schwager Eberhard von Bodenhausen traf, extrem wichtige Menschen für sein, man kann schon sagen: Seelenleben, wie auch Rudolf Borchardt, dem er in die Villa Mansi in Monsagrati (in der Nähe von Lucca) nachfuhr.

München interessierte Hofmannsthal als „Kunsthauptstadt“ und bot ihm ungeheure Möglichkeiten, als sein Freund Clemens von Franckenstein dort Theaterintendant wurde. (Leider erfährt man, wie erwähnt, von den Uraufführungen des „Schwierigen“ oder des „Turms“ kaum Details.)

Hier wie dann auch in Prag und anderen Städten war Hofmannsthal mit zunehmendem Ruhm auch stark als Vortragsreisender (mit Lesungen oder bestellten Vorträgen) unterwegs, wobei er zur böhmischen Kultur keinerlei Anknüpfungspunkt fand.

Der Beitrag über Salzburg, für ihn eine Stadt von „einem nicht auszuschöpfenden Zauber“, führt vom Sightseeing der Jugendjahre zu jenem bedeutenden Ort der Festspiele, die ab 1918 vorbereitet wurden und ursprünglich als Friedenswerk gedacht waren (bevor sie als Riesen-Geschäftemacherei früh explodierten). Sein berühmter „Jedermann“ (den es als Stück schon gab) war allerdings am Domplatz, von dem er seither nicht mehr wegzudenken ist, eigentlich ein Lückenbüßer, weil das „Große Salzburger Welttheater“ nicht rechtzeitig fertig wurde…

Komplettiert werden die „Orte“ des Buches durch größere Regionen wie die Schweiz, die er öfter bereiste (und wo die Freundschaft mit Carl J. Burckhardt bedeutend war) und Sizilien, wohin ihn nicht zuletzt auch ein damals herrschender Kult um Kaiser Friedrich II. lockte, während das Schlusskapitel über Aussee wieder auf die Jugend zurückblendet: Hier hat der Jüngling Hofmannsthal seine Liebesgeschichten (erfolgreich oder erfolglos) „vor Gerty“ erlebt, wie Schnitzler auch Romanzen mit den jüdischen Großbürgertöchtern Risa Strisower und Minnie Benedict gepflegt, dort schon Freunde fürs Leben gefunden wie die Brüder Franckenstein, Edgar Karg von Bebenburg, Leopold von Andrian oder den späteren Schwager Hans Schlesinger. Hier hat er sich dann 1899 auch für Gerty entschieden (oder sie sich für ihn), hier war er immer wieder auch als Familienvater, und noch im Mai 1929 verabredete er sich quasi mit Andrian hier für den Herbst…

Hugo von Hofmannsthal ist am 15. Juli 1929 gestorben.

Ein Buch wie dieses bewegt sich eng an seinem Thema, und dieses ist Hofmannsthal persönlich, aber jeder Ort hat seine Geschichte, die auch für ihn wichtig war. So ist da immer wieder Platz für Background-Betrachtungen, die Grundsätzliches etwa über die geistige Situation des Akademischen Gymnasiums ebenso bieten wie genauere Einblicke in die Welt der Wiener Universität. Die „Orte“, die für Hofmannsthal von Bedeutung waren, werden also über ihn hinaus betrachtet, was in so gut wie allen Fällen von Interesse ist, wenn es etwa um die „inszenierte Privatheit“ der damaligen „Sommerfrische“ geht oder um Intrigen und auch Antisemitisches angesichts der Salzburger Festspiele…  

Jeder Ort hatte für Hofmannsthal eine eigene Funktion, jeder scheint auch mit anderen Menschen besetzt (wenn sie sich natürlich vernetzen), und das bedeutete wiederum künstlerisch oder privat eine Anregung eigener Art.

Ganz deutlich wird aus den meisten der Artikel, dass der oft so esoterisch und weltfremd wirkende „reine Dichter“ ein Mann war, der den Austausch mit anderen Menschen dringend suchte, der wohl auch ein ganz bewusster Netzwerker im Sinn des eigenen Schaffens war, Verlage, Zeitschriften, vor allem Theater kamen nicht von selbst, man musste die Beziehungen suchen, kein Zweifel, dass Hofmannsthal dies auch tat.

Kurz, diese Betrachtungsweise – vielleicht von Hofmannsthals Notiz „Stunde, Luft und Ort machen alles“ angeregt, die sich auf der Rückseite des Schutzumschlags findet – hat sich als überaus wertvoll erwiesen.

Renate Wagner

 

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