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HANNOVER/ Staatsoper: KÖNIG KAROTTE von Jaques Offenbach

„Jetzt sind wir hier und wollen Bier!“ oder Achterbahnfahrt bei Offenbach

15.03.2019 | Operette/Musical

Jacques Offenbach: König Karotte, Staatsoper Hannover, Besuchte Vorstellung: 14.03.2019

 (Koproduktion mit der Volksoper Wien; 8. Vorstellung seit der Premiere am 04.11.2018)

„Jetzt sind wir hier und wollen Bier!“ oder Achterbahnfahrt bei Offenbach

Jacques Offenbach hat für seine 102 Bühnenwerke einige seltsame Libretti vertont, aber „Le Roi Carotte“ dürfte unter diesen, vielleicht mit „Les Fées du Rhin“ (in der laufenden Saison in Biel/Solthurn gezeigt) und „Barkouf“ (in der laufenden Saison an der Opéra National du Rhin gezeigt und ab Oktober 2019 in Köln zu erleben), eine Sonderstellung einnehmen. Als „opéra-bouffe-féerie“ ist sie eine Kreuzung aus komischer Oper (opéra-bouffe) und Zauberoper (opéra féerie), Verschmelzung zweier Traditionen, und Schöpfung des Autoren-Teams Sardou/Offenbach. Hinzu kommt, dass die Geschichte des Königs Karotte ein wilder Ritt durch die Literaturgeschichte und Zeiten ist, also mehr als nur eine seltsame Idee (wie in „Barkouf“ einem Hund die Hauptrolle zu geben oder mit „Les Fées du Rhin“ als in Frankreich eingebürgerter Deutscher jüdischen Bekenntnisses den Deutschen eine pazifistische Nationaloper zu schreiben) oder ein phantastisch-exotischer Schauplatz (wie Lahore in „Barkouf“).

Sardou und Offenbach nehmen den Zuschauer vom Marktplatz im imaginären Königreich Krokodyne mit auf eine Reise durch Paläste nach Pompei, ins Reich der Ameisen, ins Reich des Zauberers Quiribibi, eine Affeninsel zurück in das Krokodyne benachbarte Krackhausen. Prinz Fridolin von Krokodyne soll durch Robin zu einem guten, sprich verantwortungsvollen Herrscher erzogen werden, wird daher temporär von einer Karotte als König ersetzt und muss im Lauf des Abends als Prüfung herausfinden, dass nicht Kunigunde von Krackhausen sondern die von der bösen Hexe gefangen gehaltene Abendtau die ihm Bestimmte ist. Der Librettist Victorien Sardou, vor allem bekannt durch sein Drama „Tosca“, zitiert munter aus der Literaturgeschichte von Plautus „Miles gloriosus“ über Shakespeare, Goethe, E.T.A. Hoffmann bis Voltaire.

Der Staatsoper Hannover ist für den Kraftakt, ein Werk abseits des „Offenbach-Kanons“ aufzuführen, der Dank des Opernliebhabers auszusprechen. Darüber hinaus wurde der am 15. Januar 1872 uraufgeführte und 2015 glanzvoll in Lyon dem Vergessen entrissene König Karotte in der kritischen Edition von Jean-Christoph Keck gezeigt.

Bildergebnis für hannover könig karotte von jacques offenbach
© Jörg Landsberg

Die Inszenierung von Matthias Davids kehrt, entsprechend der Achterbahnfahrt, das unterste nach oben bzw. das letzte an den Anfang. Der Schlussapplaus wird schon mal geübt und das Publikum macht mit. Die Souffleuse nimmt ihren Arbeitsplatz auch nicht von unten sondern von oben, durch Hochklappen der goldenen Muschel ein. Dann läuft in den stark stilisierten Bühnenbildern von Matthias Fischer-Dieskau ein anregender, wilder, bunter, fast schriller Abend ab. Es gibt immer wieder etwas zu entdecken, seien es die bunten Kostüme von Susanne Hubrich oder Aktionen wie die Kleeblattübergabe auf dem Dirigentenpodium im Graben (der Weg führt Robin und Rosée-du-soir) durch die Kabine der Souffleuse und dann fast kriechend durch den Graben).

Letztlich sind aber die fehlende Personenführung, die unbestimmbaren Bühnenbilder und die fragwürdige Ästhetik der Kostüme, für den szenisch unbefriedigenden Eindruck des Abends verantwortlich.


© Jörg Landsberg

Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter Valtteri Rauhalammi spielte ein delikaten, manchmal auch etwas rustikalen Offenbach, wusste im Ganzen aber zu befriedigen. Der Chor der Staatsoper Hannover (vorbereitet von Lorenzo da Rio), der Bewegungschor und die Statisterie der Staatsoper Hannover haben ihre Aufgaben bestens erledigt. Für die Choreographie war Kati Farkas verantwortlich.

Der Besetzungszettel der Hannoveraner Fassung des König Karotte umfasst 24 Rollen. Bei der Uraufführung, die gemäss Quellen über fünf Stunden gedauert hat, dürften es vermutlich noch mehr gewesen sein.

Robin, der im Stück die Fäden in der Hand hat und Prinz Fridolin zum Besseren führen soll, wurde von Josy Santos perfekt verkörpert. Sie überzeugte mit ihrer warmen Stimme, einer enormen Spiellust und grosser Bühnenpräsenz. Eric Laporte gab den Prinzen Fridolin XXIV von Krokodyne. Gegen Ende der Aufführung liessen Bühnenpräsenz und Stimme etwas nach. Stella Motina war Prinzessin Kunigunde und Athanasia Zöhrer war Rosée-du-soir: die beiden Frauen im Leben des Prinzen Fridolin überzeugten mit gut geführten Stimmen. Temporärer Stellvertreter Fridolins war Sung-Keun Park: stimmlich wie szenisch überzeugte er. Eine Geschmacksprobe wurde nicht vorgenommen. Star des Abends war Daniel Drewes, der die Hexe Kalebasse als überragende Transvestitin gab.

Der Abend wird musikalisch in Erinnerung bleiben.

Weiteren Aufführungen: 09.04.2019/19.30, 21.05.2019/19.30, 21.06.2019/19.30.

22.02.2019, Jan Krobot/Zürich

 

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