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HEILBRONN: MOZARTS REQIEM mit dem Leipziger Ballett

04.03.2016 | Ballett/Tanz

Premiere Mozarts „Requiem“ mit dem Leipziger Ballett im Theater Heilbronn

NACHTIGALL DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Premiere von Mozarts „Requiem“ als Gastspiel mit dem Leipziger Ballett am 4. März 2016 im Theater/HEILBRONN

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Copyright: Ida Zenna

Das Ballett von Mario Schröder, dem Ballettdirektor der Oper Leipzig, setzt die suggestive Musik von Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ mit dem Werk des homosexuellen italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini in Beziehung, der 1975 wahrscheinlich vom italienischen Geheimdienst ermordet wurde. Die Auseinandersetzung mit der Vätergeneration, der Fluch der Genialität, die Lust an der Sinnlichkeit sowie das Mysterium der Religion und des Todes werden bei dieser wertvollen Arbeit auf die Spitze getrieben. Dazu hört man Texte aus Pier Paolo Pasolinis „Die Nachtigall der katholischen Kirche“ (Sprecher: Alessando Zuppardo) und sieht Videosequenzen aus Pasolinis „Teorema“ sowie aus „Das I. Evangelium – Matthäus“. Reminiszenen an den Pasolini-Film „Medea“ mit Maria Callas sind hier ebenfalls erkennbar. Mit kunstvollen Pirouetten und überaus virtuoser Sprungtechnik agiert dabei das exzellente Leipziger Ballett, das die Musik Mozarts tänzerisch voll mitempfindet und miterleidet. Zunächst sitzen die Tänzerinnen und Tänzer auf Schaukeln, die sich in seltsamer Weise zwischen Nebelwolken und Lichtfluten hin- und herbewegen. Tiefe Holzbläser, Trompeten, Posaunen, Pauken und Streicher sind bei diesen facettenreichen Bewegungen mit umso größerer Intensität zu vernehmen. Die Weihe des „Requiem aeternam“ wird suggestiv nachempfunden. Auch der großen Doppelfuge des „Requiem aeternam“gewinnen die Tänzerinnen und Tänzer einen erstaunlichen Bewegungsreichtum ab, der die Körper zur Einheit zusammenschmelzen lässt. Bei der großen Doppelfuge des „Kyrie eleison“ wächst die Kompanie dann ganz zusammen, die Fugenthemen werden auch als grandiose Verneigung vor dem Geist und der feurigen Wucht Händels erkennbar. Ein Höhepunkt ist die dramatische Schwungkraft des „Dies irae“, wo sich der Bühnenhintergrund in geheimnisvoller Weise zu öffnen scheint. Beim „Rex tremendae majestatis“ prallen die Schreie des Chores gegen die starre Erhabenheit des Beginns, was die Tänzerinnen und Tänzer hier ebenfalls ausgezeichnet verdeutlichen. Die packend-bildhafte Vision des Jüngsten Gerichts wird dabei vom Leipziger Ballett eindringlich und sehr plastisch umgesetzt. Höchste Not und Verzweiflung können die Akteure dabei überzeugend ausdrücken. Das Abschwellen dieses emotionalen Aufruhrs bei der demütigen Bitte „salva me“ zeigt nochmals die ungewöhnliche tänzerische Qualität dieser Kompanie. Dazu sieht man im Hintergrund immer wieder die ausdrucksvollen Augenpaare verschiedener Frauen, die sich öffnen und schließen. Pasolinis Text zu „Dies irae“ macht betroffen: „Nein, mit meinem ehrlichen Herzen verbinde ich mich nicht. Es ist zu rein, hat die Kälte des Todes…“ Und an anderer Stelle heißt es: „In einem schwachen Schlachthausgeruch seh ich das Bild meines Körpers: Halbnackt, vergessen, fast tot…“ Pier Paolo Pasolini bekennt angesichts dieser Musik: „Ich liebe das Leben wild und verzweifelt. Und ich glaube, dass diese Wildheit und Verzweiflung mich an mein Ende führen werden. Ich bin skandalös. Ich bin es in dem Maße, wie ich eine Schnur, besser gesagt eine Nabelschnur zwischen dem Heiligen und dem Profanen ziehe.“ Dabei entsteht ein ungeheurer Aufruhr bei der Aufführung mit dem Leipziger Ballett, Mario Schröder hat hierbei wirklich präzise Überzeugungsarbeit geleistet. Das lässt niemanden kalt. Ruhe und Zuversicht sind bei diesen Bewegungen genauso spürbar wie Wärme und keusche Inbrunst. Selbst das kunstvolle Melodiengeflecht der Solostimmen wird vom Leipziger Ballett nuancenreich entwirrt und gleichsam wieder ganz neu aufgerollt. Das „Confutatis maledictis“schildert das qualvolle Los der Verdammten, die Tänzerinnen und Tänzer drehen und winden sich im Bewusstsein der Seelenpein. Selbst das ängstliche Herzklopfen bei „Oro supplex“ ist zu spüren – aus Verzagtheit und Ekstase steigt die Gnade ergreifend empor. Das dunkel-erregte „Hostias“ beschwört in seltsamer Weise die „Zauberflöten“-Szenen, während die Kompanie die majestätische Größe des „Sanctus“ voll erfasst. Mit Einstein gesprochen ist der Tod hier kein Schreckbild, sondern ein Freund. Die Entrücktheit des träumerischen Beginns mündet in den majestätischen Höhepunkt des „Domini“ – bis die gewaltige „Kyrie“-Fuge den ungeheuren Reigen schließt. Lichtstangen heben und senken sich, grenzen die Tänzerinnen und Tänzer ein, die sich zuletzt gegen das abrupte Lebensende zu wehren scheinen. Der Tod wird nicht akzeptiert. Es ist eine CD-Aufnahme mit dem Thomanerchor Leipzig, dem Gewandhausorchester sowie den Sängerinnen und Sängern Jutta Böhnert (Sopran), Susanne Krumbiegel (Alt), Martin Petzold (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass) unter der Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller zu hören – transparent und zurückhaltend. Riesenjubel, der auch den Erzähler Alessandro Zuppardo einschließt, der von der Kompanie einmal sogar auf Händen getragen wird.     

Alexander Walther

 

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