Staatsoper Hannover: „Parsifal“ – Premiere 24.9.2023

Marco Jentzsch, Irene Roberts. Foto: Sandra Then
In der Hauptstadt von Niedersachsen ebenso wie im nicht zu fernen Minden im Südosten von Nordrhein-Westfalen, wo es dank der Initiative des lokalen Wagnerverbands seit 2002 hervorragende Wagner-Aufführungen gibt, gab es diesmal in zeitlicher Nähe „Parsifal“-Aufführungen, die drei „Merkerinnen“ anlockten. Nachdem uns die Mindener Inszenierung ebenso wie die musikalische Wiedergabe einhellig begeistert hatte, tat es die Inszenierung in Hannover in keiner Weise, schon deshalb nicht, weil wir einfach nicht verstanden, was der Regisseur damit aussagen wollte. Aber wir waren ja in erster Linie wegen des Titelhelden, Marco Jentzsch, gekommen, der uns andernorts bereits als Tristan, Tannhäuser, Loge, Siegmund, Erik, Stolzing, Florestan und als Liedsänger begeistert hatte, den wir als Parsifal aber noch nicht kannten. Und es interessierten uns aus Wien angereiste Damen ebenso wie unsere Mannheimer Merkermitarbeiter natürlich auch alle anderen, uns zum Teil noch unbekannten Sänger sowie der Dirigent.
Die Inszenierung des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnasson, der im kommenden Jahr auch für „Tristan“ in Bayreuth vorgesehen ist, machte es uns jedoch sehr schwer, den musikalischen Teil des Werkes wirklich zu genießen bzw. einmal mehr in seiner vollen Aussagekraft zu verstehen.
Hier ein Erklärungsversuch der lokalen Merkerin Gisa Habitz: „Hätte ich das Programmheft vor Beginn der Aufführung gelesen, hätte ich mich nicht aufregen müssen. Dennoch war das Musikdrama langweilig inszeniert.
Es wurde exakt erklärt, warum diese Art der Regie gewählt wurde. Es geht um die jetzige Aufarbeitung unseres Lebensstandards: zu viel Industrie, weg von der Natur. Deshalb sind die Menschen/ Ritter krank, wollen bzw. können so nicht weiterleben. Die Hoffnung auf Erlösung findest du heute überall bei den Menschen, sie wollen wieder mehr Natur, sind aber noch geblendet vom Industriealltag, finden nicht den richtigen Weg. So ja auch Parsifal, der irrend umherläuft und erst als alter Mensch zur Einsicht kommt. Seit etlichen Monaten treten wir Menschen alle in ein neues Bewusstsein ein – wohl dem, der es erkennt. Weg vom Materialismus hin zu feinem durchsichtigen Miteinander. Insofern ist diese zeitgemäße Inszenierung sehr gut gemacht.
Wir alten „Hasen“ klammern uns jedoch noch sehr an die Vergangenheit, an die Wohlfühlsituation. Uns schmerzen die Bilder von der Hannoverschen Bühne, wir waren dankbar für die Aufführung in Minden, die ja dennoch tiefgreifend war.
Allgemein politisch gesehen, werden wir abwarten müssen, wohin nun dieser Weg der Menschheit gehen wird. Je früher Menschen aufwachen, desto schneller kann der Wechsel eintreten.
Ich befasse mich seit langer Zeit mit dem Erdenproblem: zu viele Maschinen, zu viel ungesundes Essen, zu große Probleme mit dem Stressfaktor. Die Menschen stehen vor Problemen, sehen sie aber nicht: durch Mitleid wissend…..der reine Tor.
Bedingt durch all dieses Wissen jetzt, empfinde ich die Inszenierung insgesamt als einen Aufruf der Menschheit, sich wieder zur Natur hin zu bewegen.“

Marco Jentzsch, Irene Roberts. Foto: Programmheft
Ja, das ist dem Programmheft zu entnehmen. Solche Gedanken sind begrüßenswert. Aber man sollte darob nicht Wagner-fremde Bühnenbilder geboten bekommen. Wenn wir hier ein Foto von der seltsamen Produktion zeigen, verstehen unsere Leser wohl auch, warum wir uns nicht zurecht fanden und mehrfach auch die Personen der Handlung gar nicht identifizieren konnten. Das begann mit der Verdreifachung des Titelhelden: Zu Beginn des 1. Aktes saß der Titelheld stumm links links vorne, dann trat statt des – laut Textbuch und Musik – erschossenen Schwans ein hübscher Knabe etwa im Alter von 12 Jahren als Parsifal auf, danach erst ließ sich der Sänger hören, und am Schluss der Oper sah man zusätzlich einen stummen alten Mann…
Den kahlköpfigen leidenden Amfortas erkannten wir zunächst überhaupt nicht, bis wir erklärt fanden, dass dessen Sänger auch eine zweite Rolle, den Klingsor (!) verkörperte. Alle Gralsritter trugen Hörner. – Lediglich die Blumenmädchen erfreuten in ihren rosafarbenen Kostümen das Auge, wie auch die Kundry, aber sie durften fast nicht agieren, sondern füllten in den für sie vorgesehenen Szenen des 2. Akts lediglich die leere Bühne. Während der musikalischen Überleitung vom 2. zum 3. Akt wurde die gesamte Bühne umgebaut, schwarze Bodenbeläge wurden ausgebreitet und im Hintergrund verschob sich das wasserreiche Steinbecken und oben in der Luft wurden unzählige eiserne Säulen und Wände unter mehrfachen Beleuchtungsvarianten verschoben…Es störte mächtig die Musik.
Die Personenregie ließ so ziemlich alles zu wünschen übrig. Und infolge der ständig nötigen Überlegungen, was die Bühne zu „sagen“ hatte, entging einem weitgehend die musikalische Aussage und die meisten Sänger traten folglich in den Hintergrund. Sind ja wohl auch nicht so wichtig…???
Um wieder auf den Vergleich mit der Mindener Aufführung zu kommen: Dort vernahm man eindringlichst die Naturbezogenheit der Wagnerschen Musik, während die Aussagekraft dieses genialen Opernkomponisten in Hannover sich auf symphonische Wirkung beschränkte.
Der Dirigent Stephan Zilias leitete das Niedersächsische Staatsorchester Hannover und die Solisten wie auch den von Lorenzo Da Rio einstudierten Chor möglichst Partitur-getreu, aber die emotionale Aussagekraft und die Spannung ließ immer wieder zu wünschen übrig.
Die profiliertesten Rollengestaltungen kamen von Marco Jentzsch und Irene Roberts.
Der Tenor, der zu Beginn seiner Karriere zwei Jahre Ensemblemitglied am Hause war, ist nun, nachdem er sich bis auf die beiden Siegfriede das gesamte Wagner-Repertoire ersungen hat, mit dem Parsifal hierher zurückgekehrt. Figürlich – groß und schlank – passt er zu dem noblen Titelhelden, der schon ahnen lässt, dass er zu mehr taugt als zum Erlegen von Schwänen, und sich tief betroffen zeigt über sein Vergehen. Vokal ebenso wie optisch füllt er die Rolle voll aus. Und Irene Roberts, mit sicherer Stimmbasis in allen Lagen sowie guter Wortverständlichkeit, bringt ihre kurzen informativen Einwürfe über seine Mutter ebenso eindringlich wie sie den attraktiven Mann im 2. Akt mit ihren langen Erzählungen von seiner Mutter und mit ihren eigenen amorösen Annäherungen becirct. Und auch nach ihrer Wandlung im 3. Akt ist sie als Bühnenpersönlichkeit voll präsent. – Ganz bezaubernd war die Szene mit den Blumenmädchen, die den jungen Helden zu seiner Freude umschwärmen und sich um ihn streiten – da gab es endlich keine szenische Behinderung! Und umso eindringlicher ist dann seine Erkenntnis „Amfortas! Die Wunde!“, die Jentzsch mit voller Dramatik aussingen kann und mit voller persönlicher und vokaler Strahlkraft sich ob seiner Berufung klar wird.
Den Gurnemanz sang Shavleg Armasi mit angenehmer Stimme und sichtlichem Wohlwollen. Er trat in den langen Szenen, die ihm Wagner gewährt hat, jedoch optisch nie genügend im Vordergrund. Dass Amfortas und Klingsor vom selben Sänger übernommen wurden, ist wohl auf regieliche Überlegungen zurückzuführen. Überzeugen konnte Michael Kupfer-Radetzky, der ja schon viele Wagner-Rollen gesungen hat, als kahlköpfiger Leidender weniger als in der Bösewicht-Rolle. Daniel Eggert war ein solider Titurel. Die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen taten ihr Bestes. Chor, Extrachor, Kinderchor, Statisterie und Bewegungschor der Staatsoper Hannover waren musikalisch kompetent.
Es gab mehrfach Buhrufe gegen die Inszenierung, aber auch reichen Applaus für alle Mitwirkenden. Im Parterre-Foyer konnte man der Premierenfeier beiwohnen. Die Intendantin Laura Bermann begrüßte und bedankte jeden einzelnen Mitwirkenden, deren jede/r sich nach Aufruf mit einem Glas Sekt ein paar Stufen aufwärts begeben durfte, um von allen Seiten gesehen und beklatscht zu werden. Immerhin: ein netter Abschluss des zwielichtigen Premierenabends.
Sieglinde Pfabigan

