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HEIDELBERG: LULU – Premiere

30.01.2022 | Oper international

Heidelberg: LULU  29.1.2022  Premiere

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Corby Welch, Jennifer Lary. Oben James Homann. Susanne Reichhardt

In einer für Kammerorchester bearbeiteten Fassung von Eberhard Kloke hatte die Oper von Alban Berg /Text vom Komponisten nach den Tragödien „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ von F.Wedekind ihre Live-Premiere. Da Kloke nur die zweiaktige Fassung (der 3.Akt wurde von Friedrich Cerha vollendet) bearbeitete, kam dabei eine handliche 2 1/2stündige Fassung heraus, die umso mehr Corona-kompatibel erschien. 

Aber dadurch konnte das Flair der genialen Lulu-Komposition meines Erachtens nicht herüber kommen. ‚Wozzeck‘ und besonders Lulu sind ja in vieler Hinsicht die Fortsetzung Mahlerscher Symphonik im Bereich der Oper. Hier wird nun sein großes Opus posthum doch etwas auf Niveau einer Moritat in Brecht/Weill-Manier (wobei diese keineswegs schlecht gemacht werden soll) gedrückt. Wenn heute oft lamentiert wird, daß Opern von Regisseur*innen zu stark verfremdet werden, schien doch lange Zeit die musikalische Gestalt sakrosankt, außer bei Barockopern, die nicht ausreichend schriftlich fixiert erhalten sind. Nun hat aber die Pandemie den Vorwand geliefert, groß besetzte Opern zu reduzieren, um sie  spielen zu können. Natürlich schaffen es große Häuser leichter, große Opern wie vom Komponisten gewollt zu realisieren. Heidelberg als herkömmliches Stadttheater mag es da sicher etwas schwerer haben, und wenn Arrangeure bereitstehen, wird sich ihrer bedient, um wenigstens ein eingeschränktes Repertoire aufrecht zu erhalten. Andererseits wird es vielen auch recht sein, den im Gefolge Wagners überbordenden unendlichen Musikfluß einzudämmen, also auch den der sogenannten 12-Ton-Musik eines Alban Berg. Natürlich kann die Musik dann auch mal filigraner wirken, aber letztlich endet sie zurechtgestutzt. Unter diesen Umständen kann man nichtsdestotrotz den Heidelberger Philharmoniker, die auftreten durften, Lob für eine adäquate Wiedergabe der Reduktion spenden, die von dem jungen Dirigenten Paul Taubitz in die Bahnen der vielfältigen Musikformen und Tänze Alban Bergs gelenkt wurde. 

Die Inszenierung hat Axel Vornam übernommen. Ein bühnenfüllender Saal, nach hinten oval begrenzt, ist die Einheitswohnung der Lulu mit ihren verschiedenen Ehemännern. Plötzliche Personenauf- und Abgänge werden durch große Drehtüren gewährleistet, zentral befindet sich eine Zweiflügel-Schiebetür, die sich mit Vorhang zu einer Theaterbühne hin öffnen kann. Der sonst schmucklose Raum ist mit einem roten Riesensofa ausgestattet, das ein fahrbares Getränkewägelchen flankiert. Die Wände sind senkrecht grau schraffiert, und über der Theateröffnung befindet sich noch ein Lichtkasten, der wie ein Vordach wirkt (Bühne: Tom Musch). Die Szenen mit Lulus verschiedenen Liebhabern/Ehemännern spielen sich in sehr lebhafter, aber auch routinierter Personenregie ab. Zwischen den Szenen werden stilisierte Bilder von Lulus Augenpaaren und ihrem roten Mund eingehängt. Ein sw-Kurzvideo zu Lulus Verhaftung stammt von Stefan Bischoff. Lulu tritt in verschiedenen auch gewagten Designer-Dressen und -Roben der  20er Jahre auf, auch mal mit kettenartigem Haarputz oder in mit dauergewellter Platinblond-Frisur. Prinz und Schigolch tragen türkisch inspirierte Anzüge samt Mütze, der Maler geht in einem lässig bunt gebatikten Umhang, die Schöns in ‚korrekten‘ 20er Straßenanzügen. Gräfin Geschwitz in einer schwarzlangen engfließenden Kleid, der Gymnasiast im Matrosenanzug und obligater Brille. (Kostüme Cornelia Kraske)

 

Lulu ist Jenifer Lary mit einem äußerst gediegenen angenehm in die Ohren gehenden Sopran, den sie in den Höhen auch mal sehr affektiv einzusetzen vermag. Sie pflegt jederzeit ihr Image als Gesellschaftsdame und läßt es immer so aussehen, daß die Männer an ihr scheitern und nicht umgekehrt. Die Gräfin Geschwitz Zlata Kershberg kann ihren Mezzo distinguiert in ihren Kurzauftritten einsetzen. Katarina Morfa gibt den Gymnasiast/eine Theatergarderobiere sehr emphatisch aber dabei doch naiv und mit äußerst gepflegtem Mezzosopran. 

Wilfried Staber gibt nach kurzem Vorspiel als sterbender Medizinalrat den Schigolch wie ein türkischer Emir mit Goldbortenanzug und dunkel düsterem Baß, den Maler weinerlich tenoral Joao Terleira, bei dieser Frau (Lulu) prädestiniert zum Selbstmord. Den Dr. Schön stellt James Homann mit unsympathischer Larmoyanz, aber flexiblem Bariton. Sein Sohn Alwa wird von Corby Welch mit schönem weichem, aber belastbarem Heldentenor gezeichnet, und man kann sich vorstellen, daß Berg mit ihm ein Selbstporträt gestaltet hat. Als Tierbändiger etc. tritt bassal athletenhaft Ipca Ramanovic auf. Prinz/Kammerdiener werden von Ewandro Stenzowski tenoral aufbereitet. Als Theaterdirektor und Bühnenarbeiter ergänzen in Kleinrollen Woo Kyung Shin und Matthias Jaegg.

 

Friedeon Rosén

 

 

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