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HEIDELBERG/ Theater: „GERADE SEIN UND MENSCH WERDEN: SOPHIE SCHOLL“ von Karola Obermüller. Uraufführung

02.10.2021 | Oper international

Heidelberg: Gerade sein und Mensch werden: Sophie Scholl von Karola Obermüller. Uraufführung 01.10.2021/Premiere

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 Katarina Morfa, Joao Terleira, dahinter Almerija Delic, Johanna Greulich, Philharmonisches Orchester © Susanne Reichardt

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit erlebte das Musiktheater Heidelberg eine Uraufführung aus aktuellem Anlaß: 2021 jährt sich zum 100.Mal der Geburtstag von Sophie Scholl, Mitglied der Gruppe „Weiße Rose“ und 1943 von den Nazis zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Komponistin Karola Obermüller und die Autorin und Dramaturgin Ulrike Schumann haben aus diesem Anlass ein Musiktheater ‚Gerade sein und Mensch werden: Sophie Scholl‘ (Titel nach einem Briefzitat der Widerstandskämpferin) verfasst. Sie konnten sich dabei auf die in den letzten Jahren erschienenen von Inge Aicher-Scholl und Inge Jens herausgegebenen Erinnerungen, Briefe und Tagebuchauszüge und besonders auf die umfassende und detailreiche Biographie S. Scholls von Barbara Beuys stützen und sich so von einer bis dahin vielfach oft vordergründigen Verklärung der schwäbischen Pfarrerstochter absetzen. 

In der Szenenfolge ihres Werkes gehen sie auch nicht streng chronologisch vor, sondern bevorzugen dramaturgisch vorgegebene Thesen bzw. Geschehnisse, die sie aneinanderreihen. Außerdem wird noch eine Art Gegenwarts-Handlung mit denselben Darstellern eingeflochten. Musikalisch kann Karola Obermüller gleich ihr Können zeigen: Eine Swing-Party in München 1943 mit Sophie und Hans, 2 Freundinnen und einem älteren Freund zeigt, wie die ‚Weiße Rose‘ von amerikanischer Jazzmusik begeistert und angesteckt war und wie ihre Mitglieder ausgelassen dazu tanzen. Die nächste Szene springt gleich in die jüngere Vergangenheit: eine alte Frau und Ira, die Sophie in heutiger Zeit, diskutieren leidenschaftlich über die Flüchtlingsfrage. Dann  sehen wir die ganze Scholl-Familie in Ulm 1933 am Eßtisch. Bis auf den skeptischen Vater Robert sind die Kinder alle noch pro Hitler. Später geht es zwischen Hans, Schwester Inge, einer Freundin und Sophie um „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ in Ulm 1939/40. Zur selben Zeit unterhalten sich Sophie und ihr Freund Fritz Hartnagel über Urwaldblumen, Freiheit und (oder) Zweisamkeit? 1943 geht es mit dem Lied „Die Gedanken sind frei“ zwischen Robert und Sophie darum, daß der Pfarrer ins Gefängnis muß, weil er sich abfällig gegenüber Nazi-Maßnahmen geäußert hat. München 1943 und Heute: Flugblatt-Zirkulation mit Hans, Ira/Sophie, den Freundinnen und älterem Freund. Am Ende und nach dem Todesurteil auch eine heutige Reflexion: ‚Wer wir waren, wer wir sind‘ zwischen alter Frau, mittelaltem Mann und Ira. 

Karola Obermüller hat für diese locker gefügten Szenen und vier instrumentalen Intermezzi eine faszinierende, von den jeweiligen Vorgängen stark inspirierte Musik komponiert, die von den Heidelberger Philharmonikern unter Dietger Holm adäquat und plastisch trocken und mit Verve musiziert oder auch ‚exekutiert‘ wird! Es gelingt Obermüller dabei auch, sich in  die die ganz persönlichen und psychologischen Wesensmerkmale Sophies hineinzuversetzen und damit sehr gefühlsbetonte Klänge zu kreieren, was auch an ihre früheren Werke, darunter eine „hyperkinetische Musik“, anknüpfen könnte. Die Inszenierung im Alten Theatersaal stammt von Magdalena Fuchsberger/Regie und Monika Biegler (Bühne und Kostüme). Oben ist ein Grab mit Kreuz plaziert oder quasi aufgehängt, in der Mittelebene der Scholl’sche Familientisch, und ganz unten sind Bücher, ein altes Grammophon, Schreibkladden und die Vervielfältigungsmaschine abgelagert, alles sehr liebevoll gestaltet wie auch die zeitbedingten Kostüme. Sophie wechselt aber häufig von ihrem knielangen Rock in heutige Jeans  und T-shirt als Ira. Die Inszenierung fällt sehr bewegt und schwungvoll aus, die Hinrichtung durch Fallbeil wird aber nur durch Musikgeräusch, ähnlich aneinander gerissener  Becken, wiedergegeben.

Sophie Scholl wird blendend dargestellt von Katarina Morfa. Mit schwarzer Kurzhaarfrisur und großer schlanker Figur ist sie ein aufgewecktes agiles Wesen, das immer mehr reflektiert und und dabei mit den Anderen interagiert. Stimmlich steht ihr ein durchschlagender Sopran zur Verfügung, den sie in allen Lagen ansprechend einsetzt. Inge Scholl und Freundin 1 ist Johanna Greulich mit ebenfalls sehr ausdrucksstarkem Sopran, den sie auch bis in höchste Höhen einzusetzen vermag. Almerija Delic ist als Lina Scholl, Freundin 2 und als alte Frau heute eingesetzt. Sie entspricht eher einem Mezzosopran, hat aber wie alle Scholl-Frauen, ein durchschlagendes Stimmorgan, das sie auch ganz versiert einsetzen kann. Den Hans Scholl und Fritz Hartnagel gibt Joao Terleira mit einem jungen expressiven dramatischen Tenor erster  Güte. Den Robert, älteren Freund und mittelalten Mann heute stellt Wilfried Staber mit starkem fülligem Baß sehr pointiert dar.                                                   

 Friedeon Rosén

 

 

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