„La Cenerentola“ von Rossini am 14.2.2026 mit dem Theater Heidelberg im Theater/HEILBRONN
Die Welt der Casting-Show

Foto: Susanne Reichardt
Perlender Einfallsreichtum und betörender Kantilenenzauber beherrschen auch Gioacchino Rossinis komische Oper „“La Cenerentola“ („Aschenputtel“ oder der Triumph der Güte) nach dem berühmten Märchen der Gebrüder Grimm mit einem Libretto von Jacopo Ferretti. In der temporeichen Regie von Holger Schultze wird das Altbackene konsequent aufgebrochen und die Handlung in die Welt der Casting-Shows verlegt. Die sprühende Laune der buffonesken Szenen kommt nicht zu kurz. Doch das undurchsichtige System „Castingshow“ wird ganz bewusst hinterfragt. Das Geschehen spielt plötzlich in einem Waschsalon, wo sogar das Waschmittel als gewitzte Figur über die Bühne springt! Das steigert den Spielwitz. Angelina sehnt sich hier nach einem besseren Leben. Von den garstigen Schwesterm Tisbe und Clorinda wird sie abfällig „Aschenputtel“ genannt, die im Haus ihres Stiefvaters Don Magnifico ein trostloses Leben fristet. Trotzdem bleibt sie aufrichtig und liebenswürdig. Und alles verändert sich, als Alidoro (der Lehrer und Gesellschafter des Prinzen Ramiro) erscheint, um für seinen Herrn eine passende Frau zu suchen. Schließlich kommt es dann zum Happy End, denn der Prinz möchte Cenerentola zur Frau nehmen. Die Familie ist wütend auf sie – und der Prinz Ramiro auf die Familie. Doch nun hat Angelina alias „La Cenerentola“ das Sagen: Sie möchte vor allem den Familienfrieden. Dieses turbulente Handlungsgeschehen zwischen dem Zauber des Belcanto und der feinen Kunst der Commedia dell’arte wird bei Holger Schultze kurzerhand in die Welt der Casting-Shows verlegt. Überall surren Kameras, glänzen Filmsternchen. Hinzu kommt, dass Prinz Ramiro und sein Diener Dandini die Rollen vertauscht haben, was das Verwirrspiel noch komplizierter macht. Manchmal ist es denn auch des Guten zu viel, weil die Handlungsstränge regelrecht explodieren. Die Filmwelt wird hier karikiert. Spezifische Formen der Inszenierung lassen den Alltag der Casting-Kandidatin interessanter erscheinen. Sie wirkt aber immer wieder überfordert. Ein szenischer Höhepunkt ergibt sich, als Ramiro und Dandini dank eines heftigen Gewitters abermals in Magnificos Haus geraten, wo Magnifico die seltsame Verwechslungsgeschichte enthüllt. Er gaubt immer noch, dass seine boshaften Töchter im Rennen sind. „Die Welt ist ein großes Theater“, meint Alidoro. „Wir sind alle Komödianten. Man kann in wenigen Augenblicken die Rollen wechseln“. Nach diesem Prinzip verläuft auch die durchaus abwechslungsreiche Inszenierung von Holger Schultze mit Bühne und Kostümen von Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert. Insbesondere die facettenreiche Choreographie von Michael Schmieder lockert das Geschehen merklich auf.

Foto: Susanne Reichardt
Unter der elektrisierenden Leitung von Junyoung Kim musiziert das Philharmonische Orchester Heidelberg sehr feinnervig und dynamisch ausgewogen. Atemlos hereinbrechende Themen, langgestreckte und spannungsreiche Ostinati mit wirkungsvollem Crescendo, glitzernde Holzbläserthematik sowie feurig prickelnde Rhythmen wechseln sich hier in rasanter Weise ab. Auch der fulminante Herrenchor des Theaters und Orchesters Heidelberg glänzt bei seinen Auftritten. Brillant und bewegend ist dieses Stück, dass der „Schwan von Pesaro“ mit enormer Schnelligkeit schrieb. Theresa Immerz als Clorinda und Elisabeth Wrede als Tisbe verkörpern hier glänzend die garstigen Schwestern, deren schrilles und bedrängendes Rufen von Cenerentolas Namen stark im Gedächtnis bleibt. Die meckernden Zicken treten grell hervor. Anna Alas I Jove ist eine hervorragende Angelina alias „Cenerentola“, deren samtiger und gleichzeitig kraftvoller Contralto deutlich hervortritt. Die quengeligen Sopran-Rivalinnen werden dadurch regelrecht abgestraft. Cenerentolas Geplapper „Quel ch’e padre, non e padre“ wird ebenfalls in reizvoller Weise überzeichnet. Rossini charakterisiert dabei mit sinnlosem Plappern und sinkenden Tonfolgen Cenerentolas verwirrten Geisteszustand. Fesselnd wird das Quintett „Signor, una parola“ gestaltet. Hier erscheint nämlich Cenerentolas doppelzüngiger Stiefvater Don Magnifico, den Stefan Stoll famos verkörpert. Er versucht Aschenputtels Bitte, eine Stunde auf den Ball des Prinzen gehen zu dürfen, abzuweisen. Als Magnifico die Besucher darüber aufklärt, dass dass Mädchen eine simple Küchenmagd sei, eine „servaccia ignorantissima“, endet der Abschnitt hart und brüchig auf der Tonika. Kühnes Es-Dur setzt sich dann beim Auftritt von Alidoro durch, den Wilfried Staber markant darstellt. Joao Terleira als Don Ramiro überzeugt mit stralkräftiger, schlanker Höhe und noch mehr Klangfarbenreichtum. Selbst manche gesanglichen Unebenheiten werden dadurch ausgeglichen. Ipca Ramanovic als gewiefter Dandini kann das Publikum aufgrund seines Charakterisierungsreichtums ebenfalls für sich einnehmen. Ein szenischer und musikalischer Höhepunkt ist erreicht, als die scheinheiligen Charaktere herauszufinden versuchen, wer nun wen hintergeht. Diese brillante C-Dur-Stretta wird vom umsichtigen Dirigenten Junyoung Kim ausgezeichnet herausgearbeitet. Dass Magnificos wirkliches Problem der für ihn lästige Diener Dandini ist, kommt bei dieser Aufführung ebenfalls plastisch zum Vorschein. Eine akustische Perle ist hier ferner jene Szene, als die Bruchstücke von Dandinis „un segreto d’importanza“ in Magnificos „Di quest‘ ingiuria, di quest‘ affronto“ überführt werden. Bei dieser Sechsachtel-Stretta steigert sich Magnifico gekonnt ins Delirium. Neben dem Verschwörungsduett „Zitto, zitto, piano, piano“ betört bei dieser insgesamt gelungenen Aufführung Cenerentolas Auftritt im großen Sextett des zweiten Aufzuges. Die musikalische Substanz von Rossinis Musik glänzt dabei in tausend Farben! Hinzu kommen die bewegenden Einlagen der Tänzer Marzena Buchwald, Holly Mitchell, Joel Spinello und Mareike Villnow (Hammerflügel: Paul Breyer).

Foto: Susanne Reichardt
Jubel und „Bravo“-Stürme des Publikums für diese bravourösen Mysterien eines Waschsalons!
Don Ramiro: João Terleira
Dandini: Ipča Ramanović
Don Magnifico: Stefan Stoll
Clorinda: Theresa Immerz
Tisbe: Elisabeth Wrede
Angelina: Anna Alàs I Jove
Alidoro: Ks. Wilfried Staber
Tanz: Marzena Buchwald, Holly Mitchell, Joel Spinello, Mareike Villnow
Alexander Walther

