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HECTOR BERLIOZ: LES TROYENS – Ungekürzte live Aufnahme aus der Salle Érasme in Strasbourg mit einem phänomenalen Michael Spyres als Énée – ERATO 4 CDs, 1 DVD

09.12.2017 | cd

HECTOR BERLIOZ: LES TROYENS – Ungekürzte live Aufnahme aus der Salle Érasme in Strasbourg mit einem phänomenalen Michael Spyres als Énée – ERATO 4 CDs, 1 DVD

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Jede neue Aufnahme der Trojaner, einer der besten frz. Opern des 19. Jahrhunderts, ist allein schon des Aufwandes wegen ein Großereignis. Abgesehen von einigen teils hervorragenden DVDs (Gardiner, Pappano, Gergiev) sieht es nämlich hier auf dem reinen Tonträgermarkt ganz und gar trist aus. Neben der berühmten Colin Davis-Aufnahme mit Vickers, Lindholm, Veasey sowie seiner Zweitversion mit dem LSO live aus dem Jahr 2000 gab es nur noch die berühmte ebenfalls vollständige Einspielung unter dem Dirigenten Charles Dutoit, Label DECCA, mit Lakes, Pollet und D. Voigt, die aber schon lange aus den Katalogen gestrichen ist. Die historischen Live-Mitschnitte sind hier nicht berücksichtigt.

 

Der 75-jährige amerikanische Dirigent John Nelson hat sich mit dieser Aufnahme einen Lebenstraum erfüllt. Sie beruht auf Konzerten mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg, Les Choeurs de l’Opéra national du Rhin, dem Badischen Staatsopernchor sowie dem Choeur philharmonique de Strasbourg vom 15. und 17. April 2017 in der akustisch schwierigen Salle Érasme in Strasbourg, am 18. April gab es noch eine Korrektursitzung. Immerhin benötigt dieses Werk eine sechzehnköpfige Besetzung, von der nahezu alle Protagonisten ihre betreffenden Rollen zum ersten Mal sangen, und das größte jemals für eine Oper vorgesehene Orchester. Insgesamt beeindruckende knapp 300 Personen bevölkerten in Strasbourg die riesige Konzertbühne. Das ist für diesen akustisch auf jeden Fall hollywoodtauglichen Historienschinken, dieser großen Saga aus Krieg und Liebe mit dem Brand von Karthago, Riesenschlange, Pferd der Griechen, königlicher Jagd und Sturm auch angemessen.

 

Zur Fassung noch ganz kurz: Auf die kurze Sinon-Szene im ersten Akt wurde verzichtet und Nelson hat aus dramaturgischen Gründen den komprimierten Schluss des fünften Aktes gewählt. Ansonsten wird die komplexe fünfaktige Partitur samt allen Rezitativen, Arien und Monologen, Duetten, Ensembles, Chören und Doppelchören, instrumentalen Pantomimen, Balletten, Hymnen und Märschen sowie gewaltigen Finali zu Gehör gebracht. Das Abenteuer lohnt auf jeden Fall. Der Wiedergabe ist das Glühen des Dirigenten für Berlioz und dessen zweiteiliger Antikentragödie in jeder Sekunde anzumerken. Hier kommt noch die Live-Atmosphäre hinzu, die Stimmung bringt.

 

Sängerisch wartet diese Opern-CD mit einem Geniestreich, vielen positiven Überraschungen, aber auch zwei (sehr) problematischen Besetzungen auf. Michael Spyres ist der beste Énée der Schallplattengeschichte und übertrifft für mich noch die Leistungen in dieser schwierigen Rolle etwa eines Vickers oder Gedda. Berlioz verlangt von seinen Sängern stilistisch zwischen Rameau, Gluck und Wagner so ziemlich alles, was vorstellbar ist: Die Befähigung zu lyrischer Zartheit und dem Spinnen unendlich scheinender Phrasen, gewaltige Intervall-Sprünge und hochdramatische Ausbrüche, bisweilen noch über die Chormassen hinweg. Der Belcantoheld, stilistische Tausendsasse, Höhentiger und ausgewiesene Spezialist für „Unsingbares“ Michael Spyres, der kürzlich  mit dem Soloalbum „Espoir“ bei Opera Rara (wo er auf den Spuren des historischen Vorbilds Gilbert Duprez wandelte)  für Furore gesorgt hat, ist in der Rolle des Énée goldrichtig besetzt. Ob rezitativische Präzision und prägnante Artikulation, verhangene Trauer oder die große auftrumpfende Stimmgebärde, Michael Spyres vermag all dies mit seinem leuchtkräftigen, technisch perfekt sitzenden Tenor nuancenreich und mächtig darzustellen. Natürlich sitzt auch das hohe C. Bewundernswert, wie dieser Künstler zudem die schon von Natur aus üppige Farbenpalette seines Tenors immer weiter anreichern kann. Spyres noch dazu höchst sympathisch, wie aus einer Szene auf der DVD berührend hervorgeht. In dem Moment, wo sein Tenorkollege Cyrille Dubois in der Rolle des Iopas sein berühmtes „Ô blonde Cérès“ anstimmt, schließt Spyres genussvoll die Augen. Allerdings ist dies auch künstlerisch verständlich! Cyrille Dubois, der mich an den jungen Florez erinnert, hat eine der schönsten lyrischen Tenorstimmen, die ich je gehört habe. Zur ebenso bombensicheren Höhe kommt eine Mittellage mit einer höchst wandlungsfähigen Textur, von bissfester Trüffelpasta über Nougatcreme bis hin zu Orangensoufflee. Einfach umwerfend! Anhören, wo und wann immer dieser Name auf einem Besetzungszettel steht. Mit ein wenig Abstand ist auch Stanislas de Barbeyrac in den kleineren Tenorrollen des Hylas und Hélénus eine unglaublich gewinnende Entdeckung.

 

Von den Damen gebührt das ganz große uneingeschränkte Ja der jungen Marianne Crebassa in der Rolle des Ascagne, des 15-jährigen Sohns von Énée. Die beiden weiblichen Hauptrollen, Cassandre und Didon, sind hingegen abweichend von der bisherigen Aufführungspraxis mit zwei virtuosen Belcantosängerinnen besetzt. Die Cassandres, die ich gesehen habe, beginnend mit der wunderbaren Helga Dernesch in Wien bis hin Deborah Polaski in Salzburg oder Anna Caterina Antonacci in Paris, hatten hinreichend dramatische bzw. Wagner-Erfahrung und auf jeden Fall Tragödinnenformat. Marie-Nicole Lemieux hingegen gelingt trotz aller Intensität in der Darbietung kein überzeugendes akustisches Rollenporträt. Zu unruhig wabert der breit geführte Mezzo in Kontraaltlage, zu wenig gebündelt ist die Stimme, zu anspruchsvoll die Vorlage in Relation zu den vorhandenen Mitteln. Viel interessanter ist die Besetzung der Didon mit der höhenlastigen Joyce DiDonato. Prominente Vorgängerinnen wie Regine Crespin oder Christa Ludwig beiseite, kann Joyce DiDonato mit einem noblen Timbre, einer exquisit abgemischten Farbpalette und expressivem Ausdruck punkten. Was diese urmusikalische Künstlerin im fünften Akt beim Monolog „Ah! Ah! Je vais mourir“, der Arie „Adieu, fière cité“ bzw. der Szene „Pluton…semble m’être propice“ an leidenschaftlicher Entäußerung und elementarer Dichte des Gesangs zu bieten vermag, ist aus dem Stoff gemacht, der Melomanen zu Träumen hinreißt und alle möglichen Strapazen auf sich nehmen lässt. Gänsehaut garantiert. Ein großartiges Rollendebüt, bei dem zwar Grenzen hörbar werden, die aber geschickt dramaturgisch in die Gesamtrollengestaltung eingebunden, den Eindruck noch einmal steigern können.

 

Eine komplette Enttäuschung ist hingegen Hanna Hipp in der doch ganz schön großen und wichtigen Rolle der Anna, Schwester der Didon. Die Stimme wackelt im Vergleich zu ihrer Einspielung der Anna aus der Londoner Covent Garden 2012 ganz gehörig. Das Timbre klingt fahl, das enorme Vibrato ist störend. Positiv fallen hingegen Stéphane Degout als Chorèbe, und Philippa Sly als Panthée auf. Nicolas Courjal vermag als Narbal seinen sonoren Bass ins Treffen zu führen, eine bessere Fokussierung und eine ruhigere Stimmführung würden aber auch ihm und dem Zuhörer gut tun.

 

Die Aufnahmequalität, insbesondere die Tiefenstaffelung im Klang und die Transparenz bei den Chören ist weniger brillant als bei den Vergleichseinspielungen von Colin Davis und Charles Dutoit. Die Box bietet gute Live-Qualität, für High End Freaks dürft das Ergebnis eher etwas enttäuschend ausgefallen sein.

 

Fazit: Eine große und wichtige Neuerscheinung, mit Herzblut musiziert. Ein überwiegend französischer Cast sorgt für idiomatische Authentizität. Die im Vergleich zu anderen Aufnahmen weitaus lyrischere Besetzungspolitik hält große Überraschungen und Freuden, aber auch die eine oder andere Enttäuschung bereit. Insgesamt ist die haptisch und graphisch gelungene Box auf jeden Fall hörenswert und eine Empfehlung wert. Auf die definitive Trojaner-Aufnahme muss noch gewartet werden.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

 

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